Hendrik Otremba
Der Autor Hendrik Otremba wurde 1984 in Recklinghausen geboren. Bildrechte: imago/Piero Chiussi

Buchkritik Hendrik Otrembas Roman "Kachelbads Erbe": Stoff für Weltliteratur

Der Wissenschaftler H.G. Kachelbad friert durch Kryonik Menschen ein, die auf die eine oder andere Weise der Welt entfliehen wollen. Doch der Autor Hendrik Otremba spinnt in seinem Roman "Kachelbads Erbe" den Faden noch weiter, zwischen Realität und Magischem Realismus beleuchtet er Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Unsere Kritikerin Marion Brasch schwärmt, dieses Buch sei aus dem "leuchtenden Stoff, aus dem Weltliteratur entsteht".

von Marion Brasch, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Hendrik Otremba
Der Autor Hendrik Otremba wurde 1984 in Recklinghausen geboren. Bildrechte: imago/Piero Chiussi

Die Handlung in Hendrik Otrembas Roman "Kachelbads Erbe" führt nach Los Angeles, Mitte der 80er-Jahre. Der Wissenschaftler H.G. Kachelbad friert für das Unternehmen Exit U.S. Menschen ein, die im Heute nicht mehr leben können. Kryonik heißt das (in den USA, Russland und China tatsächlich praktizierte) Verfahren, das der Hypothese folgt, man könne der eigenen Sterblichkeit ein Schnippchen schlagen, indem man sich erst dann wieder auftauen lässt, wenn Krankheiten besiegt sind und das Altern aufgehalten werden kann.

Vom Verschwinden

Hendrik Otremba, Kachelbads Erbe
Das Cover von Hendrik Otrembas Roman "Kachelbads Erbe" Bildrechte: Hoffmann & Campe

Doch die Menschen, die zu Kachelbad kommen, glauben weniger an die eigene Unsterblichkeit – sie sind Getriebene ihrer persönlichen Geschichten. Darunter ein ebenso genialer wie glückloser Schriftsteller, eine kanarische Sängerin, die Tochter von Zeitreisenden, ein vietnamesischer Auftragskiller, eine ukrainische Wissenschaftlerin. Sie alle suchen Kachelbad auf, um zu "kalten Mietern" zu werden und aus sehr unterschiedlichen Gründen aus der Welt zu verschwinden.

Und noch etwas haben sie gemeinsam: die Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen. Auch Kachelbad selbst beherrscht diese Kunst. Und so werden er und seine Gefährten zu einer verschworenen Gemeinschaft, bis die Existenz des Unternehmens auf dem Spiel steht. Es fehlt nicht nur an Geld, um die Tanks mit dem nötigen Stickstoff zu versorgen, es sind ihnen auch gefährliche Gestalten auf den Fersen, die Kachelbads Erbe zu vernichten drohen.

Realität und Magischer Realismus

Hendrik Otremba führt die ungewöhnlichen Lebensgeschichten seiner Figuren auf meisterhafte Weise zusammen, indem er sie entweder selbst erzählen oder andere berichten lässt. Wie etwa die junge Rosary, die von Kachelbad zur Wächterin über die Tanks gemacht wird, oder der namenlose junge Mann, mit dem der alte Wissenschaftler die letzten Jahre verbringt.

Hendrik Otremba
Hendrik Otremba ist nicht nur Schriftsteller, er ist auch Musiker – hier bei einem Auftritt im Berliner Kesselhaus Bildrechte: imago/Carsten Thesing

Nur Kachelbads Geschichte selbst bleibt rätselhaft. Woher kommt dieser Mann, der Menschen durch die Zeit und aus einem Jahrhundert retten will, das geprägt ist durch Kriege, Krankheiten und Katastrophen? Otremba gibt darauf keine Antworten, ebenso wie sein Roman sich entzieht, einer Zeit oder einem Genre zugeordnet zu werden. Denn er ist Realität und Magischer Realismus und erzählt gleichzeitig von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – das alles auf sehr atmosphärische und zeitlos schöne Weise. "Kachelbads Erbe" ist aus dem leuchtenden Stoff, aus dem Weltliteratur entsteht: Faszinierendes Gedankenspiel, Wissenschaft, Poesie, Philosophie, Magie.

Angaben zum Buch Hendrik Otremba: "Kachelbads Erbe"
432 Seiten, 24 Euro
ISBN:978-3-455-00618-6
Hoffmann & Campe

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2019 | 08:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2019, 04:00 Uhr

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