Roman: "Die Kakerlake" Ian McEwan macht eine Kakerlake zum britischen Premierminister

In Kafkas Novelle "Die Verwandlung" erwacht der Protagonist bekanntermaßen als Kakerlake. In seinem Roman tauscht Ian McEwan die Rollen: Eine Kakerlake wird zum Premierminister Großbritanniens. Sein Buch "Die Kakerlake" ist eine humorvoll-dystopisch überzeichnete Brexit-Kritik.

von Stefan Maelck, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Der britische Schriftsteller Ian McEwan
Bildrechte: imago images/i Images

Der Brite Ian McEwan nutzt in seinem Roman "Die Kakerlake" das berühmte Motiv der Metamorphose, das sei Kafkas Erwachen des Gregor Samsa als Kakerlake in der Novelle "Die Verwandlung" zur Weltliteratur gehört.

Jim Sams (dessen Name an Kafkas Gregor Samsa erinnert) ist dabei eine Kakerlake, die morgens in der Downing Street 10 als Mensch erwacht. Nicht als irgendeiner, sondern als Premierminister von Großbritannien. Er wird von seiner Referentin geweckt und auf einen anstehenden Termin hingewiesen.

Der britische Schriftsteller Ian McEwan
Ian McEwan Bildrechte: imago images/i Images

Da, wo vormals prächtige Mandibeln geprangt hatten, regte sich der Lappen unappetitlich dichten Muskelgewebes, und das erste menschliche Wort rollte ihm über die Lippen. 'Okidoki'.

Aus dem Roman "Die Kakerlake" von Ian McEwan

Jim merkt schnell, dass er nicht die einzige Kakerlake ist, die verwandelt wurde. Sein ganzes Kabinett – mit Ausnahme des Außenministers – hatte gestern noch sechs  Beine und ernährte sich besonders gern von dem, was die Pferde der Wachen des Buckingham-Palastes produzieren. Die Gedanken der frisch Verwandelten beschreibt McEwan so: "Was diese tapfere Truppe ebenfalls einte, war die Gewissheit künftiger Entbehrungen und Tränen, auch wenn es leider nicht ihre eigenen sein soll­ten. Aber auch die Gewissheit, dass nach dem Sieg der Segen einer tiefen, erhebenden Selbstachtung das gewöhnliche Volk überkommen würde. Hier und jetzt, in diesem Raum, gab es keinen Platz für Schwächlinge. Das Land stand kurz davor, von schmählicher Knechtschaft befreit zu werden. Die Besten hatten ihre Fesseln schon abgestreift."

Die Rede ist natürlich vom Brexit, Jim Sams ist quasi nicht nur eine in einen Menschen verwandelte Kakerlake, er ist zugleich Theresa May, die sich in Boris Johnson verwandelt hat und er ist skrupellos. Gegenwind kommt einzig vom Außenminister, dessen man sich auf moderne politisch-korrekte Art und Weise entledigt: Einfach eine MeToo-Kampagne inszenieren – ist ja so einfach heute.

Neue Ökonomie

Ian McEwan: Die Kakerlake
Cover des Buches "Die Kakerlake" von Ian McEwan Bildrechte: Diogenes Verlag

Die neue ökonomische Grundlage des Landes soll der Reversalismus werden, eine Art umgedrehter Geldkreislauf. Den beschreibt McEwan folgendermaßen: "Am Ende des Arbeitsmonats gibt eine Angestellte für die vielen Stunden, die sie gearbeitet hat, ihrer Firma Geld. Geht sie Einkaufen, wird sie hingegen für jede Ware, die sie mitnimmt, großzügig zum Einzelhandelstarif entschädigt. Bargeld zu horten ist gesetzlich untersagt. Was die Frau am Ende eines langen Tages im Einkaufszentrum auf ihr Bankkonto einzahlt, wird mit hohen Negativzinsen belegt. Damit ihr Vermögen nicht dahinschmilzt, ist sie also gut beraten, einen teureren Job zu finden oder sich dafür ausbilden zu lassen. Je besser, also je teurer der Job, den sie sich sucht, desto mehr muss sie einkaufen, um dafür zu bezahlen. Die Wirtschaft wird angekurbelt, es gibt mehr qualifizierte Fachkräfte, alle profitieren. Der Vermieter muss unablässig Waren kaufen, damit er für seine Mieter aufkommen kann. Die Regierung lässt Atomkraftwerke bauen und weitet ihr Raumfahrtprogramm aus, um der Arbeitsbevölkerung Steuergeschenke machen zu können. Unter den Linken, insbesondere den Altlinken, hatten einige wenige schon immer mit dem Reversalismus geliebäugelt." Es ist also eine Art Umkehr-Ökonomie, mit der angeblich schon Maggie Thatcher geliebäugelt haben soll.

Ian McEwan erzählt das ganze stilsicher und lakonisch in vier Kapiteln, bei Kafka waren es drei. Zwischendurch mischt sich immer mal der amerikanische Präsident Tupper ein und versucht den Reversalismus als seine Idee zu verkaufen. Bis Jim ihn fragt, ob er früher auch mal sechs Beine hatte. Dann ist die Leitung tot.

Groteske Überzeichnung

McEwans Satire arbeitet mit einer grotesken Überzeichnung von Trump und Johnson und ist sich doch sicher, dass sie in hysterischen Zeiten wie diesen nichts mehr auszulösen vermag. Zwar wird eine mangelhafte Wirklichkeit gezeigt, dieser aber kein Ideal gegenübergestellt. Fern jeder Polemik und Didaktik nutzt McEwan eher die Formen von Komik und Parodie. So absurd diese Verwandlung ist, so absurd ist der Brexit wie McEwan ihn erzählt – als realste Dystopie unserer Tage.

Angaben zum Buch Ian McEwan: "Die Kakerlake"
Aus dem Englischen übertragen von Bernhard Robben
140 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-257-07132-0
Diogenes

Über den Autor Der 1948 in Aldershot geborene Brite Ian McEwan gehört zu den wichtigsten englischsprachigen Gegenwartsautoren. Seinen literarischen Durchbruch feierte er in den 1970ern mit Short Stories. Etliche seiner Romane wurde verfilmt, so "Der Zementgarten", "Unschuldige", "Der Trost von Fremden" und "Abbitte". Zuletzt kamen Verfilmungen von "Kindeswohl" und "Am Strand" in die Kinos. Sein letzter vieldiskutierter und hochgelobter Roman "Maschinen wie ich und Menschen wie ihr" beschäftigte sich mit Künstlicher Intelligenz.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. November 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. November 2019, 04:00 Uhr

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