Hannelore Hoger
Das Hörbuch "Mittagsstunde" wurde von Schauspielerin Hannelore Hoger eingelesen und -gesungen. Bildrechte: IMAGO

Gelesen von Hannelore Hoger "Mittagsstunde" als Hörbuch noch besser als gelesen

Im Roman "Mittagsstunde" erzählt Dörte Hansen von den Tragödien des Lebens - und das in einem vermeintlich idyllischen Dorf in Friesland. Schauspielerin Hannelore Hoger liest den Bestseller ungekürzt und knarzig wie eine norddeutsche Eiche.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR

Hannelore Hoger
Das Hörbuch "Mittagsstunde" wurde von Schauspielerin Hannelore Hoger eingelesen und -gesungen. Bildrechte: IMAGO

Man stelle sich vor: ein Dorf in Nordfriesland, irgendwo zwischen Flensburg, Kiel und Husum. "In the middle of nowhere", wie man leicht abschätzig sagen könnte. Aber doch, auch und gerade dort leben Menschen, deren Geschichten nicht weniger tragisch, komisch, traurig und berührend sind als anderswo. Dörte Hansen erzählt uns einige davon, ersinnt sie nahe an der Wirklichkeit entlang, die sie gut kennt, ist sie doch in der Gegend aufgewachsen. Der Ort, den sie sich dazu erfindet, heißt Brinkebüll und "Mittagsstunde", der Titel des Romans, kommt nicht von ungefähr. Weist er doch auf eine überlieferte dörfliche Tradition, die jedem Brinkebüller Kind schon mit der Muttermilch eingeflößt wurde:

Niemand konnte leiser essen und Treppen hinaufsteigen als Kinder, die in Nordfriesland aufgewachsen waren. Wenn es etwas gab, was den Leuten hier oben heilig war, dann war es ihre Mittagsstunde.

aus "Mittagsstunde" von Dörte Hansen

Bevölkert wird Brinkebüll von einigen Leuten, die so rauh und ungebändigt daherkommen wie die Landschaft zwischen Nord- und Ostsee. Da ist Marret, ein wunderliches altes Mädchen, das durchs Dorf streift, Zigarettenstummel sammelt und vom Weltuntergang raunt. Da sind ihre greisen Eltern, Ella und Sönke, denen der Dorfgasthof gehört, der so wie sie die besten Zeiten längst hinter sich hat. Und da ist Marrets Sohn Ingwer.

Ingwer Feddersen, der den Gasthof hätten übernehmen sollen, aber stattdessen lieber nach Kiel geflohen ist, um Archäologe zu studieren. Nur für eine Weile ist Ingwer nun zurückgekehrt, um die Großeltern zu pflegen, zwischendurch hat er viel Zeit zum Nachdenken und Innehalten, wie im Buch beschrieben wird: "Er sah im großen Spiegel, der im Flur hing, einen bärtigen entfärbten Mann in ausgeblichenen Jeans, lang und hager, graues Hemd, das alles war noch nicht so schlimm. Was ihn erschreckte, war sein Blick, aus dem Spiegel schien ihn einer dieser friesischen Gelehrten anzusehen, die er von Ölgemälden oder alten Schwarz-Weiß-Fotografien kannte. Norddeutsche Melancholiker, die in den Wintermonaten in Chroniken versanken, Jahrzehnte über Mundartwörterbüchern brüteten, Gedichte über schwere Nebel, welkes Laub und Heidekraut verfassten, Novellen über Wiedergänger. "

Hallig Nordfriesland
Nordfriesland Bildrechte: IMAGO

Über die Ambivalenz des Dorflebens

Es ist Ingwer Feddersen, der die Ambivalenz des Dorflebens verkörpert, in ihm sich Sehnsucht und Abkehr vom Ort seiner Herkunft verdichten. Denn auch wenn er längst in der Stadt lebt, richtig angekommen ist er dort nie. Immer wieder zieht es Ingwer Feddersen heim, zu Ella und Sönke, die er lange für seine Eltern hielt. Denn das alte Mädchen Marrit war bei seiner Geburt viel zu jung und wer der Vater ist, das hat sie nie verraten.

Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes. Manches schwebte schon Jahrzehnte lang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meist, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, angehauchtes und vermutetes und unausprechliches und halb vergessenes. Das Schweigen war wie eine Muttersprache, man lernte es wie man das Sprechen lernte. Schon die Kinder wussten, was man sagten durfte und was nicht.

aus "Mittagsstunde" von Dörte Hansen

Dörte Hansens Sprache kommt gesprochen noch besser zur Geltung

Autorin des Bestseller-Romans "Mittagsstunde": Dörte Hansen.
"Mittagsstunde"-Autorin Dörte Hansen Bildrechte: MDR/Sven Jaax

Heimat und Herkunft und das sind die vordergründigen Themen, um die der Roman "Mittagsstunde" kreist. Dazu kommen die Gespenster, die in jeder wirklichen und fiktiven Familiengeschichte toben, Schuld, Neid, Liebe und Leid, die Dörte Hansen ohne jeden Pathos und deshalb umso wahrhaftiger einfängt. Hannelore Hoger, die diesen Roman in über elf Stunden komplett eingelesen hat, ist dafür die ideale Interpretin. Sie knarzt, sie rumpelt, sie singt, sie spricht Platt und lässt jeden einzelnen der eigenartigen Brinkebüller Bewohner auf seine Art leuchten. Dörte Hansens nüchterne und schnörkellose Sprache passt gut zur nordfriesischen Landschaft und gesprochen kommt sie sogar noch besser zu Geltung als nur gelesen. Genau das ist es, was man von einem richtig guten Hörbuch erwartet.

Hörbuch-Cover: Mittagsstunde von Dörte Hansen
Bildrechte: Randomhouse Audio

Infos zum Hörbuch: "Mittagsstunde" von Dörte Hansen
gelesen und gesungen von Hannelore Hoger
erschienen im Verlag Random House Audio
9 CDs, Gesamtspielzeit: 11 Stunden, 31 Minuten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Januar 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2019, 04:00 Uhr

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