Ein Hungerstein mit einer Inschrift aus dem Jahr 1963 und 2003 liegt gut sichtbar in der Elbe bei Pirna-Oberposta
Ein Hungerstein in der Elbe bei Pirna-Oberposta, der die Jahreszahl 1963 zeigt. Bildrechte: dpa

"Wenn du mich siehst, dann weine." Hungersteine: Niedrigwasser legt Mahnmale offen

Bei langanhaltenden Dürreperioden treten in der Elbe, der Saale und anderen Gewässern vergessene Mahnmale auf: Hungersteine. Sie erinnern an das Leid, das die Menschen in vergangenen Zeiten durchlebt haben, als die Flüsse Niedrigwasser führten. Umwelthistoriker Mathias Deutsch erklärt im Gespräch, welche historische Bedeutung diese stillen Zeugen der Vergangenheit besitzen und was auf ihnen zu finden ist.

Ein Hungerstein mit einer Inschrift aus dem Jahr 1963 und 2003 liegt gut sichtbar in der Elbe bei Pirna-Oberposta
Ein Hungerstein in der Elbe bei Pirna-Oberposta, der die Jahreszahl 1963 zeigt. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Was ist ein Hungerstein?

Mathias Deutsch: Als Hungersteine bezeichnet man per Definition markante Gesteine oder Gesteinsformationen, die zum Teil mit direkten Inschriften oder mit Tafeln versehen sind. Sie tauchen nur bei ganz niedrigen Wasserständen in Flüssen auf, enthalten Jahreszahlen und erinnern daran, dass es solche Hitzeperioden mit langen Trockenzeiten gegeben hat.

Wo findet man sie denn noch und seit wann gibt es sie?

Es gibt eine ganze Reihe von Umwelthistoriker-Kollegen, die sich damit beschäftigen und die verschiedene Gesteine untersucht haben. Bei Děčín an der Elbe haben wir vor vielen Jahren die ältesten, allerdings nicht mehr lesbaren, Inschriften von 1417 und 1473 gefunden. Aber es gibt auch jüngere.

Gibt es solche Symbole auch außerhalb der Flüsse?

Ja, die Definition "Hungersteine" ist insofern zu erweitern, dass wir Gedenksteine haben – zum Beispiel bei Westerhausen (Stadtteil von Thale) – die an Hunger- und Notzeiten erinnern. Oder auch Dürresteine in Erfurt-Linderbach, die an die Dürren von 1893 erinnern. Aber in der Regel befinden sie sich in größeren Flüssen.

Was hat es mit den Beschriftungen auf sich?

Hungersteine am Ufer der Elbe im Dresdner Stadtteil Laubegast
Hungersteine bei Dresden Bildrechte: dpa

Also eine der ganz typischen Inschriften ist: "Wenn du mich siehst, dann weine." Das bedeutet, wenn dieser Stein zu Tage tritt, kann oder muss der Binnenschiffer, der das sieht, seine Fracht nicht mehr transportieren. Aber auch der Müller, dessen Wasserkraft nicht mehr vorhanden ist, muss "weinen".

Was macht man heute mit solchen Hungersteinen? Hebt man sie oder lässt man sie liegen?

Was die Flüsse angeht, und zum Teil auch Seen, lässt man sie liegen. Sie sind ja eben nicht hinderlich, weil sie erst zu Tage treten und gefährlich werden könnten, wenn die Wasserstände sehr niedrig sind. Ich weiß allerdings auch, dass zum Beispiel in Schönebeck einer dieser Hungersteine bei Umbauarbeiten am Hafenbecken gehoben wurde und jetzt dort im Museum zu besichtigen ist.

Zur Person Mathias Deutsch ist Umwelthistoriker, Geograf und Lehrbeauftragter an der Georg-August-Universität Göttingen. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit der Klimageschichte Deutschlands, der Historie der Meteorologier und den Schwerpunkten historische Hochwasserereignisse und Geschichte des Wasserbaus.

Ein sogenannter Hungerstein mit der Jahreszahl 1707 liegt gut sichtbar in der Elbe bei Pirna-Oberposta
Dieser Hungerstein trägt eine Inschrift, die älter als 300 Jahre ist. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. August 2018 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2018, 04:00 Uhr

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