Zum 40. Todestag von Ian Curtis Warum heute noch alle Joy Division-T-Shirts tragen

Vor 40 Jahren starb Ian Curtis, Sänger von Joy Division. Die Musik der britischen Postpunk-Band berührt immer noch Millionen Menschen. Ihre Alben "Unknown Pleasures" und "Closer" und Singels wie "Love Will Tear Us Apart" haben nicht nur die Gitarrenmusik bis heute geprägt, sondern auch die Popkultur und Mode.

Joy Division
Vor 40 Jahren starb Joy Division-Sänger Ian Curtis (r.) Bildrechte: Warner Music

Es ist fast so berühmt wie Andy Warhols Banane für The Velvet Underground: Das Cover des ersten Albums der britischen Band Joy Division "Unknown Pleasures" schmückt heute T-Shirts von Modeunternehmen, Jutebeutel, Kaffeetassen und tätowierte Körper. Die Band sei nach ihren zwei Alben nur noch Merchandise gewesen, soll der Grafiker Peter Saville einmal gesagt haben, der die weißen Radiowellen auf schwarzen Untergrund entwarf – nach einer Abbildung in einer Astronomie-Enzyklopädie.

Cover, Joy Division, "Unknown Pleasures"
Legendäres Cover: Joy Division "Unknown Pleasures" Bildrechte: Warner Music

Tatsächlich ist die Karriere von Joy Division kurz, sie dauert nicht einmal vier Jahre. Denn auf dem Höhepunkt, kurz vor dem Erscheinen des zweiten Albums "Closer" und der erstem Amerika-Tour, erhängt sich Sänger Ian Curtis im Alter von 23 Jahren.

Prägende Band der Musikgeschichte

Trotz oder wegen des jähen Endes dieser kurzen Bandkarriere gehören Joy Division zu einer der prägendsten Bands der Musikgeschichte. Sie sind nicht nur Vorreiter beim Post-Punk und beeinflussen die Entstehung des New Wave und Gothic Rock, sondern werden von Musikern aller Genres als Einfluss genannt: Von Bands der Achtziger wie The Cure, Depeche Mode oder U2, genauso wie von 90er-Jahre-Bands wie Nirvana. Am Anfang des Jahrtausends beziehen sich Bands wie Interpol, The National oder die Editors mit ihrem neuen Postpunk sowohl musikalisch als auch stilistisch auf die Band. Selbst Elektrokünstler wie Moby oder Rapper wie Kanye West samplen Joy Division. In Deutschland prägten sie früher Bands wie Grauzone und Philip Boa, heute Bands wie Messer oder Die Nerven.

Bandgründung im tristen Manchester

Ian Curtis bekommt von dem Weltruhm nichts mehr mit. Jenseits der Band führt er ein verhältnismäßig einfaches Leben als Polizistensohn: Hochzeit mit 19 Jahren, Geburt der Tochter, Job beim Arbeitsamt in Manchester.

Die Stadt ist Ende der Siebziger-Jahre vor allem trist – so grau, dass Gitarrist und Keyboarder Bernard Sumner behauptet, im Alter von neun Jahren zum ersten Mal einen Baum gesehen zu haben. Einen großen Knall unter den Arbeiterkindern zündet 1976 das Konzert der Punkband Sex Pistols, das ein Das-kann-ich-auch-Gefühl unter den anwesenden Gästen hinterlässt und einige Bandgründungen zur Folge hat – der Legende nach war auch Mark E. Smith von The Fall unter der 43 Gästen. Auch Summer und Peter Hook (Bass) gründen eine Band, hinzu kommen Schlagzeuger Stephen Morris und eben Ian Curtis.

Flirt mit Nazi-Symbolik

Zuerst benennen sie sich nach dem David-Bowie-Song Warszaw, dann Joy Division – nach der "Freudenabteilung" in Konzentrationslagern des Zweiten Weltkriegs, wo weibliche Gefangene zur Prostitution für Nazi-Soldaten gezwungen wurden. Eine Provokation, wie sie die Band und andere britische Punkbands immer wieder brachten. "Punk hat ja immer mit Nazi-Symbolik geflirtet, aber aus sehr wenigen Punks wurden später Nazis. Als sie erstmal verstanden haben, woran sie da sind, haben sie damit aufgehört", erklärt Joy-Division-Biograf Jon Savage in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur diese Weltriegs-Faszination. "Joy Division haben ein Konzert gegen Rechts gespielt, die waren keine Nazis."

Joy Division
Vier unscheinbare Jungs: Joy Division Bildrechte: Warner Music

Depression und Epilepsie

Neu an Joy Division ist ihr Sound. Nichts vorher hat so nach Melancholie, Erhabenheit, Verzweiflung und Coolness geklungen. Selbst 40 Jahre nach ihrem Entstehen wirkt ihre Musik noch aktuell, verstörend und mitreißend. Ian Curtis verkörpert all diese Gefühle, singt düstere Texte über menschliche Abgründe. Er liest Bücher von Philipp K. Dick, Franz Kafka und William S. Burroughs und entwickelt laut seit seiner Frau Deborah Curtis eine "Besessenheit für seelisches und körperliches Leiden". Das Schmerzhafte daran: Seine Depression, seine Einsamkeit, seine Selbstzweifel, seine Hilferufe sind keine Pose. Selbst sein einzigartiger Tanzstil, der mit seinen Zuckungen und Augenrollen Ähnlichkeit mit einem Anfall hat, wird auf der Bühne manchmal von echten epileptischen Anfällen unterbrochen, die das Publikum als solche kaum erkennt und als Extravaganz interpretiert.

Seinen ersten epileptischen Anfall hat Ian Curtis nach dem ersten London-Konzert der Band, das sowohl Kritiker als auch die Band furchtbar finden. Je erfolgreicher Joy Division werden, umso stärker auch die Anfälle. Ian Curtis, der sich immer nach Kontrollverlust sehnte, hat nun auch Angst davor. Die ärztlichen Ratschläge werden von ihm genau wie von seiner Band ignoriert. Wie soll das auch gehen als aufstrebende Band – kein Alkohol, kein Strobo-Licht, keine Aufregung? Die Medikamente verstärken zudem seine Depression, zur Angst gesellen sich Eheprobleme, eine Affäre, Drogen und Erfolgsdruck, den sein Umfeld trotz seiner gesundheitlichen Probleme auf ihn ausübt. Am 18. Mai 1980 legt Ian Curtis eine Platte von Iggy Pop auf, trinkt eine halbe Flasche Scotch und erhängt sich mit der Wäscheleine.

Wandbild von Joy Division Sänger Ian Curtis an einem Nachtcclub, 2014
Ian Curtis als Streetart an einem Nachtclub Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Spielfilme und gestohlene Grabsteine

Die Geschichte von Joy Division ist damit nicht zu Ende, sie geht vielmehr erst los – obwohl sich die verbliebenen Bandmitglieder unter dem Namen New Order neu formierten. Das zweite Joy Division-Album "Closer" erscheint zwei Monate nach Curtis Tod, es war noch davor fertig geworden.

Hierzulande wusste vor 1980 kaum jemand, wie Joy Division aussah, der Mythos um den jung gestorbenen Rocksänger macht sie erst berühmt. 40 Jahre und zwölf posthume Best Of-Zusammenstellungen, diverse Tribute-Alben und mehrere gestohlene Grabsteine später ist Joy Division längst ein entscheidender Teil der Popkultur. Allein "Love Will Tear Us Apart" wurde über 50 Mal gecovert – unter anderem von von U2, Nick Cave, The Cure oder Björk. Zwei inzwischen Kult gewordene Spielfilme erzählen Ian Curtis‘ Geschichte: Michael Winterbottoms "24 Hour Party People" und "Control" von Anton Corbijn. Gerade erst ist mit "Sengendes Licht, die Sonne und alles andere" von Jon Savage eine neue, eindringliche Bandgeschichte erschienen. Auch heute hören noch jeden Monat mehr als drei Millionen Menschen Joy Division auf Spotify. Eine Neuauflage von "Unknown Pleasures", das es vor Curtis‘ Tod nicht in die britischen Album-Charts schaffte, landete 2019 dort auf Platz 5.

Und obwohl es inzwischen Joy Division-Wolldecken für mehr als 500 Euro zu kaufen gibt, sind Joy Division weit mehr als nur Merchandise, denn ihre Musik berührt mehr als jede Decke.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 09. Juni 2019 | 22:30 Uhr