Hermann Heisig, Tänzer
Hermann Heisig, Choreograf und Tänzer Bildrechte: dpa

Tanztheater "slave to the rhythm" am Schauspiel Leipzig

Der Komponist und Musikpädagoge Émile Jaques-Dalcroze begründete zu Beginn des 20. Jahrhunderts die rhythmisch-musikalische Erziehung. Im Konzext der Lebensreformbewegung ging es dabei um die Suche nach dem "neuen Menschen", eine Art sozialutopisches Experiment. Der Choreograf Hermann Heisig, Artist in Residence am Schauspiel Leipzig, versucht mit seinem Stück "slave to the rhythm" eine körperliche Annäherung an Dalcrozes Methode: Wie lässt sich das utopische Potential mit heutiger Lebenserfahrung zusammenbringen?

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Hermann Heisig, Tänzer
Hermann Heisig, Choreograf und Tänzer Bildrechte: dpa

Hermann Heisig ist ein Mann für das außerordentliche Bewegungstheater. In Leipzig geboren und als tänzerischer Quereinsteiger mit inzwischen einigen auch internationalen Meriten im europäischen Kontext unterwegs. Gerne mit Elpida Orfanidou, Tänzerin und Performerin aus Griechenland und so etwas wie eine Weggefährtin von Hermann Heisig.

Ich arbeite mit Hermann seit Jahren zusammen, und in diesem Projekt fragte er mich, ob ich Klavier spiele und die Rolle des Lehrers übernehme, der das Drinnen und Draußen der Mitwirkenden mischt.

Elpida Orfanidou, Tänzerin und Performerin

Eine Art Bolero im Zweigfingersystem entlockt Orfanidou einem Synthesizer, während sich die Tänzer auf abstrakt skurrile Weise den Raum erobern. Mit dabei ist auch Alma Toaspern, die ihre ersten semiprofessionellen Tanzschritte auch hier in der Stadt gemacht hat: "Im Leipziger Tanztheater hab ich unter Irina Pauls eine Zeit lang getanzt, bin dann zum Studium nach Frankfurt Main, dann nach Brüssel und seitdem freischaffend unterwegs. Hermann und ich hatten schon seit längerem darüber gesprochen, ob wir nicht mal zusammen was in Leipzig machen wollen. Da wir beide viel weg sind und tatsächlich selten in Leipzig arbeiten können. Da war das eine super Gelegenheit, als er mich angesprochen hat, ob ich dabei sein will."

Wie bringt man einen Rhythmik-Reformer des frühen 20. Jahrhunderts auf die Bühne?

Dabei sein wollten auch Jessica Batut und Pieter Ampe aus Belgien. Zu fünft sind diese "Sklaven des Rhythmus" auf Spurensuche in Sachen Émile Jaques-Dalcroze, dem Rhythmik-Reformer des frühen 20. Jahrhunderts. Der Schweizer trieb seine spezielle Erziehungsmethode einst im sächsischen Hellerau auf die Spitze.

Wir haben das als Einfluss genommen. Es geht da weniger um eine Rekonstruktion der originalen Vorlage von Dalcroze, sondern wir haben probiert, wie wir das auf unsere Körper übertragen können. Und über was kann man denn damit sprechen, wenn man rhythmische Übung als Sprache benutzt, als eine Körpersprache.

Hermann Heisig, Choreograf und Tänzer

Eine körperliche Erkundungstour mit Synthesizer

Soviel sei verraten, Heisig geht es bei dieser körperlichen Erkundungstour weniger um Harmonie - wie das bei Dalcroze der Fall war. Der Rhythmus bei dem man hier mit muss, denkt Dalcroze weiter ins 21. Jahrhundert. Und wird nicht nur am simplen Synthesizer kreiert. Der Soundtüftler Gunnar Wendell gibt zu Protokoll:

Es gibt halt viele Sachen, die so ein bisschen vermischt sind. Manches kommt aus dem Off, von hinter der Bühne und von den Sachen, die ich gemacht habe und vermengt sich dann aber auf eine Art mit den Dingen, die auf der Bühne passieren. So ist es auch mit den Geräuschen. Es gibt so ein Feedback zwischen den elektronischen Klängen und den Geräuschen, die im Raum entstehen. Und im Idealfall kommt man dann an so einen Punkt, wo man nicht mehr genau weiß, was woher kommt.

Gunnar Wendell, Soundtüftler

Für das Bühnenbild stand Adolphe Appia aus Hellerau Pate

Das Bühnenbild dafür hat sich Heisig bei einem Weggefährten von Jaques-Dalcroze ausgeliehen. Es gibt viele Treppen und Schrägen auf der Bühne - und die hat einst der Bühnenbildner Adolphe Appia entwickelt - auch unmittelbar für den Rhythmik-Unterricht.

Es hat so diese Doppelfunktion: Einerseits was Abstraktes, Ästhetisches, andererseits was ganz Praktisches als eine Art Übungsinstrument oder Hindernis, was man überwindet. Das fand ich als Idee für uns sehr spannend.

Hermann Heisig, Choreograf und Tänzer

Weil Adolphe Appia seinerzeit auch in Hellerau gearbeitet hat, hätte Heisigs Leipziger Projekt doch eigentlich viel besser nach Hellerau gepasst?

Wir waren jetzt auch in Hellerau in der Recherchephase um auch den Originalort kennen zu lernen. Viel von uns kannten den nicht. Und tatsächlich ist auch das Festspielhaus in Hellerau ein Koproduzent des Stücks. Es kann gut sein, dass wir nächstes Jahr damit in Hellerau zu sehen sein werden.

Hermann Heisig, Choreograf und Tänzer

May Zarhy und Hermann Heisig während der Fotoprobe zu Next to Near in den Sophienaelen in Berlin.
Choreograph und Tänzer Hermann Heisig in Aktion Bildrechte: imago/Martin Müller

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. April 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 03:00 Uhr

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