Historische Zeichnung des Segelschiffs USS Hartford, das Flaggschiff von David Glasgow Farragut, 1801 - 1870
Ein Handelsschiff aus dem 19. Jahrhundert. Auf ihm hätte sich die Geschichte von "Benito Cereno" abspielen können. Bildrechte: imago/imagebroker

Lesezeit | 01.08.-20.08.2019 Herman Melville: "Benito Cereno" und "Bartleby"

Der Roman "Moby Dick" gilt als eines der bedeutendsten Bücher aller Zeiten, als Parabel für die Unbezwingbarkeit von Natur und Schicksal durch den Menschen. Herman Melville veröffentlichte ihn 1851. Am 1. August jährt sich Melvilles Geburtstag zum 200. Mal. In der Lesezeit senden wir seine Erzählungen "Benito Cereno" und "Bartleby".

Historische Zeichnung des Segelschiffs USS Hartford, das Flaggschiff von David Glasgow Farragut, 1801 - 1870
Ein Handelsschiff aus dem 19. Jahrhundert. Auf ihm hätte sich die Geschichte von "Benito Cereno" abspielen können. Bildrechte: imago/imagebroker

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Melville, am 1. August 1819 in New York geboren, stammte aus einer wohlhabenden Familie. Durch Bankrott und den Tod seines Vaters verarmte die Familie jedoch. Ab 1839 heuerte der junge Melville als Matrose auf Walfangschiffen an, desertierte wegen unzumutbaren Bedingungen, gelangte in die Südsee, wo er verletzungsbedingt einige Zeit bei einem Insulanerstamm, den Typee, verbachte. 1844 kehrte er in die USA zurück und arbeitete als freier Schriftsteller. Weitere Reisen führten ihn nach England, an das Mittelmeer und Palästina. Seit 1863 lebte er in New York, wo er am 28. September 1891 starb.

Zeitgenössisches Porträt von Herman Melville (1819 -1891)
Herman Melville Bildrechte: imago/Leemage

1846 erschien sein Debüt "Typee" (deutsch "Taipi"), in dem er seine Erlebnisse als Walfänger und seinen Aufenthalt auf den Marquesas verarbeitete. Die meisten seiner Werke wurden regelmäßig verrissen. Allein von "Moby Dick" wurden seinerzeit nur 3.000 Exemplare verkauft und noch zu Lebzeiten geriet Melville in Vergessenheit.

"Benito Cereno"

1855, vier Jahre nach Erscheinen von "Moby Dick", veröffentlichte Melville die Erzählung "Benito Cereno". Der amerikanische Kapitän Amasa Delano ankert mit seinem Robbenfänger vor der Insel St. Maria an der chilenischen Küste. Da taucht ein fremdes Schiff auf, es treibt ohne Flagge unkontrolliert auf den Hafen zu. Delano kommt mit Essen und Trinken zu Hilfe - die Besatzung des spanischen Handelsschiffes ist durch Sturm und Skorbut geschwächt - und dezimiert. Und der Kapitän "Benito Cereno" ist abwechselnd von Husten, Trübsinn und brüskem Verhalten geplagt. Als "Fracht" hat der Spanier Sklaven geladen.

Filmszene  - Moby Dick - 1956
"Moby Dick" - Filmszene von 1956 Bildrechte: imago/Prod.DB

Was Delano sofort auffällt, es geht irgendwie merkwürdig zu auf diesem Schiff. Der junge Kapitän scheint keine Autorität zu genießen, und die Sklaven, die "Neger", wie Delano sie nennt, benehmen sich ungewöhnlich frei und respektlos. Und - senden ihm die spanischen Matrosen nicht immerzu Zeichen, oder irrt er sich? Macht Cereno am Ende gemeinsame Sache mit den Sklaven, mit "Untermenschen"? Sicher nicht, denkt der einfältige Kapitän, für eine Intrige seien Sklaven doch viel zu dumm ...

Melville komponiert Spannung auf drei Ebenen: Das, was der amerikanische Kapitän Delano in seiner beschränkten Art wahrnimmt und daraufhin schlussfolgert. Das, was tatsächlich an Bord von Kapitän Benito passiert ist. Und schließlich das, was der Sklave Babo mit seinen Gefolgsleuten inszeniert.

Aber alles, was wir zunächst erfahren, sehen wir nur durch die Augen des Erzählers Kapitän Delano. Wir sind seiner Wahrnehmung ausgeliefert. Doch er hinterfragt nichts. Das alles beschreibt Melville mit subtiler Ironie. Oberflächlich betrachtet scheint es, als würde er den damals üblichen Rassismus thematisieren. Doch seine Erzählung ist ungemein vielschichtiger. Wer hat hier Schuld? Was ist eigentlich passiert? Wem können wir glauben?

Melville verdichtet in dieser vielschichtigen Erzählung den Grundkonflikt der auf den Bürgerkrieg zutreibenden amerikanischen Gesellschaft. Es geht um Wut und Rache, die zu brutaler Gewalt führen, es geht um eine einseitige Betrachtung der Geschehnisse, um eine ungerechte Behandlung der Beteiligten. Es sind genau dieselben Vorgänge, die auch im 20. und 21. Jahrhundert noch immer Konflikte heraufbeschwören. Mit welchem Recht darf wer sich gegen welche Unterdrückung erwehren, und mit welchen Mitteln - ein Dilemma, das nichts an Aktualität eingebüßt hat.

"Bartleby"

Die Erzählung "Bartleby" wurde zunächst anonym 1853 in einer Zeitschrift veröffentlicht. Die Geschichte um den verschrobenen Kanzleischreiber Bartleby halten viele für die beste Arbeit von Melville, sie trägt fast schon kafkaeske Züge. Bartleby geht seiner Arbeit zunächst mit Fleiß und Hingabe nach, doch nach und nach verweigert er sich bestimmten Arbeiten mit dem berühmt gewordenen Satz "Ich würde vorziehen, es nicht zu tun". Am Ende verweigert sich Bartleby dem Leben selbst.

Es gibt die unterschiedlichsten Deutungsversuche von "Bartleby". Manche sehen darin eine Parabel auf Melville selbst, der ein erfolgloser Schriftsteller war. Andere interpretieren die Erzählung als Kritik an der seelenlosen Finanzmetropole New York.

Angaben zur Sendung: MDR KULTUR Lesezeit

"Benito Cereno"
Von Herman Melville
Es liest: Rolf Boysen
Produktion: NDR 1990

"Bartleby"
Von Herman Melville
Es liest Walter Hilsbecher
Produktion: SR 1975

Sendungen:
01.08. - 14.08.2019 | Mo-Fr | jeweils 09:05 Uhr und 19:05 Uhr (Wdh.)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Lesezeit | 01. August 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2019, 04:00 Uhr

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