Chor beim Jugendmusikfest Sachsen-Anhalt.
Wer schon als Kind im Chor singt, tut seinen Hörsinnen einen Gefallen Bildrechte: Jugendmusikfest Sachsen-Anhalt, Barbara Bräuer

Forschung Warum Chorkinder ein Leben lang feiner hören

Wir sind umgeben von Geräuschen, ob Supermarkt-Dudelmusik oder Straßenlärm. Andererseits werden die Musik-Wiedergabesysteme immer detaillierter, Klänge umschweben uns filigran im Surroundklang und Bässe drücken in tiefste akustische Keller. Wie fein können wir überhaupt noch hören? Und hören Klassik-Fans wirklich detailreicher als Popmusik-Anhänger? Prof. Michael Fuchs ist dazu im Gespräch, er leitet die Phoniatrie und Audiologie an der Uniklinik Leipzig.

Chor beim Jugendmusikfest Sachsen-Anhalt.
Wer schon als Kind im Chor singt, tut seinen Hörsinnen einen Gefallen Bildrechte: Jugendmusikfest Sachsen-Anhalt, Barbara Bräuer

MDR KULTUR: Sind wir heute überhaupt noch in der Lage, differenziert zu hören, in Zeiten, wo wir auf Schritt und Tritt beschallt werden oder uns selber auch beschallen lassen?

Prof. Michael Fuchs: Ich glaube, dass ein großer Teil dieser neuen Entwicklungen, gerade wenn man an solche Entwicklungen wie Surroundklänge denkt, auch viel mit einer multidimensionalen Wahrnehmung zu tun haben. Das heißt, wir hören ja nicht mehr nur aus verschiedenen Richtungen, sondern wir fühlen uns auch anders, wenn wir umgeben sind von Klang.

Die andere Frage ist, wie kann die immer bessere Auflösung von Klang uns helfen, Feinheiten im Klang einer menschlichen Stimme oder eines Instrumentes oder auch eines Orchesters heraus zu hören. Wieviel bringt mir das an Genussfähigkeit beim Hören, oder auch, wenn ich interessiert bin an Feinheiten, die ich heraushören kann. Und dazu muss man sagen, unser Ohr ist sehr fein. Das kann also kleinste Unterschiede von Lautstärken, kleinste Unterschiede von Tonhöhen Wahrnehmungen auflösen. Das geschieht schon in der Kochlea, also im Innenohr und wird dann im auditorischen Kortex, also in der Hörhirnrinde weiter verarbeitet.

Dennoch ist es so, dass das ja ein sehr schneller Prozess ist. Also, die Klänge, die Melodien, die Geräusche, die ändern sich ja sehr schnell. Und das ganze muss vom Gehirn quasi online verarbeitet werden. So dass hier wirklich ein Training des Hinhörens notwendig ist, damit man all diese Angeboten, die diese neuen Technologien mit sich bringen, auch wirklich nutzen kann.

Sind denn die Hörerwartungen für Klassik andere also für Popmusik?

Ein Geiger am Notenpult
Auch das Erlernen eines Instrumentes verfeinert den Gehörsinn Bildrechte: IMAGO

Ich glaube schon, dass die Hörerwartungen beim Hören von klassischer Musik differenzierter sind. Dass es dort eben beispielsweise darum geht, bestimmte Klangstrukturen zu erkennen. Unsere menschliche Stimme beispielsweise besteht, wie der Ton eines jeden Instrumentes aus einer Grundfrequenz und vielen Obertönen. Diese Obertöne machen den Klang aus, die Charakteristik des Klanges, lassen beispielsweise auch erkennen, wer dort singt oder wer dort spielt. Und diese Feinheiten werden sicherlich beim Hören klassischer Musik deutlich stärker wahrgenommen als bei der Popmusik. Die ist ja oft sehr rhythmusbezogen, auch sehr sprachbezogen. Dort spielen sozusagen andere Elemente des Hörens eine vorrangigere Rolle. Aber ich will nicht sagen, dass es nicht auch tolle Popmusik gibt, wo es um Klangteppiche, wo es um Klangstrukturen geht, die sehr spannend sind.

Welche Erfahrungen machen Sie bei Kindern und Jugendlichen, die ja fast schon mit dem Knopf im Ohr zur Welt kommen? Hat sich das Hörverhalten verändert und vielleicht auch die Zunahme an Hörschäden?

Musik hören mit Kopfhörer
Vorsicht! – Kopfhörer können das Gehör schädigen Bildrechte: IMAGO

Also zum einen muss man sagen, die Zahl an Hörschäden im Kinder- und Jugendalter können wir nicht als ansteigend bezeichnen. Wobei das trügen kann, weil, in der Regel Lärmschwerhörigkeiten oder Schwerhörigkeiten durch zu lautes Hören, von Musik beispielsweise, sich erst über viele Jahre entwickeln. Das heißt, es ist zu vermuten, dass lautes Hören von Musik bereits im Kinder- und Jugendalter Schaden anrichten kann. Aber das tückische dabei ist, derjenige bemerkt es noch nicht. Er merkt es erst 20, 30 Jahre später. Und das Ganze ist ja in der Regel ein unumkehrbarer Prozess. Ich kann das nicht ursächlich, sondern nur noch mit Hörgeräten oder anderen Implantaten behandeln.

Was wir bei Kindern und Jugendlichen aber beobachten, ist – und das konnten auch eigene Studien unserer Leipziger Arbeitsgruppe belegen – wir haben beispielsweise beim Vergleich von Kindern, die in Chören singen und Kindern, die nicht in Chören singen, deutliche Unterschiede in der Klangwahrnehmung feststellen können. Und das wiederum wirkt sich natürlich auch auf den Umgang mit der eigenen Stimme aus. Also, man kann sagen, aktives Musizieren, Instrumentenspiel oder Singen trainiert diese auditiven Fähigkeiten, diese feinen Hörwahrnehmungsfähigkeiten sehr. Und es ist sehr empfehlenswert, dass man das im Kinder- und Jugendalter schon tut, weil die Vorteile, die man sich dort antrainiert, die man sich anhört, die hat man eigentlich ein Leben lang.

Wie sollte man denn gesund Musik hören?

Gesund Musik hören heißt im Grunde genommen auf das Ohr achten. Und wir wissen, dass laute Intensitäten das Ohr schädigen können. Da gibt es einen kritischen Wert, der liegt bei 85 dB. Man sagt, jeder Schall, der lauter als 85 dB ist, kann das Ohr schädigen.

Das ist interessant, was Sie sagen, aber eine Studie hat belegt, ein Drittel aller Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren hört mindestens täglich zwei Stunden Musik – und das bei einer durchschnittlichen Lautstärke von 89 dB!

Das ARD Radiofestival 2016 unter der Federführung des WDR steht vom 16. Juli bis 10. September bundesweit und täglich ab 20.05 Uhr für allerbeste Sommer-Radio-Unterhaltung aus neun ARD-Kulturprogrammen und ganz Europa. Das ARD Radiofestival ist auch per Digitalradio oder im Internet zu hören: per Livestream sowie mit zahlreichen Hörbeispielen und Audios zum Nachhören. SWR2 KONZERT: HEIDELBERGER FRÜHLING, "ARD Radiofestival 2016", Eröffnungskonzert 20. Heidelberger Frühling, am Donnerstag (21.07.16) um 20:04 Uhr. Igor Levit, Klavier
Pianisten wie Igor Levit hören feinste musikalische Nuancen. Bildrechte: SWR/Radio Bremen/Felix Broede

Ja, nun muss man dazu sagen, es geht hier nicht nur um die Intensität, sondern auch um die Dauer (wir sagen Expositionszeit). Und diese 85 dB hat man mal festgelegt, weil man weiß, wenn jemand einen Arbeitstag, also acht Stunden diesen 85 dB ausgesetzt ist, und das über viele Jahre, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass sich eine Lärmschwerhörigkeit entwickelt. Also, das  ist der Schwellenwert, ab dem es gefährlich wird. Aber Spitzen von Intensitäten, die manchmal bis 100 dB und lauter gehen – auch wenn ich beispielsweise mit Kopfhörern höre, wenn ich in Diskotheken gehe, in Konzerte gehe – da reichen viel kürzere Zeiten. Manchmal auch nur wenige Minuten oder gar Sekunden, die einen dauerhaften Schaden am Ohr anrichten können. Deswegen ist es immer eine Frage der Intensität selbst, aber auch der Expositionszeit.

Und es gilt, wenn man sein Ohr schützen will: nicht zu laut und nicht zu lange! Das bedeutet, den Verstärker nicht zu stark aufdrehen. Man kann sagen, das Hören mit Kopfhörern, einschließlich Einsteckhörern ist tendenziell gefährlicher, als wenn ich mit Boxen im freien Schallfeld höre. Und, nicht zu lange! Geben Sie dem Ohr auch immer wieder Zeit, sich zu erholen, damit die Durchblutung wieder dafür sorgen kann, dass diese kleinen Sinneszellen im Innenohr versorgt werden. Sich nach ihrer Arbeit erholen können. Und dann sind sie auch wieder bereit für das nächste Schallereignis.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2019, 19:07 Uhr