Marco Tullner
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner Bildrechte: dpa

Inklusion in Sachsen-Anhalt Bildungsminister Tullner: Förderschulen müssen bleiben

Jeder Mensch hat das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – auch in der Schule. Das besagt die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit zehn Jahren in Kraft ist. Für die Schule heißt das: Kinder mit Behinderungen gehen auf Regel- statt auf Förderschulen. Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner von der CDU hält das für den falschen Weg: Er will Förderschulen erhalten. Die Inklusion hält er für gescheitert.

von Katrin Engelhardt, MDR KULTUR

Marco Tullner
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner Bildrechte: dpa

40 Prozent der Kinder mit Förderbedarf werden in Sachsen-Anhalt an Regelschulen unterrichtet. Bundesweit liegt die Inklusionsquote derzeit bei knapp 48 Prozent. Sachsen-Anhalt bewegt sich also im Mittelfeld. Doch Zahlen seien nicht alles – man müsse differenzieren, sagt Bildungsminister Marco Tullner: "Ich sträube mich, diese Quotendiskussion zu führen, weil am Ende kommt es darauf an, dass man sieht, welche Schularten, welche Konzepte, sind für das einzelne Kind am besten."

Keine Alternativen zum Förderschulsystem

Und das sei eben nicht immer der gemeinsame Unterricht an der Regelschule, sagt der CDU-Mann. Es gebe Schulen, da funktioniere die Inklusion gut, die sollen auch weiter unterstützt werden. Er nehme aber auch die Überlastung vieler Lehrer wahr. Oder die Unzufriedenheit von Eltern. Die Inklusion will er nicht abschaffen, sagt Tullner, aber beim aktuellen Lehrermangel sehe er momentan keine Alternativen zum bestehenden Förderschulsystem. Außerdem gebe es Kinder, die seien besser an einer Förderschule aufgehoben.

"Meine Erfahrung an Schulen ist, dass man diese Dinge vom Kind aus betrachten muss", sagt Tullner, "und wir brauchen differenzierte Angebote." Deswegen hätten Förderschulen aus seiner Sicht eine 100-prozentige Existenzberechtigung. "Weil wir hier Kompetenzen und auch pädagogische Formate abbilden können, die du an einer normalen Schule nicht abbilden kannst. Auch wenn du von Zweit und Drittlehrern träumst, wir haben weder die räumlichen noch die personellen Gegebenheiten, um das wirklich zu organisieren und umzusetzen."

Da werde ich den Teufel tun, ein bewährtes System außer Kraft zu setzen, ohne was anderes zu haben.

Bildungsminister Marco Tullner

Diagnose erst nach der Einschulung

Insgesamt 92 Förderschulen gibt es in Sachsen-Anhalt: für körperlich und geistig Behinderte, Blinde, Gehörlose, chronisch Kranke. In der Debatte um Abschaffung geht es aber vor allem um Förderschulen mit dem Schwerpunkt LB – "Lernbehinderungen" – für Kinder, die langsamer lernen, Schwierigkeiten beim logischen Denken haben. Sie sind in den letzten Jahren zunehmend an Regelschulen eingeschult worden. Die Zahl der LB-Förderschulen schrumpfte deswegen von 70 auf jetzt 32.

"In den letzten Jahren ist politisch relativ klar in die Richtung Inklusion – sprich Regelschule – beraten worden", hat Tullner beobachtet. Diagnosen habe es erst mal gar nicht gegeben. "Man ist regelhaft eingeschult worden und erst dann hat man in der Schule geguckt, welche Fähigkeiten die Kinder mitbringen und wo die Defizite sind."

Wir müssen es stärker schaffen, dass die Infos im Interesse der Kinder so in Schulen ankommen, dass die Schule auch besser darauf vorbereitet ist.

Bildungsminister Marco Tullner

Eltern fühlten sich zur Regelschule gelenkt

Tullner setzt deswegen auf frühe Diagnosen, damit Schulen gut vorbereitet sind, und auf neutrale, umfassende Beratung der Eltern  – denn am Ende entscheiden sie, an welche Schule ihr Kind geht.

"Ich nehme sehr oft wahr, dass viele Eltern erleichtert sind, dass es die Möglichkeit der Förderschule jetzt wieder gibt. Offenbar fühlten sich doch einige sehr straff gelenkt  in das System Regelschule und deswegen ist Vielfalt die Antwort auf diese Frage." Tullner sagt, er wolle das Rad auch nicht in die andere Richtung drehen und allen verordnen, in die Förderschule zu wollen.

Es muss die Möglichkeit geben, dass wir auf einer pädagogischen Grundlage unter Berücksichtigung des Elternwillens gemeinsam definieren, was das Beste für das Kind ist.

Bildungsminister Marco Tullner

SPD, Grüne und Linke sind unzufrieden

In Sachsen-Anhalt regiert die CDU gemeinsam mit SPD und Grünen. Die Koalitionspartner und auch die Linken sind unzufrieden mit Tullners Förderschulkonzept. Sie wollen mehr Kinder im gemeinsamen Unterricht und weniger Förderschulen. Man wolle die Inklusion voranbringen – mit Tullners gebremster Inklusion gelingt das nicht –, sagen die Grünen. Die SPD fordert wiederum mehr reguläre Abschlüsse für Förderschüler. In Sachsen-Anhalt ging zuletzt fast jeder 10. Schüler ohne Abschluss ab. Ein Förderschulabschluss gilt hier auch als Schulabbruch.

Marco Tullner sagt, er nehme die anderen Vorstellungen bei politischen Linken, und auch bei Rot und Grün wahr. "Da darf man nicht darüber hinweggehen, wir müssen es schaffen, am Ende genau ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass wir – in Zeiten des Lehrermangels fällt das leichter, weil am Ende alle die praktischen Probleme sehen, aber auch für die Zeit danach – uns auf eine mittel- und langfristige Grundlage verständigen, auf der sich strukturelle Schulentwicklungen abbilden."

Dieses ewige Hin und her hilft am Ende keinem, weil es immer eine Zickzackentwicklung gibt.

Bildungsminister Marco Tullner

Kein Zickzack, sondern mehr Kontinuität wünscht sich der Bildungsminister für die Zukunft. Man müsse sich einigen und zu einem Konsens kommen.   

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Serie "Gemeinsam anders" | 27. Februar 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 14:58 Uhr

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