Filmexperte Knut Elstermann im Interview Warum es nie einen besseren Regisseur als Ingmar Bergman geben wird

Filme wie "Szenen einer Ehe", "Das Schweigen" oder "Wilde Erdbeeren" zeigen Ingmar Bergmans sehr eigenen Blick auf die Welt. Was der schwedische Regisseur in den 50er-Jahren begann, wurde zum Vorbild für Filmemacher wie Rainer Werner Fassbinder und Co. Bei den Filmfestspielen in Cannes wurde Bergmann einst als "Bester Filmregisseur aller Zeiten" geehrt. Filmexperte Knut Elstermann erklärt im Interview mit MDR KULTUR, warum Bergman diesen Titel bis heute verdient trägt.

MDR KULTUR: Was zeichnet Ingmar Bergman aus? 50 Jahre lang hat er Filme gedreht - beginnend nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem letzten Film "Sarabande", gedreht 2003. Der Film gilt als Fortsetzung von "Szenen einer Ehe". Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Nenner?

Knut Elstermann: Er hat ein sehr umfangreiches Lebenswerk. Ich kann auch nicht behaupten, dass ich alle Filme kenne. Aber ich habe wirklich sehr viele gesehen und verehre ihn schon lange Zeit. Es gibt Themen, die immer wieder auftauchen: das Unberechenbare der menschlichen Beziehungen, die Abgründe der menschlichen Seele. Es gibt keinen anderen Regisseur, der so genau hinabgestiegen ist, in das menschliche Wesen und es so genau erkundet hat, und der auch nicht müde wurde, es immer wieder neu zu erkunden.

Es gibt keine Grenzen. Weder für Gedanken, noch für Gefühle. Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.

Ingmar Bergman, Regisseur

Dazu kommen Themen wie die Gottsuche - sein Vater war evangelischer Pfarrer. Sein Leben lang hat Bergman darüber nachgedacht, wo ist Gott eigentlich, warum schweigt er, was seine Abwesenheit mit unserem Leben macht. Seine Filme sind für mich eine immer wieder erneuerte Errettung des Menschlichen. Wenn seine großartigen Schauspielerinnen und Schauspieler so menschlich Charaktere gestalten, dann ist das eine Liebeserklärung an die Menschen.

Woody Allen dreht ja auch schon seit einer gefühlten Ewigkeit Filme. Sein Antrieb sei es "einmal einen Film zu drehen wie Ingmar Bergman" - soll er mal gesagt haben. Warum sind Bergmans Filme so vorbildlich?

Ich finde, dass Woody Allen ihm nahegekommen ist, in "Husbands and Wives" zum Beispiel. Und - ich habe Tagebücher von Ingmar Bergman gelesen: Er schätzte Woody Allen durchaus auch. Aber in der Tat, Woody Allen bewunderte diesen Mann, weil er eben ein großer Erzähler des Menschlichen ist und weil er in seinen Filmen auch immer wieder Experimente gewagt hat. Ingmar Bergman ist nicht der abgeklärte Klassiker. Die ersten Filme waren überhaupt nicht bedeutend und sind untergegangen, bis er endlich seinen eigenen Stil gefunden hat. Immer wieder hat er sich erneuert.

In dem Film "Das Schweigen" ergründet er auch erotische Abgründe, sehr mutig damals und fast skandalös. Oder "Persona", diese Spiegelung von Personen - was macht eigentlich menschliche Identität aus? Bergman hat bei jedem Film wieder neu überlegt, wie kann ich meine Erzählung am besten bildlich verwirklichen. Für mich ist er auch ein großer Erbe der bedeutenden Literaten. Er hat auch fürs Theater gearbeitet, das ist uns weniger präsent. Für mich ist er auch ein Erbe von Strindberg zum Beispiel.

Bergmans Stoffe waren keine Heldenepen oder große Erzählungen, sondern Stoffe aus dem Alltag: Ängste, Liebe, Deformation - Dinge die wir später bei Fassbinder in Deutschland oder Godard in Frankreich wieder entdeckten. Kann man Bergman auch als Vater des Autorenfilms betrachten?

Ich denke, die berühmte Theorie des Autorenfilms trifft auf ihn zu. Hier ist jemand, dessen Persönlichkeit den gesamten Film durchdringt. In jeder Nuance ist es Ingmar Bergman. Er war ja auch keiner, der gern improvisiert hat. Er wusste genau, was passieren muss im Studio, beim Drehen. Er wusste genau, was er erwartet von den Schauspielerinnen und Schauspielern. Er war als Autor des Films absolut präsent. Bis zum Schluss, zu seinem letzten Werk, das fürs Fernsehen gedreht wurde. Er war immer der Herr seiner Erzählung. Deshalb denke ich auch: Er ist der große Autor des europäischen Kinos.

Gibt es heute Regisseure, die in Bergmans Fußstapfen unterwegs sind und sein Erbe antreten?

Ich würde sagen nein. Bergman ist ein solcher Gigant, etwas Einmaliges in seiner filmischen Gestaltung, seiner Schauspielerführung, seiner Meisterschaft, dass ein Nachfolger in dem Sinne nicht möglich ist. Sicherlich sind Regisseure wie Michael Haneke nicht unbeeinflusst von seinem Werk. Denken Sie an einen Film wie "Liebe" von Haneke.

MDR FIGARO-Café mit mit Wolfgang Kohlhaase und Andreas Dresen in Merseburg, moderiert von Knut Elstermann
Filmexperte Knut Elstermann Bildrechte: MDR / Marco Prosch

Vielleicht gibt es Nachfolger eher bei den Schauspielern: Ich denke, dass niemand, der heute ein alterndes Ehepaar spielt, vorbei kann an den großen Leistungen, nicht zuletzt von Liv Ullmann und anderen Darstellern, die er zu Höchstleistungen gebracht hat. Vielleicht ist es eher der Schauspielstil, das sich Hinabsenken in die Reife und Schönheit, die Bergmans Erbe ausmacht.

Regisseur Ingmar Bergman
Regisseur Ingmar Bergman Bildrechte: IMAGO

Über Ingmar Bergman: Ingmar Bergman wird am 14. Juli 1918 in Uppsala, Schweden, geboren. Die Hinwendung zur Kunst ist ein bewusster Kontrapunkt zu den Tagen seiner Kindheit im Haus eines konservativen Pastors. Der schwedische Regisseur entfaltet eine erstaunliche Produktivität: Zwischen 1946 und 1982 bringt er beinahe jährlich mindestens einen Film an den Start. Ihn reizen die großen Themen: das Verhältnis der Menschen zu Gott, die Verwerfungen im Verhältnis untereinander. Aber auch Komödien produziert er. Bedeutende Filme sind "Wilde Erdbeeren", "Das siebente Siegel", "Persona", "Szenen einer Ehe" oder "Fanny und Alexander". Mehrfach wird er ausgezeichnet: u.a. mit dem Goldenen Berlinale-Bären, dem Goldenen Löwen in Venedig und mit dem Prix International sowie der Palme der Palmen als Bester Filmregisseur aller Zeiten in Cannes. In der Kategorie "Bester Fremdsprachiger Film" sind drei seiner Filme mit dem Oscar gekürt worden. Am 30. Juli 2007 stirbt Bergmann.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juli 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2018, 04:00 Uhr