Ein Kind schreibt das Wort 'Schule' in ein Übungsheft.
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Bildung Hirnforscher Gerald Hüther: Wie Lernfreude beim Schreibenlernen hilft

Gerade werden die vermeintlich richtigen Lernmethoden wieder heiß diskutiert. Sollte man nach Gehör Schreiben lernen oder mit der Fibel? Was nützt den Kindern im weiteren Leben mehr? Und kann man mit der falschen Lernmethode auch etwas kaputt machen? Experte für diese Fragen ist der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther. Im Gespräch mit MDR KULTUR verweist er auf die angeborene Lernlust und die Problematik der adäquaten Bewertung von Leistungen.

Ein Kind schreibt das Wort 'Schule' in ein Übungsheft.
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MDR KULTUR: Wenn Kinder in die Schule kommen, dann wird ihnen noch viel stärker als zuvor vorgegeben, wie sie lernen sollten. Da gibt es dann eine Unterrichtsweise und Lehrmethoden, am besten für die ganze Klasse die selbe. Was sagt denn die Lernforschung zu solchen Konzepten? Ist das für ein Kinderhirn akzeptabel, dieses nivellierte Lernen?

Prof. Dr. Gerald Hüther - Neurobiologe
Gerald Hüther, Neurobiologe Bildrechte: imago/IPON

Gerald Hüther: Die Lernforschung in den akademischen Einrichtungen geht ja davon aus, dass das System so laufen muss, wie es läuft. Und deshalb können sie ja auch nur innerhalb der vorgegebenen Muster denken.

Jetzt bin ich aber Hirnforscher und kann mir die Freiheit herausnehmen, zu sagen, dass das nicht so günstig ist, wenn man Kinder zum Objekt von Belehrungen macht. Und dann auch noch alle gleichzeitig und alle nach den gleichen Kriterien. Und dass man damit etwas erreicht, was auch ein Lernprozess ist - der ist sogar ziemlich schwer - nämlich, dass Kinder die Freude am Lernen verlieren.

Das ist ja so, dass die Kinder alle mit dieser unbändigen Entdeckerfreude und Gestaltungslust auf die Welt kommen, und in den ersten drei Lebensjahren kann man das ja auch beobachten. Und wenn die dann feststellen, dass sie nicht mehr lernen dürfen sondern lernen müssen, dann ist das eine schwere Verletzung.

Kann man Schule so gestalten, dass Kinder ihrem eigenen Tempo gemäß individuell lernen können?

Ich glaube, prinzipiell kann man das schon. Aber innerhalb dieses gegenwärtigen Schulsystems ist das natürlich schwer. Weil, die Schule hat ja zwei Aufgaben, und das wird ja häufig vergessen. Es geht ja nicht nur darum, dass man Kindern hilft, sich das Wissen dieser Welt anzueignen, wo man dann hofft, dass sie das später im Leben auch mal gebrauchen können. Sondern, Schule hat ja auch die Aufgabe, die Guten und die Schlechten zu sortieren. Das ist natürliche eine sehr fragwürdige Aufgabe, die man der Schule da zugewiesen hat.

Da haben wir jetzt mehrere Problematiken vor uns: einmal das Lernen-müssen und dann das Bewertet-werden in der Schule. Und dann die Frage: ist es innerhalb dieses Systems überhaupt zu korrigieren, wenn man es denn beides akzeptiert als Fehlentwicklung? Ich setze mal bei dem dritten Punkt an: Wie müsste denn ein System aussehen, in dem diese beiden Sachen behoben werden?

(beide lachen)

Wir dürfen ja mal spinnen!

Eine ältere Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm
Kleinkinder lernen noch voller Begeisterung - und ohne Benotung. Bildrechte: imago/Westend61

Das ist ja auch wichtig, dass wir das miteinander besprechen, weil ja auch viele Eltern sich gar nicht vorstellen können, dass es anders geht. Sie kennen es ja auch nicht anders. Und die einfachste Forderung, die man an Schule stellen müsste, heißt, es müssten dort Bedingungen geschaffen werden, dass kein einziges Kind diese mitgebrachte und angeborene Freude am Lernen verliert. So einfach ist das!

Und jetzt können wir uns darüber unterhalten, wie das gehen soll? Und dann stellen wir schnell fest, dass das schwer umsetzbar ist. Und man müsste dann jedem einzelnen Kind das Gefühl geben, dass es so wie es ist richtig ist. Und man müsste ihm helfen, bei den Versuchen, das Wissen anzueignen und das ist dann bei jedem Kind etwas anders, weil die Kinder ja alle sehr verschieden sind. Also müsste man jedes Kind ein bisschen genauer angucken.

Manchmal geht es, dass man diese Lernprozesse in Gruppen verlagert, so dass kleine Kindergruppen sich dieses Wissen gemeinsam aneignen. Und das führt dann dazu, dass der eine das besser kann und  der andere jenes besser kann - und dass jeder so einen eigenen Beitrag leistet, damit dann am Ende etwas rauskommt, auf das sie dann alle stolz sein können miteinander.

Das Lesenlernen wird gerade viel diskutiert. Da gibt's die Fraktion "Lesen und Schreiben" um den Pädagogen Jürgen Reiche - und es gibt reichlich Widerspruch dagegen. Kann man aus der Hirnforschung etwas ableiten, das in diesem erbitterten Streit weiterhilft? Da sprechen sich die einen für die Fibel aus, andere für das lautorientierte Schreiben, bei dem aus dem aus der "Milch" dann schon mal die "Mülsch" wird. Was sagt der Hirnforscher zu diesem Methodenstreit?

Das verfolgen wir ja nicht erst seit kurzem, dass es solche unterschiedlichen Auffassungen gibt und immer wieder ist solcher Streit ausgebrochen. Manchmal hat sich das Alte wieder durchgesetzt und manchmal hat sich auch etwas ausgebreitet, was tatsächlich weniger bedenklich ist.

Aber prinzipiell kann man ja sagen, dass, wenn man eine ganz strenge Vorgabe gibt, wie mit der Fibel, wo genau drin steht, wie das zu gehen hat, ist es für viele Kinder eine Ordnungsstruktur, die sie dann bekommen, die dazu führt, dass dann bestimmte Ergebnisse dabei auch erreicht werden, die man wieder gut abprüfen kann. Und deshalb bin ich eigentlich nicht erstaunt darüber, dass man bei solchen Kindern dann feststellt, die so mit der Fibel in diesem Stil gelernt haben, dass die auch bestimmte Fragen, oder bestimmte Aufgaben dann besser bearbeiten können.

Dann läuft es hinaus auf die Frage: Wie bewerten wir Erfolg? Ist für mich der Erfolg das richtig geschriebene Wort, dann weiß ich, welche Methode da ganz sicher hinführt - unter Verlusten. Oder ist für mich der Erfolg die Freude am Lernen, andere Dinge, die Sie als Hirnforscher vielleicht besser beschreiben können, wo sich dann eine offenere Methode anbietet.

Kind schreibt Postkarte
Welche Methode, das Schreiben zu erlernen, ist die beste? Bildrechte: IMAGO

Deshalb hatten wir am Anfang gesagt, das Wichtigste, worauf es ankäme, ist die Aufrechterhaltung dieser angeborenen Freude am Lernen. Und das ist vor allem deshalb wichtig, weil wir jetzt in eine Zukunft hineinmarschieren mit diesen Kindern, wo eigentlich heute ja sowieso keiner mehr sagen kann, was die in zwanzig Jahren, wenn die mal die Schule verlassen haben wirklich brauchen.

Aber was sie definitiv brauchen und wo sie überall scheitern werden, wenn sie das nicht haben, ist diese Freude am eigenen Entdecken und Gestalten, am Verantwortung für sich selber zu übernehmen, Freude an dem zu haben, was sie da tun. Sonst sind sie in dieser dann digitalisierten, automatisierten Welt 4.0 verloren. Es wird möglicherweise keiner mehr eine Stelle finden, der nichts weiter gelernt hat, als dass Lernen keinen Spaß macht.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

Prof. Dr. Gerald Hüther - Neurobiologe 7 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Oktober 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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