Eine Hand greift nacheinem BH
Die Protagonistin des Romans lernt ihre Mutter nach ihrem Tod von einer ganz anderen Seite kennen. Sie findet beispielsweise Dessous, die ihre Mutter sonst nie getragen hat. Bildrechte: Colourbox.com

Hörbuch Warum sich Elena Ferrantes Debütroman "Lästige Liebe" lohnt

Elena Ferrante wurde mit ihrer Neapolitanischen Saga um zwei ungleiche Freundinnen bekannt (Band eins: "Meine geniale Freundin"). Jetzt bekommt ihr Debütroman die Aufmerksamkeit, die er verdient. Besonders lohnt sich das Hörbuch, gelesen von Schauspielerin Eva Mattes, die u.a. als "Tatort"-Kommissarin Klara Blum bekannt ist.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR

Eine Hand greift nacheinem BH
Die Protagonistin des Romans lernt ihre Mutter nach ihrem Tod von einer ganz anderen Seite kennen. Sie findet beispielsweise Dessous, die ihre Mutter sonst nie getragen hat. Bildrechte: Colourbox.com

Amalia ist tot. Halbnackt wird sie am Strand gefunden. Es ist der 23. Mai, der Geburtstag von Amalias Tochter, an dem sie sie in Rom hatte besuchen wollen. Stattdessen muss Dalia nun ihre Mutter identifizieren: "Lange und mit Unbehagen betrachtete ich die olivbraunen, für eine 63-Jährige ungewöhnlich jugendlichen Beine. Mit demselben Unbehagen stellte ich fest, dass der BH sich sehr von den verschlissenen unterschied, die sie normalerweise trug. Die Körbchen waren aus feinster Spitze und ließen die Brustwarzen durchscheinen. Sie waren durch drei gestickte 'V' miteinander verbunden, dem Markenzeichen der Schwestern Vossi, eines neapolitanischen Geschäfts für teure Dessous." Wie starb ihre Mutter Amalia, warum starb sie und warum trug sie nichts als einen teuren BH? Das sind die Fragen, die Dalia von nun an umtreiben werden und, man darf es bei dieser Meistererzählerin erwarten, für einfache Antworten ist Elena Ferrante nicht zu haben.

Wie gut kennt man seine Eltern wirklich?

Verglichen mit der Neapolitanischen Saga um Lila und Lenú erzählt "Lästige Liebe", der erste Roman von Elena Ferrante, auf den ersten Blick eine leicht überschaubare Geschichte. Nur ein paar Tage werden hier erzählt und das Personal ist übersichtlich. Neben der Erzählerin Dalia, einer 45-jährigen Comiczeichnerin aus Rom und ihrer Mutter Amalia, einer Schneiderin, stehen zwei Männer zentral: Dalias Vater und ein gewisser Caserta, dem Dalia bereits bei einem Streifzug durch Neapel begegnet, der Stadt ihrer Kindheit: "'Kann ich Ihnen behilflich sein?', fragte er mich als ich mit ihm zusammenstieß. Nur wenige Sekunden, um den Stoff seines Hemdes an meinem Gesicht zu spüren, die blaue Kappe des Stiftes zu bemerken, der aus seiner Jackettasche ragte und zugleich den unsicheren Ton seiner Stimme wahrzunehmen, den angenehmen Geruch, die nackte Haut seines Halses, sein dichtes, weißes Haar in perfekter Ordnung."

Erst viel später wird Dalia klar, welche entscheidende Rolle dieser Caserta spielt. Nicht nur als einstiger Geschäftspartner ihres Vaters, sondern vor allem als mysteriöser Verehrer ihrer Mutter. In deren Wohnung zurückgekehrt, erhält Dalia einen rätselhaften Anruf von ihm. Und während sie in den Hinterlassenschaften ihrer Mutter stöbert, tauchen noch mehr Rätsel auf. Sie findet abgelegte Unterwäsche im Müll und Männerhemden in der Schmutzwäsche, obwohl Amalia allein und schon Jahrzehnte getrennt von Dalias Vater lebte. Zusehends entwickelt sich "Lästige Liebe" zu einem psychologischen Puzzle, dessen Teile aus eigener Erinnerung, aus Erzähltem und Vermutetem Dalia versucht zusammen zu setzen, um sich trotz aller Rätsel ein vollständiges Bild ihrer Mutter zu machen. Und je näher Dalia dem Leben ihrer verstorbenen Mutter zu kommen glaubt, desto fremder wird sie ihr. Bald glaubt sie, dass es da noch eine ganz andere Amalia gegeben haben muss, als die, die mit einem höchst eifersüchtigen Kunstmaler verheiratet gewesen war.

Wunderbar nuanciert gelesen von Eva Mattes

Die Schauspielerin Eva Mattes posiert bei den Dreharbeiten zum "Tatort - Wofür es sich zu leben lohnt" in der Innenstadt von Konstanz am Bodensee.
Schauspielerin Eva Mattes hat den Roman von Elena Ferrante eingesprochen. Bildrechte: dpa

Unübersehbar bewegt sich Elena Ferrante mit ihrem Romandebüt "Lästige Liebe" bereits in der Welt ihres Opus Magnum. Es sind dieselben Lebenswelten neapolitanischer Familien, dieselben archaischen Familienstrukturen, die geprägt sind von den Rachegelüsten betrogener Männer und den Fluchtgedanken talentierter Frauen. Und während es in der Neapolitanischen Saga zwei Freundinnen sind, die nicht mit und nicht ohne einander können, sind es hier Mutter und Tochter.

Es ist die Schauspielerin Eva Mattes, die der Erzählerin Dalia in diesem Hörbuch ihre Stimme leiht und sie tut das ruhig, unaufdringlich und fein nuanciert. Das passt ganz wunderbar zu der klaren Sprache Elena Ferrantes, die noch die erschütterndsten Szenen ohne jeden Pathos zu beschreiben weiß. 2003 war "Lästige Liebe" schon einmal auf Deutsch erschienen, doch erst jetzt, nach dem großen Erfolg der Saga aus Neapel, bekommt auch das Romandebüt von Elena Ferrante zu Recht die entsprechende Aufmerksamkeit und soll auch das Hörbuch hier wärmstens empfohlen werden.

Angaben zum Roman: "Lästige Liebe" von Elena Ferrante (Erstveröffentlichung 1992)
Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Krieger

als Hörbuch erschienen bei Der Hörverlag
komplett gelesen von Eva Mattes
Vier CDs, Laufzeit: 5 Stunden, 8 Minuten
CD 17 Euro

Als Buch erschienen bei Suhrkamp
Gebundenes Buch, 206 Seiten
22 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Januar 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Januar 2019, 04:00 Uhr

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