Ein Arzt hält in der einen Hand einen aufgeschlagenen Impfausweis und in der anderen eine Impfspritze
Bildrechte: imago/Jochen Tack

Gesundheit Masern, Impfpflicht und der Herdeneffekt

Ein Argument von Impfgegnern lautet, dass durchlebte Erkrankungen in den meisten Fällen eine bessere Immunität als die Impfung dagegen hinterlassen. Befürworter halten dagegen, dass die Gegner die Gemeinschaft gefährdeten, besonders Kleinkinder und alte Menschen. Zwischen beiden Extremen sitzen junge Eltern auf einem Stapel unterschiedlichster Ratgeberliteratur und sind hin und hergerissen. Auch der Münchner Kinderarzt Steffen Rabe steht nicht allen Impfungen positiv gegenüber. Wieso, erklärt er im Interview.

Ein Arzt hält in der einen Hand einen aufgeschlagenen Impfausweis und in der anderen eine Impfspritze
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MDR KULTUR: Warum entscheiden Eltern, ihre Kinder nicht nach dem empfohlenen Impfplan impfen zu lassen?

Das müssen wir differenzierter betrachten. Die Idee, die hinter dem Impfen steht und irgendwie funktioniert, ist in den meisten Fällen sehr gut – zum Beispiel bei den Masernimpfungen. Wenn wir das Kind nach dem ersten Geburtstag einmal impfen, haben über 90 Prozent wahrscheinlich einen lebenslangen Schutz gegen Masern. Aber andere Impfungen, wie die gleichzeitig verordnete Mumpsimpfung, leisten das überhaupt nicht! Bei der Keuchhusten-Impfung haben wir ein vergleichbares Problem: Wir haben sehr hohe Impfungsraten aber auch sehr hohe Erkrankungsraten. Leider vermittelt diese Impfung nicht den gleichen Schutz, der wir uns wünschen würden. In vielen Fällen wissen wir nicht, woran das liegt. Bei der Keuchhusten-Impfung ahnen wir es. Das alles ist unglaublich komplex und über „das Impfen“ zu sprechen ist wenig sinnvoll.

Bei Neugeborenen wird meistens sehr früh geimpft. Wie begleiten Sie Eltern bei dieser Impfentscheidung?

Ich rate allen Eltern, die sich an mich wenden, sich zu dieser Frage im Vorfeld erst mal Basisinformationen zu verschaffen. Zum Beispiel sollten Sie die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zu lesen – aber auch empfehlenswerte impfkritische Bücher, wie das meiner Freunde und Kollegen Martin Hirte oder Stephan Nolte. Da wird das Ganze differenzierter, aber auch auf ganz streng wissenschaftlicher Grundlage betrachtet. Die Eltern haben dann in beide Seiten mal reingeschnuppert. Die Fragen, die dann zwangsläufig übrig bleiben, können dann mit dem Arzt besprochen werden. So kann ein individueller Plan erarbeitet werden.

Impfbefürworter argumentieren, dass Impfgegner die Gemeinschaft gefährden. Wie stehen Sie dazu?

Diese Argumentation steht in den meisten Fällen auf tönernen Füßen. Das Argument setzt nämlich voraus, dass Impfen immer einen positiven Effekt für die Gemeinschaft hat – den sogenannten Herdeneffekt. Wenn wir das aber differenziert betrachten, haben aber nur die allerwenigsten Impfungen tatsächlich diesen Herdeneffekt für andere. Zum Beispiel die Masernimpfung hat ihn. Jemand der erfolgreich gegen Masern geimpft wurde und nicht erkrankt, überträgt die Erkrankung nicht mehr. Jemand aber, den ich gegen Keuchhusten impfe, der hat nur einen mäßigen Schutz für sich selber – und der kann aber auch weiterhin für andere ansteckend wirken, soweit wir wissen. Das heißt, das Risiko der Übertragung auf andere wird durch die Impfung gar nicht relevant beeinflusst. Das konterkariert natürlich jeden Herdeneffekt und damit auch jeden moralischen Druck auf Eltern ihr Kind für andere impfen zu lassen.

Und wie kommt es, dass in europäischen Ländern wie Bulgarien, in denen Masernimpfpflicht besteht, immer wieder Epidemien auftreten?

Das liegt an verschiedenen Dingen und auch daran, dass keine Impfung hundertprozentig schützt. Auch unser Musterschüler Masernimpfung schützt nicht alle Kinder. Nach einer Impfung sind 95 Prozent der Kinder immun. Das heißt, fünf Prozent bleiben ungeschützt. Nach zwei Impfungen sind bis zu 98 Prozent geschützt. Auch da bleiben Kinder übrig. Wahrscheinlich, anders als noch früher, lässt der Impfschutz nach Jahren und Jahrzehnten außerdem wieder nach. Wir haben also ein Nachlassen einer Immunität, die initial mal geschützt hat. Das sind Dinge, die eine Rolle spielen in Ländern wie Bulgarien oder Rumänien, wo wir ja viele Tausend Fälle Masernfälle gesehen haben – trotz Impfpflicht. Aber es spielen sicher noch andere Faktoren eine Rolle. So sind nämlich auch Bevölkerungsgruppen betroffen wie die Roma, die von einer Impfpflicht kaum erfasst werden.

Dennoch fordern in Deutschland Gesundheitspolitiker – in Bund und Ländern – immer wieder eine Impfpflicht.

In einen Impfpass wird der Nachweis für eine neu erfolgte Impfung eingeklebt.
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Ihre individuelle Gesundheit haben Sie ja selber im Griff, indem Sie überlegen können, welchen Impfschutz Sie für sich in Anspruch nehmen wollen. Das ist aber nicht die Diskussionsebene, auf der eine Impfpflicht diskutiert wird. Da wird vor allem auf der Ebene der Herdenimmunität argumentiert – die wir bereits für das Gros der Impfungen ad absurdum geführt haben.

Wenn ich Sie als Menschen befrage und nicht als Arzt: Würden Sie impfen oder nicht?

Ich bin kein Impfgegner. Impfungen sind für mich medizinische Maßnahmen, wie jede andere auch, wie eine Kopfschmerztablette. Wenn ich Kopfschmerzen habe und ich möchte mir eine medikamentöse Erleichterung verschaffen, dann nehme ich eine Aspirin oder ein ähnliches Mittel. Und wenn ich meine, ich möchte mich oder meine Kinder gegen eine Erkrankung in einer bestimmten Situation schützen, dann treffe ich diese Entscheidung. Meine Kinder sind geimpft – aber ganz bestimmt nicht so, wie die Ständige Impfkommission das vor Jahren beschlossen hat, nämlich gegen weniger Erkrankungen und viel seltener. Impfungen haben eine wissenschaftliche Grundlage, die uns in einigen Fällen eine hervorragende Immunität gewährleistet – wie zum Beispiel bei Masern.

Zur Person Steffen Rabe ist Kinderarzt und Homöopath in München. Er ist zweiter Vorsitzender des Vereins "Ärzte für individuelle Impfentscheidung" und Mitglied im Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte. Privat betreibt er die Website "Impf-Info.de". Rabe schaltet sich regelmäßig in Debatten rund um Impfen und Impfpflicht ein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Mai 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2018, 11:25 Uhr