Premiere: "Hieronymus B." Die Bilderwelten des Hieronymus Bosch als Tanztheater in Halle

In Halle feierte das Tanztheater "Hieronymus B." die düsteren Welten des Hieronymus Bosch. Die Zuschauer werden dabei schon zu Beginn in zwei Gruppen aufgeteilt und teilweise mitten ins Geschehen verbracht. Choreografiert hat das Tanzstück die Holländerin Nanine Linning. Unseren Kritiker begeistert das verstörend-schöne Gesamtkunstwerk.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR-Bühnenkritiker

In Halle hatte am Samstag die Tanztheater-Produktion "Hieronymus B." Premiere. Entstanden ist sie in der Choreographie von Nanine Linning. Die Holländerin wurde 1977 in Amsterdam geboren. Schon in sehr jungen Jahren war sie mit Anfang 20 Choreographin am Scapino Ballett Rotterdam, einer zeitgenössische Compagnie. Sie selbst hat keinen professionellen, eigenen Tänzerinnenhintergrund.

Tänzerinnen im Ballett "Hieronymus Bosch"
Die hautfarbenen Kostüme suggerieren Nacktheit der Tanzenden Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Linning  ist eine sehr eigenständige Theaterfrau, die in ihren Arbeiten gerne die Genres verschmilzt: Tanz mit bildender Kunst, mit Haut Couture, sie hat verschiedentlich mit Modemacherinnen zusammengearbeitet, lange Jahre auch mit einer eigenen Compagnie in Holland. Dann kam sie nach Deutschland, war in Oldenburg und bis vergangenes Jahr auch in Heidelberg Ballettchefin, wo auch die Uraufführung von "Hieronymus B." im Jahr 2015 stattfand, dem angenommenen 500. Todesjahr des Malers, denn um Hieronymus Bosch und seine Bilderwelten geht es in dieser Produktion.

Direktes Eintauchen in die Bilderwelt Boschs

Nanine Linning, 2011
Nanine Linning Bildrechte: dpa

Man kann also sagen, dass in Halle nun ein Remake zu sehen ist. Linning hat ihren künstlerischen Apparat mitgebracht, dazu das Bühnenbild, die Kostüme. Aber die Tänzer sind die vom Ballett Rossa. Diese Produktion ist eine absolut zu begrüßende Weiterführung einer in vielen Aspekten aufwendigen Arbeit, die so nicht nur dem Hallenser Publikum, sondern auch der sonstigen interessierten Tanzwelt noch ein bisschen erhalten bleibt. Statt der üblichen Flüchtigkeit kommt's hier mal zu einem Nachhaltigkeitseffekt.

Die getanzte Bilderwelt des Hieronymus Bosch ist auf der Bühne absolut wiederzuerkennen. Das Publikum nähert sich dieser in zwei Gruppen. Die eine schaut erstmal etwas theoretisch drauf, auf Leben, Werk und Wirkung, die andre taucht gleich voll ein. Neben seiner normalen Sitzplatzkarte bekommt man beim Einlass nämlich noch ein Kärtchen, das einen ins A- oder B-Team einteilt. B nimmt im Zuschauerraum Platz, dessen Türen dann verschlossen werden. A geht direkt auf die Bühne und taucht wirklich in die Bilderwelt von Hieronymus Bosch ein, nennen Sie es begehbare Geisterbahn oder ein mittelalterliches Jahrmarktstreiben.

Tänzerin im Ballett "Hieronymus Bosch"
Das Publikum ist ganz dicht dran Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Surreale Erfahrungen

Es gibt sieben magischen Buden, in denen die Tänzer Bosch-Motive nachstellen, mit dem Publikum spielen, ein Narr kurvt in seinem Schiffchen irre kichernd durchs Gedränge, nach und nach tauchen immer mehr der bekannten surrealen Wesen aus den Bildern Boschs auf. Mehr Performance als Tanz ist das. Bis sich zwischen den Zuschauern plötzlich der Bühnenboden nach oben hebt. Barockmusik erklingt aus dem Off und auf dem erhöhten Podest beginnt ein abstraktes tänzerisches Beziehungsspiel zwischen zwei Paaren. Sehr getragen, sehr mystisch, sehr schön – und gar nicht so lang, dann fährt der Bühnenboden wieder runter. Ein Vorhang, der das Geschehen vom Zuschauerraum getrennt hat, fährt hoch und die Zuschauergruppe wird von den Boschgestalten sanft dorthin geleitet, wo man normalerweise sitzt. Erstaunlicherweise sitzen dort nicht, wie zu erwarten, die anderen Zuschauer der Gruppe B. Die sind weg, wer weiß, wohin.

Tänzer und Tänzerinnen im Ballett "Hieronymus Bosch"
Ein Winden der Körper Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Für Gruppe A beginnt jetzt eine von kleinen Livetanzaktionen untermalte Videosequenz. Eine Art künstlerischer Lehrfilm, der den Maler Bosch ins Bewusstsein und sein zeitliches Umfeld 1450-1516 stellt. Der Buchdruck wird erfunden, Amerika entdeckt, die Renaissance-Malerei erlebt ihre Höhepunkte, die Inquisition nimmt ihren Lauf. Ein wenig bekommt man eine Ahnung, von dieser Zeit und aus welchen Ängsten der totalen Veränderung diese Höllenwelten des Hieronymus B. entstanden sein könnten. Aber es bleibt alles sehr wage.

Und dann hebt sich plötzlich der Bühnenvorhang und da sind sie, die anderen Zuschauer der Gruppe B. Die hat inzwischen auf der Bühne das erlebt, was Gruppe A vor ein paar Minuten gesehen hat. Man sieht sich sozusagen selbst zu. Ein schöner, hintergründiger Effekt. Dann fliegen krachen die Saaltüren auf. Pause.

Kostümierte Nacktheit

Nun geht es weiter in der klassischen oben-unten Situation. Jetzt auch mit dem Ballett, das die Boschverkleidungen abgelegt hat - bis auf die Haut. Doch es ist eine kunstvoll kostümierte Nacktheit, in der die Tänzerinnen und Tänzer agieren. Wobei man die zunächst nicht mitbekommt. Auf der Bühne steht nur ein großer toter Baum, schwarz im grellen Gegenlicht. Dessen Wurzelgeflecht beginnt plötzlich, sich zu bewegen, ein scherenschnittartiges Wimmelbild regt sich. Die Tänzer quellen, zappeln, schieben sich heraus aus diesem lebendigen Wurzelwerk. Eine Teufelsgestalt erscheint oben im Baum und dirigiert diese Menschenmasse, so könnte man es interpretieren, dazu, vom Baum der Erkenntnis zu essen.

Tänzer und Tänzerinnen im Ballett "Hieronymus Bosch"
Ein Teufel scheint den Tanz zu lenken Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Die Folgen sind bekannt. Aus dem Paradies geht's hinaus ins Leben, das eine urmenschliche Hölle zu sein scheint, in der sich die Tänzer gegenseitig zerfleischen. Dann tritt eine Sängerin dazu, die mit barockem Wohlklang einen paradiesischen Background zum Höllenspiel abliefert. So entspinnt sich ein verstörend schönes und sehr packendes Auf und Ab zwischen Himmel und Hölle, im Bewegungsalphabet auch zwischen klassischer Grundierung und Abstrakt-Zerhackt-Sportivem changierend.

Tänzer und Tänzerinnen im Ballett "Hieronymus Bosch"
Adam und Eva auf einem überdimensionalen Granatapfel, ganz wie in Boschs Bildern Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

Am Ende Hoffnung

Es folgt ein starkes Schlussbild, das sich – ja – aus religiöser Hoffnung speist. Da erscheint ein Engel, der nicht von dieser Welt zu sein scheint. Im überwältigenden Kostüm sorgt er für tänzerische Besinnung. Und am Ende sitzen Adam und Eva in Jeff-Koons-Manier auf einem überdimensionalen Granatapfel, während der Rest des Ensembles aus der Bühnenmitte auf einer Himmelsleiter nach oben klettert und Yulia Sokolik mit ihrem Mezzosopran barock verzaubert, bis sich der Vorhang senkt.

Und als man dann, beim Applaus, auch noch mitkriegt, dass der Soundtrack im zweiten Teil nicht aus dem Off kam, sondern von der Staatskapelle im Graben live produziert wurde, kann man nur den Hut ziehen, vor diesem im besten Wortsinn verstörend-schönen und zum Nachdenken anregenden dreistündigen Gesamtkunstwerk.

Tänzer, Tänzerin und Orchester im Ballett "Hieronymus Bosch"
Obern wird getanzt, direkt darunter spielt das Orchester Bildrechte: Theater, Oper und Orchester GmbH, Anna Kolata

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. März 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2019, 13:22 Uhr

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