Collage: Dadaisten Schriftzug DADA
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100 Jahre Dada Gegen alle Regeln der Kunst: Die Geburt des Dada im Cabaret Voltaire

Dada - das klingt nach Kleinkind-Gebrabbel, harmlos irgendwie, steht aber für eine Revolution der Kunst. Eine Gruppe junger Exilanten in Zürich setzt die bisher geltenden Regeln des Guten, Wahren und Schönen vor 100 Jahren einfach außer Kraft. Sinn- und zwecklos soll sie sein, die Kunst. So erfinden die Dadisten das, was wir heute als Performance, Happening oder Montage-Technik kennen.

Collage: Dadaisten Schriftzug DADA
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Der Funke zündet am 5. Februar 1916 im Zürcher Cabaret Voltaire. In der neutralen, sicheren Schweiz suchen damals nicht nur Pazifisten oder revolutionäre Emigranten wie Lenin Zuflucht, in den Zürcher Cafés und Cabarets wimmelt es von Künstlern und Intellektuellen, die fassungslos sind angesichts des Gemetzels, das der Erste Weltkrieg bringt. Millionen junge Männer sterben in den Schützengräben, bald auch vor Verdun, die Zeitungen sind voll von nationalistischem Wahnsinn, dem eine Gruppe junger Exilanten zwischen 20 und 30 mit anarchischem Nonsens beizukommen sucht.

Cabaret Voltaire: Mit viel Lärm gegen das Nichts

Dada in Zürich
Blick ins Zürcher Cabaret Voltaire Bildrechte: dpa

In der Zürcher Spiegelgasse 1 eröffnet der Dichter und Theatermann Hugo Ball, der vor der Einberufung aus Deutschland geflohen ist, mit seiner Freundin Emmy Hennings das "Cabaret Voltaire". Ein kleines Etablissement mit 50 Plätzen. Er kann leidlich Klavier spielen, sie singen. So wollen sie sich über Wasser halten. Die Künstlerschaft der Stadt haben sie eingeladen, zur Eröffnung Bilder und Texte mitzubringen. Die Rumänen Tristan Tzara und Marcel Janko erscheinen, später stoßen der Franzose Hans Arp und seine spätere Frau Sophie Taeuber sowie der Deutsche Richard Huelsenbeck hinzu. Abgesehen von Sophie Taeuber aus Zürich sind sie alle geduldete Flüchtlinge und recht mittellos.

Gespielt wird von nun an jeden Abend, außer freitags. Das Publikum reagiert verwundert bis eingeschüchtert: Sang Hennings anfangs Chansons begleitet von Ball am Klavier, hörte man Texte von Voltaire bis Wedekind, so werden die Programme über die Wochen immer exzentrischer. Tzara rezitiert Gedichte, unterbricht sich selbst jedoch durch Schreien oder Schluchzen. Zudem wird auf leere Kisten geschlagen oder anderweitig getrommelt. Am Ende gibt es Dada-Abende, an denen bis zu 20 Personen simultan Gedichte vortragen, teilweise begleitet von grotesken Tanzvorführungen mit Masken und schrägen Musikspektakeln. Das Prinzip der Gleichzeitigkeit entspricht einem neuen Lebensgefühl. Das Publikum wirkt mit am Programm, muss sich aber auch beschimpfen lassen. Die Regeln des Guten, Wahren, Schönen sind in der Spiegelgasse 1 bald außer Kraft gesetzt, gehören sie doch zu der alten Ordnung, die den Krieg gebracht hat. Und ein paar Hausnummern weiter spinnt Lenin - angeblich zuweilen auch Gast im Cabaret Voltaire - an seiner Theorie zur Weltrevolution ...

Hugo Ball - magischer Bischof, Lautdichter, Performer

Hugo Ball hingegen revolutioniert die Lyrik, er wird zum Pionier der Lautgedichte. Er nennt sie "Verse ohne Worte". Er verzichtet so auf eine "Sprache, die verwüstet und unmöglich geworden ist durch den Journalismus". Er will sich wie in seiner berühmt gewordenen "Karawane" "in die tiefste Alchemie des Wortes zurückzuziehen, um so der Dichtung ihre heiligste Domäne zu bewahren". In die Dada-Annalen geht sein Nicht-Auftritt als "magischer Bischof" am 23. Juni 1916 ein. Im Röhrenkostüm lässt er sich auf die Bühne tragen.

Nach vier Monaten fast allabendlicher Programme sind alle erschöpft. Das Cabaret Voltaire schließt. Mit seinem ersten Dada-Manifest, vorgetragen am 14. Juli 1916 im "Zunfthaus zur Waag", erklärt Hugo Ball seinen Freunden das Dada aus ist: "Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht, muss das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen." Doch der Netzwerker Tristan Tzara übernimmt, er korrespondiert über die Schweiz hinaus mit Künstlern und Literaten, die Bewegung wird international. Dass PR ihm liegt, zeigen die vielen Anzeigen in auffallender Typographie und Zeitungsenten, die platziert werden, um die Bewegung ins Gespräch zu bringen.

Am Ende erfinden die Dadaisten im Cabaret Voltaire das, was wir heute Performance nennen. Ganz nebenbei. Der Zufall steuert ihre Aktionen in einem Zeitalter, in dem die Futuristen gerade eine Welt des maschinellen Fortschritts feierten. Der Lyriker und Maler Hans Arp hingegen zerreißt Papier, lässt die Einzelteile fallen, um sie in abstrakten Mustern wieder zu fixieren - als Collage. Ein Prinzip, das er dann auch auf die Lyrik überträgt, indem er aus Zeitungen Worte oder Sätze ausschneidt und mehr oder minder zufällig kompiliert.

Zürich, New York, Berlin oder DADA als Haltung

Undatierte Aufnahme zeigt das Werk "Fountain" von Marcel Duchamp aus dem Jahr 1917
Marcel Duchamps "Brunnen" ( 1917) Bildrechte: dpa

Noch radikalere Nicht-Kunst sind die ready mades von Marcel Duchamp, der die Kriegsjahre u.a. in New York verbringt. Für Aufsehen sorgt er 1917, als er ein Porzellanurinal umgekehrt aufstellt, es als "Brunnen" tituliert und mit "R. Mutt" signiert. Ein Gebrauchsgegenstand wird Kunst, indem er dazu erklärt wird. Konzeptkunst würden wir heute sagen.

In Zürich endet die letzte Dada-Soiree am 9. April 1919 im Tumult. Der Krieg ist vorbei, Zürich passé. Ball widmet sich nun im Tessin den christlichen Mysterien. Tzara geht nach Paris, Huelsenbeck ist längst - im Januar 1917 - nach Berlin zurückgekehrt, wo man im Begriff ist, "Brot aus Stroh zu backen", die Kohlrübe als "Torte, Hasenbraten und Malzbier" aufzutragen und "jede moralische Hemmung" fällt.

Eine Doppelbelichtung der Dada-Künstlerin Hannah Höch (Fotografie um 1930)
Hannah Höch - doppelt belichtet Bildrechte: dpa

Angesichts der Umstände wird die Dada-Bewegung in der deutschen Hauptstadt direkt politisch, sie richtet sich gegen Militarismus, Monarchie und Untertanengeist in einer Zeit, in der "die Feldherren mit Blut malen", wie George Grosz es formuliert. Er gehört zum Berliner Kreis wie der Malerkollege Otto Dix oder Verleger Wieland Herzfelde. In der Nachkriegszeit experimentieren Raoul Hausmann, Hannah Höch und John Heartfield dann mit den neuen Möglichkeiten der Fotografie. Scheinbar willkürlich angeordnete Fragmente aus Fotos und Zeitungen montieren sie zu Bildwerken. Furore macht Hannah Höchs "Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauchkulturepoche" 1919/1920. Fotos aus der "Berliner Illustrirten Zeitung" von Albert Einstein bis Kaiser Wilhelm montiert sie in einer medialen Materialschlacht zum "Welt-Dada" - grotesk und chaotisch wie die Zeit.

Abgesang in Weimar

Was in Zürich im Cabaret Voltaire beginnt, sich fortsetzt in New York oder Berlin, endet 1922 in Paris und im Streit. Nicht ohne wieder etwas Neues in Gang zu setzen - und bis heute zu überdauern. So scheint die Trauerrede, die Tristan Tzara im September 1922 ausgerechnet in Weimar auf den Dada hält, ein bisschen voreilig. Eigentlich war es keine Trauerrede, sondern eine Prophezeiung, die eingetreten ist: Dada ist ein Alltagswort, ein "frei und selbstverständlich genutztes", "bei dem man nicht unbedingt mitdenken muss, wo es herkommt". Laut Tzara ein Zeichen dafür, dass sich der Geist Dadas durchgesetzt hat.

Buchtipps im Überblick Martin Mittelmeier: "DADA - Eine Jahrhundertgeschichte"
272 Seiten, gebunden
Siedler Verlag, 2016
ISBN: 978-3-8275-0070-0
22,99 Euro

Andreas Trojahn: Dada-Almanach
Vom Aberwitz ästhetischer Contradiction
Textbilder, Lautgedichte, Manifeste
Manesse Verlag 2016
ISBN: 978-3-7175-4091-5
39,95 Euro

Hugo Balls 1. Manifest oder: Was heißt Dada? | 14. Juli 1916 "Dada stammt aus dem Lexikon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutet's Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal! Im Rumänischen: 'Ja wahrhaftig, Sie haben Recht, so ist es. Jawohl, wirklich. Machen wir.'
Und so weiter.
Ein internationales Wort. Nur ein Wort und das Wort als Bewegung. Es ist einfach furchtbar. Wenn man eine Kunstrichtung daraus macht, muss das bedeuten, man will Komplikationen wegnehmen. Dada Psychologie, Dada Literatur, Dada Bourgeoisie und ihr, verehrteste Dichter, die ihr immer mit Worten, nie aber das Wort selber gedichtet habt. Dada Weltkrieg und kein Ende, Dada Revolution und kein Anfang. Dada ihr Freunde und Auchdichter, allerwerteste Evangelisten. Dada Tzara, Dada Huelsenbeck, Dada m'dada, Dada mhm' dada, Dada Hue, Dada Tza."

Dada in Deutschland: Berlin, Hannover, Köln Ihren Höhepunkt findet die Bewegung in Berlin bei der "Internationalen Dada-Messe" 1920. An der Decke hängt dort eine Gestalt in Soldatenuniform mit Schweinsmaske. In immer neuen Variationen geistert sie durch die Ausstellung - als Weltenrichter, als kleinbürgerlicher Soldat in "Deutschland, ein Wintermärchen" von Grosz oder im Krüppelaufmarsch in "45% Erwerbsfähig!", einem Gemälde von Otto Dix. Kurt Schwitters betreibt unterdessen seine "Merz"-Filiale als Künstler, Performer und Poet in Hannover, da Huelsenbeck ihn nicht in den exklusuven Berliner Club gelassen hat. Max Ernst sorgt 1920 in Köln mit seiner Schau unter dem Motto "Dilettanten erhebt euch" für einen Skandal.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2016, 14:15 Uhr