Avengers 3 Infinity War (Plakatausschnitt)
Die versammelten Helden in "Avengers 3: Infinity War". Bildrechte: Walt Dinsey Pictures

Interview Comics im Kino: Was uns an Thor, Batman und Co. begeistert

Captain America, Thor, Black Panther, Batman, Superman oder Spiderman: Nach und nach haben Marvel und DC ihre großen Comic-Helden ins Kino gebracht. Die Geschichten folgen bekannten Mustern, doch die Art und Weise, wie die Blockbuster dramaturgisch, schauspielerisch und optisch umgesetzt sind, begeistert das Publikum. Die Filmreihe "Avengers" bringt sogar nahezu alle Marvel-Superhelden gemeinsam auf die Leinwand. Medienwissenschaftlerin Verena Sitz erklärt, was die Faszination der Superhelden ausmacht.

Avengers 3 Infinity War (Plakatausschnitt)
Die versammelten Helden in "Avengers 3: Infinity War". Bildrechte: Walt Dinsey Pictures

MDR KULTUR: Sind (Comic-)Superhelden eine Erfindung der US-amerikanischen Comic-Imperien Marvel und DC?

Verena Sitz: Ja. Superhelden wurden 1938 mit der ersten Publikation von "Superman" in Amerika erfunden. Er begründete mit seinem Auftreten zugleich einen neuen Industriezweig und einen neuen Heldentypus der Comicgeschichte.

Zeichnung: Ein Superheld steht auf einem Hochhausdach und blickt über die Stadt.
Der "Urheld" Superman hatte auch eine Doppelidentität: Er ist ein Außerirdischer und zur Tarnung arbeitet er als Reporter Bildrechte: Colourbox.de

Der nordamerikanische Kulturraum hat sich - da er kulturhistorisch noch recht jung ist - bei der Konstruktion der Figuren oftmals an Heldenbildern europäischer Mythen orientiert. Diese sind eindrücklich vorgeprägt und besitzen dadurch ein hohes Wiedererkennungspotential. Der Comicsuperheld variiert und überzeichnet bestimmte symbolträchtige Merkmale antiker Heroen: den übermenschlich muskulösen Körper, zum Beispiel bei Hulk oder Captain America, die mehrdeutige Herkunft beim Göttersohn Thor. Dazu kommen das signalhafte Kostüm oder ikonenhafte "Accessoires" wie bei Thors Hammer, der an die Löwenkeule des Herakles erinnert. Diese Merkmale wurden mit allerhand popkulturellen Fragmenten aus Romanen, Pulp-Comics, Radiosendungen und Filmen zu einem neuen Heldentypen verschmolzen.

Damit hat sich Amerika uralte europäische Heldenfiguren angeeignet und neu ausgeformt. Der Held unterliegt als Form des Erzählens kulturhistorischen Veränderungen und aktualisiert sich je nach Epoche und Medium. Demzufolge verändern sich mit ihm die Themen, die er verhandelt. Superman und Captain America beispielsweise wurden aufgrund ihrer hohen Popularität wiederholt für Propagandazwecke eingesetzt, vor allem im Zweiten Weltkrieg gegen die Feindbilder Deutschland und Japan sowie im Kalten Krieg gegen die Sowjetunion.

Wenn man die verschiedenen Superhelden betrachtet, fallen viele Parallelen auf. Haben alle Superhelden-Figuren das gleiche gestalterische Grundmuster?

Ganz typisch für den Superhelden ist seine Doppelidentität. Er spaltet sich in das extrovertierte Alter Ego (der Held in Kostüm und Maske) und die bürgerliche Secret Identity (der Jedermann): "Captain America" heißt bürgerlich Steve Rogers, der Milliardär Tony Stark geht als "Iron Man" auf Verbrecherjagd.

Batman
Batman! Bildrechte: AP PHoto/Warner Bros.

Schon der "Urheld" Superman hat diese Spaltung vorgegeben - allerdings genau umgekehrt. Er ist ein Außerirdischer vom Planeten Krypton, so dass er immer und von Natur aus Superman ist. Seine Jedermann-Facette als biederer Reporter Clark Kent ist nur seine Tarnung.

Außerdem muss der Held erst - sofern er nicht schon als Halbgott oder Außerirdischer geboren wurde - körperlich zum SUPERhelden transformiert werden, um seine Superkräfte zu erhalten. Dazu wird er fast immer Opfer eines missglückten Experiments: Spider-Man wird von einer genmanipulierten Spinne gebissen, Hulk wird verstrahlt, Captain America durch ein mysteriöses Superserum "verbessert". Ihr Schicksal beruht also auf einer Katastrophe. Einige wenige Figuren wie Dr. Strange oder Batman erlernen dagegen ihre Superkräfte durch eisernes Training.

Was ist mit Figuren wie Thor oder Hulk?

Nicht nur die Heroen der griechischen Mythologie haben es den Comiczeichnern angetan - auch die nordische Mythologie stand symbolisch Pate. 1962 erschien "Thor", der tatsächlich den gleichnamigen nordischen Gott zur Vorlage nahm. Er lebt in zwei Welten und kommt in keiner richtig an.

Mitte der 1960er-Jahre macht sich zudem eine psychologische Neuauslegung des Superhelden bemerkbar - vermehrt an seelisch gebrochenen Superheldenfiguren des Marvel-Verlags. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Hulk. Seine Charaktergestaltung setzt sich aus einer Kombination klassischer literarischer und filmischer Vorbilder zusammen: dem Monster aus Frankenstein und der Doppelgestalt Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Der Wissenschaftler Bruce Banner versucht, sein chaotisches Inneres zu unterdrücken, lebt es aber temporär in der Zerstörungsmaschine Hulk aus. Weil er eine Bedrohung für die Allgemeinheit ist, kann er auch ganz schwer in die Gesellschaft integriert werden.

Zuletzt entstanden ist die Film-Reihe "Guardians oft the Galaxy" mit Haupthelden, die ziemlich schräg und so gar nicht strahlend und übermenschlich daherkommen – also eigentlich eher Antihelden. Wie passt das?

Antihelden sind eine parodistische Spielart des klassischen Comicsuperhelden. Die Guardians sind Außenseiter und Kriminelle, sie besitzen keine "echten" Superkräfte und werden eher von Gier und Selbstschutz getrieben als von einer altruistischen Einstellung und hohen moralischen Grundsätzen. Dieser zusammengewürfelte Chaos-Haufen ist ja gerade dadurch unterhaltsam, dass er mit einem schießwütigen Waschbären und einem sprechenden Baum extrem kuriose Gestalten anbietet, die unsere Galaxis mal so nebenbei retten.

Angesichts dieser Unterschiede noch einmal ganz grundsätzlich gefragt, was macht die Faszination von Superhelden im Comic oder im Film aus? Warum gibt es ein so großes Publikum?

Lego Marvel Avengers
Der wütende Hulk als Lego-Version Bildrechte: Travellers Tales / Warner

In erster Linie sind Superheldenfilme gut gemachte Unterhaltung, vollgepackt mit Action, Humor und der nötigen Prise Dramatik. Auch genreübergreifende und selbstreferentielle Anspielungen zu anderen Superhelden(filmen) haben einen nicht unwesentlichen Anteil an Gestaltung und Wirkungsintention. Zudem eröffnet der Superheld einen schier unerschöpflichen Erzähl- und Assoziationsraum, weil er Grundkonstanten des Menschseins verhandelt.

Visual Design und CGI setzen die typischen Bewegungsabläufe, die aus der Comicvorlage bekannt sind, mittlerweile perfekt um. Gerade die computertechnisch hochgerüsteten Filme Spider-Man, The Avengers, Thor oder Dr. Strange zielen mit ihren synthetischen Bewegungsbildern und innovativer Raumdynamik auf Affektivität ab. Fliegen, Schweben, Springen sind im Film nicht auf einige wenige Comic-Panels beschränkt, sondern können minutenlang zelebriert werden.

Wenn Superhelden in Aktion treten, steht gleich die ganze Welt auf dem Spiel. Damit könnte man gerade in den göttergleichen Figuren wie Thor eine Art Heilsversprechen entdecken. Wenn die menschlichen Möglichkeiten in ausweglosen Situationen enden, rettet uns ein Superheld. Aber sie sind keine allzeit strahlend-positiven Idole. Sie auf eine Projektionsfläche für Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen zu reduzieren, greift zu kurz, da die Figuren weitaus vielschichtiger angelegt sind. Die Filme präsentieren den Jedermann daher oftmals in Momenten der Schwäche und des Zweifels.

Wir identifizieren uns naturgemäß eher mit dem Studenten Peter Parker, den Geldsorgen und ein unerfülltes Liebesleben quälen, als mit dessen Alter Ego Spider-Man, weil es näher an unserer Alltagswirklichkeit ist. Diese Momente der Psychologisierung der Figuren berühren den Zuschauer emotional. Trotzdem schaffen die Filme durch ihre augenzwinkernden und (selbst)ironisierten Zugriffe auf den Helden eine Distanz zu ihm. Das ist kein "normaler" Held - das ist ein SUPERheld. Da muss schon einer kommen, der "super" ist, um uns zu helfen. Und das ist wirklich ironisch.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. April 2018, 03:00 Uhr