Szenenbild "Im weißen Rößel"
Die Fassade des berühmten Gasthaus hängt im Hintergrund des Bühnenbilds. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Premiere "Im weißen Rössl": Alpenpanorama am Theater Erfurt

Die Operette "Im weißen Rössl" von Ralph Benatzky versteht sich als bissige Parodie auf Lederhose, Dirndl und Alpenpanorama. Bekannt wurde die Operette auch durch die Verfilmung von 1960 mit Peter Alexander. Die stimmungsvolle Inszenierung von Guy Montavon feierte am Samstag am Theater Erfurt Premiere. Musikkritiker Joachim Lange hat sich das Stück für MDR KULTUR angeschaut.

Szenenbild "Im weißen Rößel"
Die Fassade des berühmten Gasthaus hängt im Hintergrund des Bühnenbilds. Bildrechte: Lutz Edelhoff

MDR KULTUR: Die Erfurter Oper hat sich mit ihren Ausgrabungen einen Namen gemacht. Vor kurzem auch mit der Räuberpistole "Fra Diavolo" - jetzt nun Ralph Benatzkys "Im Weißen Rössl". Kann man das machen?

Kritiker Joachim Lange: Sicher kann man. Schon weil das "Weiße Rössl" ja voller Ohrwürmer steckt. Beim "Was kann der Sigismund dafür, daß er so schön ist" da war der Saal sogar kurz vorm kollektiven Mitsingen.

Die Ohrwürmer sind das eine. Aber das Weisse Rössl hat ja auch seinen Ruf weg. Lederhose und Dirndl, Alpenpanorama. Die Filmversion mit Peter Alexander gilt bis heute als meistgespielter deutscher Musikfilm.

Es gibt ja obendrein ein großes Happyend! Wie eine Kitschpostkarte aus dem Salzkammergut. Zwischen der Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber und ihrem Zahlkellner Leopold. Der ist in seine Chefin verknallt, sie hält ihn aber auf Distanz, sodass der aus Verzweiflung kündigt. Am Ende wird er dann lebenslang als Ehemann eingestellt. Auch bei den Gästen mögen sich manche nicht und andere fliegen gleich aufeinander zu. Wie der smarte Rechtsanwalt Dr. Siedler und die Tochter des Urberliner Fabrikanten Giesecke, der sowieso am liebsten nach Ahlbeck gefahren wäre. Und dann noch der schöne Sigismund von der Konkurrenz aus Sangershausen, und das lispelnde Klärchen. Am Ende finden sie alle irgendwie zueinander.

Szenenbild "Im weißen Rößel"
Margrethe Fredheim als Josepha und Alexander Voigt als Leopold am Theater Erfurt. Bildrechte: Lutz Edelhoff

Kann man das noch auf die Bühne bringen, ohne rot zu werden?

Wenn man es wie in Erfurt macht - dann eindeutig: Ja. Die prägenden, etwas seichten Verfilmungen sind ja wirklich nur so eine Art Touristenmenü-Version einer echten Operetten-Köstlichkeit. Das Original von 1930 gehört zur den großen Berliner Revue-Operetten, die Barrie Kosky an der Komischen Oper gerade wieder aufleben lässt. So lustvoll hört man das Erfurter Orchester nicht alle Tage. Und wenn es dann auch noch das Rennsteiglied von Herbert Roth erklingt, dann gibt’s kein Halten mehr, dann wird nicht nur mitgeklatscht, sondern wirklich mitgesungen.

Was macht Montavon auf der Bühne aus dem Ganzen? Einen Betriebsausflug ins Salzkammergut?

Ja - so ungefähr. Bühnenbildner Hartmut Schörghofer holt sich das berühmte Gasthaus in ein Veranstaltungszelt. Samt einer Bühne mit einer Rösselfassade als Prospekt. Das Rösselpersonal ist der Veranstalter. Für jeden liegen die Kostüme für das zweieinhalb Stunden Event bereit und so nimmt die Betriebsfeier 2018 nimmt ihren Lauf.

Funktioniert das?

Man kann sich natürlich fragen, in wieweit die zentrale Beziehung zwischen Josepha und Leopold zum Rahmen oder zum Spiel im Spiel gehört. Oder zu beidem. Aber dass wäre jetzt kleinlich. Welche Operette ist schon bis ins Letzte logisch. Im Grunde funktioniert es als Spektakel fabelhaft. Durch den szenischen Rahmen muss auch nichts groß entwickelt werden. Hier wird sozusagen jeweils der Mitarbeiter, der am besten passt, zur entsprechende Rolle verdonnert und spielt die dann so gut er kann.

Und dann gibt es da ja auch noch einen Besuch des Kaiser Franz Jospeh?

Dieser Kaiserliche Besuch am Wolfgangsee war ja schon bei der Uraufführung 1930, wo alles in der damaligen Gegenwart spielte, ein bewusster Anachronismus. Allerdings einer mit Hintersinn. Franz Joseph galt als Gegner des Antisemitismus und das war mitten in dem Riesenspektakel zu dieser Zeit schon ein Zeichen!

In Erfurt kommt er und wird zünftig mit dem Radezkymarsch begrüßt. Ganz so wie er soll. Was durch die Rollenverteilung bei einer Betriebsfeier ja kein Problem ist. Juri Batukov kommt dem Klischee am nächsten, also spielt er ihn.

Gibt’s denn in Erfurt auch die große Revue?

Auf ihre Art schon. Bei der szenischen Vorgabe kann man die große Tanzrevue-Nummer eben als Polonaise ablaufen lassen. Jessica Krüger hat dem Chor die Choreografie liebevoll auf den Leib geschneidert - so wie Frauke Langer allen die Kostüme.

Am besten sind sie, wenn sie "Waldeslust" grölen und so übereinander purzeln und unter die Tische rutschen, wie es bei Betriebsfeiern tatsächlich auch schon mal zugegangen sein soll. Das ist hinreißend gemacht.

Das hört sich alles nach einer Empfehlung an.

Auf jeden Fall. In dieser Fassung hat die Musik von Benatzki und Co. Charisma, und Samuel Bächli lässt daran keinen Zweifel. Die Inszenierung hat das richtige Timing. Man versteht jedes Wort (auch wegen der Mikroports, aber was solls). Die Rollen sind durchweg passend besetzt. Also: "Im Salzkammergut, da ka’ mer gut lustig sein" auch wenn's im Erfurter Opernzelt liegt.

Das Gespräch führte André Sittner für MDR KULTUR

Szenenbild "Im weißen Rößel" 7 min
Bildrechte: Lutz Edelhoff

Die stimmungsvolle Inszenierung der Operette von Guy Montavon feierte am Samstag am Theater Erfurt Premiere. Ein Gespräch mit MDR KULTUR-Kritiker Joachim Lange.

MDR KULTUR - Das Radio So 16.12.2018 13:15Uhr 06:44 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Informationen zur Inszenierung Musikalische Leitung: Samuel Bächli
Inszenierung: Guy Montavon
Bühnenbild: Hartmut Schörghofer
Kostüme: Frauke Langer
Choreografie: Jessica Krüger
Premiere: Samstag, 15. Dezember 2018

Über die Operette "Im Weißen Rössl" Im Mittelpunkt der Operette, deren Handlung sich im Wirtshaus "Im Weißen Rössel" abspielt, stehen die Annäherungsversuche zwischen Kellner Leopold Brandmeyer und seiner Chefin, der Wirtin Josepha Vogehuber, die jedoch ein Auge auf den Stammgast und Rechsanwalt Dr. Siedler geworfen hat. Dieser jedoch ist ganz angetan von der Tochter des Großindustriellen Giesecke, der aber gegen Dr. Siedlers Mandanten, den "schönen Sigismund" prozessiert. Die Operette in drei Akten wurde 1930 zum ersten Mal in Berlin aufgeführt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Dezember 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2018, 12:38 Uhr

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