Globuli
Globuli oder "Glaubuli" – über homöopathische Arznei wütet ein Glaubenskrieg Bildrechte: imago/Christian Ohde

Doku "Magic Pills" Homöopathie – Wunder oder Wissenschaft?

Gibt es wirklich Argumente für oder gegen die Homöopathie? Oder mündet die Frage ohne Umwege in einen Glaubenskrieg? Die Auseinandersetzung um diese Alternativmedizin findet in der Regel auf polemischer Ebene statt. Die Homöopathin und Filmemacherin Ananda More hat mit ihrer Doku "Magic Pills: Homöopathie – Wunder oder Wissenschaft?" den Versuch unternommen, die Diskussion nüchtern und sachlich zu führen.

von Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Globuli
Globuli oder "Glaubuli" – über homöopathische Arznei wütet ein Glaubenskrieg Bildrechte: imago/Christian Ohde

Die Fronten verlaufen in der Regel so. Skeptiker der Homöopathie sagen, wie der Mediziner Joseph Schwarcz: "Homöopathie ist eine ganz spezielle Disziplin. Ich hasse es, sie einen Zweig der Medizin zu nennen, da ich nicht glaube, dass sie irgendeine medizinische Qualität hat."

Die kanadische Filmemacherin Ananda More, Opfer einer gegen Homöopathie und ihre Tätigkeit gerichteten Negativkampagne, versucht in ihrem Film "Magic Pills" das unmöglich Scheinende: den Gegenbeweis anzutreten. Dass das in einem Dokumentarfilm natürlich nicht gelingen kann, liegt auf der Hand, aber auch hier gilt, dass "der Weg das Ziel" ist. Kurzum: "Magic Pills" ist eine spannende, äußerst komplexe Reise durch die Welt, auf der Filmemacherin More Wissenschaftler, Therapeuten und Patienten trifft, um herauszufinden, ob Homöopathie wirksam ist oder lediglich ein perfektes Placebo, das Millionen Menschen täuscht und vielleicht sogar Leben gefährdet.

Erfolge in der Dritten Welt

Station Eins der Reise: Afrika. Der Mediziner Jeremy Sherr behandelt viele Patienten, die keinen Zugang zu einer schulmedizinischen Aids-Therapie haben, mit Homöopathie. Die Daten seiner Therapie listet Ananda More in "Magic Pills" auf. Dann Indien, dann Kuba: Dort tritt nach der tropischen Regenzeit und den Überflutungen des Landes durch Hurrikans Leptospirose auf, die Gelbsucht und Nierenversagen verursacht und gar tödlich enden kann. Nach einigen der stärksten Wirbelstürme in der Geschichte Kubas im Jahre 2008 stiegen die Leptospirose-Fälle um 27 Prozent auf der Insel. Außer in den drei Provinzen, in denen homöopathisch interveniert worden war. An diesen Orten sank die Infektionsrate und blieb weit unter historischem Niveau.

Anmerkung der Redaktion In einer vorherigen Version der Rezension hieß es im obenstehenden Absatz:

"Die Daten seiner erfolgreichen Therapie listet Ananda More in "Magic Pills" auf."

Da die Einschätzung "erfolgreich" nicht belegt wurde, haben wir den Text korrigiert.

Szenenbild 'Magic Pill': Mädchen bekommt Globuli
Eine indische Patientin – Szene aus dem Film "Magic Pills" Bildrechte: Ananda More

Die Wissenschaftler des kubanischen Finlay-Instituts – selber keine Homöopathen – reichten diese Erkenntnisse bei vier medizinischen Fachzeitschriften ein. Zu ihrer Überraschung wiesen alle Journale ihre Arbeit zurück, ohne wissenschaftliche Begründung.

Von den Vorbehalten gegenüber homöopathischen Themen berichtet auch Peter Fisher, inzwischen verstorbener Leibarzt der englischen Königin:

Vor 20 oder 30 Jahren publizierte ich im 'British Medical Journal'. Heute geht das nicht mehr. Sie haben entschieden, dass die Homöopathie wirkungslos ist und daher ausgegrenzt werden muss.

Peter Fisher, ehemaliger Arzt von Königin Elisabeth II.

In den USA wird die Homöopathie, so beschreibt es Filmemacherin Ananda More, heftig verteufelt; in Europa ist sie sehr unterschiedlich etabliert. Der Glaubensstreit um sie interessiert Jeremy Sherr, der in Afrika Aids-Kranke behandelt, wenig. Der Homöopath ist Pragmatiker, kein Ideologe, wie manch anderer Homöopath und manch Gegner der Medizin der kleinen Kügelchen:

Es gibt keine Definition einer Heilung. Nirgendwo steht so etwas geschrieben.

Jeremy Sherr, Homöopath

"Und es interessiert mich auch nicht. Wir sind nicht hier, um zu behaupten, wir heilen Aids. Oder wir heilen Aids nicht. Oder irgend so etwas. Wir sind hier, weil wir sagen, Homöopathie kann helfen.", so Sherr weiter.

Unparteiische Studien fehlen

Globuli
Homöopathisch zubereitete Arzneimittel Bildrechte: IMAGO

"Magic Pills" führt die seit 200 Jahren tobende Diskussion um die Homöopathie im aktuellen Gewand vor. Und das ist durchaus nicht als Kritik gemeint, im Gegenteil. Und es tut der Doku gut, die Statements des Homöopathie-Gegners Joseph Schwarcz bis zum Ende des Films immer wieder gegen die Äußerungen der Homöopathen zu schneiden.

Aber was könnte den Dauerstreit lösen? 1997 gab der Medizin-Professor Edzard Ernst im Deutschen Ärzteblatt eine Antwort, die immer noch gilt: "Was wir brauchen", schrieb Edzard Ernst damals, "sind […] zwei bis drei adäquat angelegte und von Unparteiischen durchgeführten Studien zum Wirkungsnachweis."

Denn ein Argument sollte auch heute noch zählen: Solange große Teile der Bevölkerung – also Patienten, die Heilung suchen – die Homöopathie anwenden, und keiner würde bezweifeln, dass sie das tun, solange scheint es notwenig, die Fragen nach dem Nutzen-Risiko-Verhältnis fundiert zu beantworten. Joseph Schwarcz' Argument in Ananda Mores spannender Doku "Magic Pills", man müsse ja nun nicht alles testen, was es gibt, wirkt da nur zynisch und arrogant.

Angaben zum Film "Magic Pills: Homöopathie - Wunder oder Wissenschaft?"
Phosphorus Films
Regie: Ananda More
Spielzeit: 88 Minuten

Auf DVD erhältlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Februar 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2019, 04:00 Uhr

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