Buchkritik Helene Bockhorst schreibt unterhaltsamen Roman über Depression

In ihrem ersten Buch verspricht Helene Bockhorst "Die beste Depression der Welt". Die Comedienne steht normalerweise für Poetry Slams, Shows und Fernsehaufzeichnungen auf der Bühne oder geht mit ihrem Soloprogramm auf Tour. Über ihr erstes Buch sagt sie: "Mit Vera, der Protagonistin meines Romans habe ich gemeinsam, dass ich auch Depressionen habe und dass meine Lieblingstiere Fische sind." MDR KULTUR-Literaturkritiker Jan Drees hat das erhellende Romandebüt gelesen.

Helene Bockhorst
Erst Comedy, jetzt das Romandebüt: Helene Bockhorst Bildrechte: imago images / Horst Galuschka

Einst war Vera depressiv. Jetzt möchte die 31-Jährige die dunkelste Phase ihres Lebens in einem Ratgeber verarbeiten, der Krankheit also Sinn abtrotzen: "Manchmal sehe ich es vor mir, wie ich in den Talkshows sitzen werde, und mir Leute mit Tränen in den Augen gestehen, dass ich ihr Leben verändert habe. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke." So klingt es, wenn Depressionen auf moderne Instagram-Selfieness treffen.

Erzählt vom Scheitern

Die obschon ihres Sendungsbewusstseins grundsympathische Vera erzählt über die Strecke von 300 Seiten mit vielen fatalistisch-humoristischen Einschüben, wie sie an ihrer Buchproduktion scheitert – kein Wunder, ein wenig depressiv ist sie weiterhin: "Ich schreibe jeden Tag eine Seite. Aber es ist jeden Tag eine Seite von einem anderen Buch. Auf diese Weise hat man nach einem Monat dreißig erste Seiten von dreißig Büchern."

Buchcover „Die beste Depression der Welt“
Buchcover "Die beste Depression der Welt" Bildrechte: Ullstein Verlag

Dennoch wird am Ende ein Roman entstehen, der zahlreiche Anleihen an bekannte Depressionsgeschichten nutzt – beispielsweise an "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" der US-Amerikanerin Otessa Moshfegh, wo sich eine urbane Frau vom Leben abgewendet hat, aber im Austausch steht mit ihrer besten Freundin. Die beste Freundin in Helene Bockhorsts Debüt heißt Pony und die hat ihr Depressionsbuch bereits geschrieben. Aber kein Verlag will es kaufen, denn nach Ansicht verschiedener Lektorate fehlt etwas Entscheidendes: "Es sei nicht nachvollziehbar, warum eine schöne, kluge Frau Ende Zwanzig an Depressionen leide." Es gehört zu den Irrtümern über diese Erkrankung, dass ein tragischer Anlass notwendig sei, irgendein Schicksalsschlag. Das findet Vera ebenso seltsam wie Pony, die sagt: "Ich werde auf keinen Fall ein totes Kind in mein Manuskript hineinschreiben."

Reiht sich ein in einen Trend

Ab hier sind wir angekommen bei den zahlreichen weiteren Depressionsbüchern dieses Frühjahrs, angefangen bei Jasmin Schreibers Bestseller "Marianengraben", in dem ein kleiner Bruder stirbt. Die "Marianengraben"-Heldin wird daraufhin depressiv. In Bov Bjergs "Serpentinen" ist die Depression zum Lebensbegleiter geworden, vergleichbar mit dem Krankheitsverlauf beim autofiktionalen Erzähler in Benjamin Maacks "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein", wo ein aktueller Schub tagebuchartig stenographiert wird.

In Helene Bockhorsts Debüt ist vor allem die Beobachtung des Umfelds entscheidend. Selbstverständlich wird ihre Figur ermuntert, diese oder jene Heilungsstrategie zu wählen – eine Begleiterscheinung, die man inzwischen als Topos der depressiven Erkrankung benennen kann. Das ist an vielen Stellen auf boshafte Weise erheiternd.

Aus "Die beste Depression der Welt" "SEIT ICH LACHYOGA MACHE, BRAUCH ICH KEINERLEI MEDIKAMENTE", schreit Wendy gegen die Geräuschkulisse des Cafés an. "WENN ICH TRAURIG BIN, DANN ENTSCHEIDE ICH MICH EINFACH GEGEN DIE TRAURIGKEIT UND FÜR DAS LACHEN, UND DANN BIN ICH NICHT MEHR TRAURIG, HAHAHA."

"Die beste Depression der Welt" bringt in Momenten wie diesen vermutlich auch jene zum Lachen, die gegen diese tödliche Krankheit kämpfen. Während die Suizidrate in der Durchschnittsbevölkerung unter 0,5 Prozent liegt, sterben durch Suizid 2,2 Prozent der depressiven Patienten, die ambulant, und vier Prozent, die stationär behandelt wurden.

Helles Buch über seelische Dunkelheit

Mit "Die beste Depression der Welt" hat Helene Bockhorst ein überraschend helles Buch über den Einbruch seelischer Dunkelheit geschrieben – in einem Duktus, der en passant vom Schrecken berichtet, deshalb auch jene ansprechen wird, die bislang von dieser Krankheit verschont wurden, und sich vor allzu drastischen Schilderungen fürchten. So ist dieses Debüt eine leichtgängige Melange aus Depression Memoir, Chick Lit und Tagebuch, ein komplexitätsreduzierter Einstieg in eine Verfasstheit, die schwer in Sprache übersetzt und ebenso schwer geheilt werden kann – so schön es auch wäre, wenn Lachyoga die Therapie erster Wahl wäre.

Angaben zum Buch Helene Bockhorst: "Die beste Depression der Welt"
Ullstein Verlag Berlin, 2020
Hardcover, 320 Seiten
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-550-20076-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Mai 2020 | 11:15 Uhr