Jubiläum Berliner Original aus Sachsen: Heinrich Zille und sein sozialkritisches Werk

Seine humoristischen und sozialkritischen Zeichnungen Berliner Alltagsszenen machten ihn bekannt - doch ursprünglich stammt Heinrich Zille aus dem sächsischen Radeburg bei Dresden. Dort wurde der Grafiker und Maler am 10. Januar 1858 geboren. Eine Erinnerung anlässlich des 165. Geburtstages des "Pinsel-Heinrichs" an dessen Leben und Werk.

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Er wurde mit seinen Zeichnungen Berliner Alltagsszenen berühmt, doch ursprünglich stammt Heinrich Zille aus Sachsen. Am 10. Januar 1858 wurde der Grafiker und Maler in Radeburg bei Dresden geboren.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.01.2023 06:00Uhr 03:44 min

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Den "berlinischsten aller Berliner Künstler" – so nannte einmal die berühmte Claire Waldoff, Berliner Volkssängerin aus Gelsenkirchen, ihren Freund Heinrich Zille. Doch der große Zeichner und Fotograf des Berliner Milieus war – wie sie selbst – auch ein Zugereister, ein Sachse. Geboren am 10. Januar 1858 in Radeburg bei Dresden als Sohn des Uhrmachers Johann Traugott Zille und dessen Ehefrau Ernestine Louise.

Wie Heinrich Zille zum Zeichnen kam

Nach dem der Vater im Schuldgefängnis einsitzen musste, versucht die arme Familie in Berlin ihr Glück. Hier beginnt Heinrich mit 14 gegen den Willen der Eltern bei einem Steinmetz eine Ausbildung zum Lithographen. Abends eilt er zum Zeichenunterricht bei Akademie-Professor Hosemann. Der Professor fordert den Jungen auf, nicht Vorbilder zu kopieren, sondern selbst hinaus zu gehen, zu beobachten und zu zeichnen. Diesen Rat nimmt Zille ernst.

Typisch für Zille: Präzise Zeichnungen, warmherziger Humor

Die genaue Beobachtung, gepaart mit präziser Zeichnung und warmherzigem Humor, oft aber auch Sarkasmus und Ironie - das sollte sein Markenzeichen werden. Einer seiner Schüler erzählt:

"Er guckte sich alles ziemlich genau an, er sprach ja nicht viel. Er verarbeitete alles in sich und setzte sich dann zu Hause hin und, da er ja ein großer Sozialkritiker war, hat er das von diesem Standpunkt aus geseh’n. Denn er wollte ja mit seinen Zeichnungen den reichen Leuten zeigen, dass die Armen auch noch leben." 

Reproduktion der Kreidezeichnung "Berlinerinnen" des Künstlers Heinrich Zille
Heinrich Zille war ein präziser Beobachter Berliner Alltagsszenen. Bildrechte: dpa

Kritische Betrachtung von Heinrich Zilles Werk

Bei den Reichen und Aufsteigern, den Profiteuren der neuen Zeit, kommt Zilles zuweilen derber Humor anfangs nicht so gut an. 1901 werden seine Grafiken von der Berliner Secession zum ersten Mal ausgestellt. Titel: "Aus dem Leben der Armen und Zu-Kurz-Gekommenen". Der überlieferte Kommentar eines Offiziers: "Der Kerl nimmt einem ja die ganze Lebensfreude!".

Zille selbst bekommt die Unbarmherzigkeit des ungebremsten Kapitalismus zu spüren. Nach 30 Jahren als Lithograph in der modernen Werkstatt der Photographischen Gesellschaft zu Berlin wird er 1907 entlassen. "Zu alt" sei Zille - mit damals knapp 50 Jahren, und - so bemerkt er bitter: "Nebenbei war ihnen meine Linksrichtung störend."

Zille schon zu Lebzeiten ein Berliner Original

Doch Zille ist da schon populär genug, um seinen Lebensunterhalt allein mit seiner Kunst zu bestreiten. Der "Pinsel-Heinrich" - stets mit Lodenmantel, Filzhut, Zigarre und Skizzenblock unterwegs - wird schon zu Lebzeiten zum Berliner Original:

Jedes Droschkenpferd hat von Dir gehört, Von NO bis J.W.D. – Det war sein Milliöh!

Willi Kollo / Hans Pflanzer "Das Lied vom Vata Zille"

Kunst zwischen Humor und Sozialkritik

Zille zeichnet und zeigt auch in den "goldenen" 20er-Jahren die finsteren Ecken, die dreckigen Hinterhöfe der Deklassierten, die tiefen sozialen Gegensätze dieser Zeit. Zilles Bilder verkaufen sich gut. Doch der schnell wachsende Ruhm hat Schattenseiten. Oft versucht man, mit seiner Kunst die schnelle Mark zu machen. Der Meister selbst wird zum "Witzzeichner" degradiert.

Es tut weh, wenn man den Ernst als Witz verkaufen muss.

Heinrich Zille

Zille versteht sich als sozialkritischer Künstler, erkennt aber, dass er mit Humor und Ironie das Elend Berlins einem größeren Publikum nahebringen kann.

Ausstellung in Radeburg erinnert an Heinrich Zille

Im August 1929, mit gut 70 Jahren, stirbt Heinrich Zille, der genaue Beobachter von Arbeitermilieu und Wannseestrandszenen, der Fotograph und Zeichner dünner Berliner Hinterhofkinder und draller Vorderhausprostituierten.

Ein Besucher des Museums für Kunst und Technik in Baden-Baden betrachtet 2013 das Bild "Strandbad Wannsee" von Heinrich Zille
Badeszene im Berliner Strandbad Wannsee von Heinrich Zille. Bildrechte: dpa

An Zilles Geburtsort, in Radeburg, erinnert an den berühmten Sohn der Stadt heute unter anderem eine Ausstellung im Heimatmuseum. Dort zu entdecken sind auch die besten Werke des jüngsten Heinrich-Zille-Karikaturenwettbewerbs. Dessen Motto: "Schluss mit lustig!"

Redaktionelle Bearbeitung: Lilly Günthner

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Januar 2023 | 06:40 Uhr

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