Szene aus dem Stück ''Hier und jetzt und himmelblau'' von der Staatsoperette Dresden.
"Hier und Jetzt und Himmelblau" in der Regie von Jan Neumann Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Pawel Sosnowski

Staatsoperette Dresden "Hier und Jetzt und Himmelblau" erinnert gekonnt an Loriot

An der Staatsoperette Dresden will die neue Intendantin Kathrin Kondaurow das Genre Operette kräftig entstauben. Zum Spielzeitauftakt startet sie mit einer vielschichtigen Revue, geschrieben von Multitalent Jan Neumann. Die Intendantin und der Regisseur kennen sich schon vom Deutschen Nationaltheater Weimar. Kann die Inszenierung die Erwartungen erfüllen? MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky hat die Aufführung von "Hier und Jetzt und Himmelblau" überzeugt.

Szene aus dem Stück ''Hier und jetzt und himmelblau'' von der Staatsoperette Dresden.
"Hier und Jetzt und Himmelblau" in der Regie von Jan Neumann Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Pawel Sosnowski

MDR KULTUR: Die Revue, die Jan Neumann zum Auftakt der Saison für die Staatsoperette Dresden geschrieben hat heißt "Hier und Jetzt und Himmelblau". Was ist das für eine Geschichte?

Stefan Petraschewsky: Das ist wirklich eine gelungene Überraschung gewesen, denn eigentlich wird hier gar kein Stück gezeigt, sondern "nur" das gezeigt, was vor Vorstellungsbeginn im Publikum passiert. Mit welchen Erwartungen sie ins Theater kommen, mit welchen Träumen und Wünschen und wie ihr konkreter Alltag an diesem Tag aussah. Es sind immer kleine Szenen, die als Monolog oder Dialog starten und dann den passenden Operetten-, Musical- oder Schlagertitel dazusetzten. Wie in einer Mozart-Oper: Erst Rezitativ, dann Arie.

Wir sehen als Bühnenbild zu Beginn das Foyer eines Revuetheaters, das "Grand Plaisir" heißt. Das Bühnenbild wird immer wieder aufwendig verwandelt: buntes Licht, Gold, Kristalllüster – also ganz so, wie in Goethes "Faust" im "Vorspiel auf dem Theater", wo der Theaterdirektor anrät: "Drum schonet mir an diesem Tag, Prospekte nicht und nicht Maschinen." Das Bühnenbild in Dresden baut Cary Gayler, die in Dresden schon viel mit Volker Lösch am Staatsschauspiel gearbeitet hat.

Szene aus dem Stück ''Hier und jetzt und himmelblau'' von der Staatsoperette Dresden.
Die Kostüme der Aufführung hat Nini von Selzam gestaltet Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Pawel Sosnowski

Und es gibt hier einen "Platzanweiser", der durch das Stück führt. So eine Art Sprecherrolle, die die Szenen ordnet und zusammenbindet; die auch die Gedanken der – gespielten – Zuschauer lesen kann. Unterm Strich also ein Spiel mit dem Publikum über das Thema, was eine Staatsoperette denn nur eigentlich leisten soll. Das ist klug ausgedacht und auch gut gelungen.

Schon der Titel "Hier und Jetzt und Himmelblau" deutet ja auf zwei Aspekte: "Himmelblau" ist leicht und luftig; "Hier und Jetzt" ist der vielleicht gar nicht so leicht zu nehmende Alltag? Gibt es da diese zweite Ebene?

Ja. Und vielleicht nenne ich mal zwei Beispiele, die zeigen, was da für ein großer Bogen aufgespannt wird. Gleich zu Beginn gibt es eine Szene, die an Loriot und den Rentner Erwin Lindemann erinnert. Hier ist es ein Ehepaar, das sich nach vielleicht 30 Ehejahren nichts mehr zu sagen hat. Es entspinnt sich ein völlig absurder, belangloser Streit an der Frage, ob Hitler auf Schloss Ernich gewesen sei. Dann ist es wie bei Erwin Lottemann und der Herrenboutique mit dem Papst. Am Ende bringt der Mann einen Toast auf Hitler aus, zumindest sieht es so aus und klingt so, ist aber ganz anders gemeint. Das Thema ist also: die Missverständnisse des Alltags.

Es gibt auch die Frage eines Kindes: Was ist Glück? Und das ist dann die Geschichte über eben dieses Kind, das als Frühchen auf die Welt kam und knapp in einem Brutkasten überlebt hatte. Das sei Glück. Oder die Geschichte über den Hamster, der eines Morgens tot im Käfig liegt und den Tagesablauf komplett durcheinander bringt. Da ist vieles auch sehr heutig und ernst und eben gar nicht luftig.

Szene aus dem Stück ''Hier und jetzt und himmelblau'' von der Staatsoperette Dresden.
Die Choreografie in "Hier und Jetzt und Himmelblau" stammt von Radek Stopka. Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Pawel Sosnowski

Das Orchester der Staatsoperette spielt unter Chefdirigent Andreas Schüller. Es gibt aber auch noch eine zusätzliche Band. Wie geht das alles zusammen?

Für meinen Geschmack sehr gut. Eine runde Ensembleleistung. Und auch ein Lob an die Tonabteilung, weil die Sänger mit Mikroport auftreten und das immer hervorragend abgemischt ist.

Musikalisch möchte ich aber noch eine Sache nennen, an der kann in dieser Inszenierung niemand vorbei, denn es ist ein zu deutliches Statement. Es ist eine Szene, in eine "Frau in den besten Jahren" auftritt, gespielt von Ingeborg Schöpf. Sie steht allein auf der Bühne, verspürt plötzlich einen Stich in der Brust, denkt über den Tod nach, darüber, welche Bilder dann noch einmal ablaufen und überlegt, ob es wohl die Spülmaschine ist, die sie gerade noch ausgeräumt hat, oder der Fleck vom Frühstücksei auf dem Kleid.

Und dann singt sie plötzlich die Arie der Marschallin aus dem "Rosenkavalier"!? Sie singt also das, was normalerweise in der Semperoper zu sehen und zu hören ist. Diese Oper von Richard Strauss wurde auch in der Semperoper uraufgeführt. Man könnte das, was die Staatsoperette hier macht, ein Sakrileg nennen. Ich nenne es ein klares Statement.

Szene aus dem Stück ''Hier und jetzt und himmelblau'' von der Staatsoperette Dresden.
"Hier und Jetzt und Himmelblau" will auch Genregrenzen überschreiten Bildrechte: Staatsoperette Dresden/Pawel Sosnowski

Und so ist es wohl auch gemeint, dass nämlich die Grenzziehung zwischen E und U heutzutage nicht mehr sinnvoll ist; dass die Staatsoperette Dresden einen anderen Weg gehen will, weil das Publikum heutzutage auch ganz anders Musik hört, nämlich überall und selektiv. Es gibt hier im Stück auch eine sehr berührende Chorszene, in der dieses digitale Erleben Thema ist. Die Botschaft des Abends lautete deswegen auch: Das Gesamtkunstwerk in einer Länge von fünf Stunden, das ist die Vergangenheit. Anders gesagt: man kann den "Rosenkavalier" auch mit der Spülmaschine kombinieren!

Was aber noch immer so ist, das ist die Kraft der Musik, Erinnerungen und Gefühle wachzurufen. Und das trotz aller Unterschiede, die die konkreten Personen ausmachen. Die Inszenierung hatte am Ende also auch etwas Versöhnendes und aktuelle Bedeutung.

Die Aufführung "Hier und Jetzt und Himmelblau" | Revue

Musik: Leo Fall bis Friedrich Holländer, von Sven Helbig bis Wincent Weiss
Text: Jan Neumann

Auftragswerk der Staatsoperette Dresden

Aufführungen:
Sonntag, 08. September 2019, 15:00
Dienstag, 10. September 2019, 19:30 Uhr
Mittwoch, 11. September 2019, 19:30 Uhr
Donnerstag, 12. September 2019, 19:30 Uhr
Samstag, 14. September 2019, 19:30 Uhr
Sonntag, 15. September 2019, 15:00 Uhr
Samstag, 26. Oktober 2019, 19:30 Uhr
Sonntag, 27. Oktober 2019, 15:00 Uhr

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MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Kathrin Kondaurow 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. September 2019 | 13:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2019, 15:10 Uhr

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