Schulanfänger mit Schultüten an ihrem ersten Schultag in der Grundschule Bennigsen in Springe bei Hannover am 10.08.2013. Vorne Kilian mit Down-Syndrom.
Kind mit Down-Syndrom zwischen seinen Mitschülern Bildrechte: IMAGO

Inklusion in Sachsen Flächendeckende Inklusion nur Vision

Das UN-Abkommen ist eindeutig: Menschen mit Behinderungen sollen die gleichen Rechte wie alle bekommen. Im Jahr 2009 hat Deutschland dieses Übereinkommen unterschrieben und sich damit verpflichtet, es umzusetzen. Ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg: ein inklusives Bildungssystem, das allen Kindern die Chance auf ihren besten Bildungsabschluss bietet. Da Bildung in Deutschland Ländersache ist, gibt es vielfältige Ansätze auf diesem Weg. Klar ist bisher nur eins: Auf die Schnelle ist das nicht machbar. Denn vor den Schulen steht ein radikaler Umbau. Wie weit ist Sachsen in Sachen Inklusion, 10 Jahre nach der Unterschrift des UN-Dokuments?

von Regine Förster, MDR KULTUR

Schulanfänger mit Schultüten an ihrem ersten Schultag in der Grundschule Bennigsen in Springe bei Hannover am 10.08.2013. Vorne Kilian mit Down-Syndrom.
Kind mit Down-Syndrom zwischen seinen Mitschülern Bildrechte: IMAGO

In Leipzig und Dresden fahren bunte Straßenbahnen für eine Kampagne des Sozialministeriums. Die Slogans sind Hingucker:  "Im Rollstuhl wissen, wie der Hase läuft", "Mit Gendefekt ein toller Hecht" oder "Taub und die Flöhe husten hören".

Vision: Jede Schule ist inklusiv

Menschen mit Behinderungen haben ihre Stärken und Schwächen – genau wie jeder andere. Wer davon überzeugt ist, für den folgt, dass alle Kinder gemeinsam wohnortnah lernen sollten, meint Professorin Katrin Liebers von der Universität Leipzig: "Theoretisch wäre natürlich das visionäre Idealmodell: Jede Schule ist inklusiv." Das sei eine tolle Vision, die man haben und auf die man hinarbeiten könne, aber man müsse auch ein bisschen realistisch denken, warnt Liebers. "Allein wenn man denkt, dass jede Schule Ressourcen vorhalten müsste für blinde Kinder, für hörgeschädigte Kinder, für körperbehinderte Kinder. Diese Möglichkeiten sind gar nicht da, das kann erst schrittweise geschaffen werden." 

Sachsen hat sich für ein zweigleisiges Modell entschieden, erläutert Kultusminister Christian Piwarz:

So viel inklusive Beschulung wie möglich und so viele Förderschulen wie nötig.

Christian Piwarz, Kultusminister

Auf dem Land droht der zweigleisige Weg zu scheitern

Erst seit dem letzten Jahr macht das Schulgesetz die flächendeckende inklusive Beschulung möglich. 33 Prozent der Schüler mit Förderbedarf lernen derzeit an einer Regelschule, die meisten an der Grundschule, viele an den Oberschulen und wenige an den Gymnasien. Den Schulen stehen laut Gesetz dafür zusätzliche Ressourcen zur Verfügung. Sabine Mehnert, Förderschullehrerin in einer Leipziger Körperbehindertenschule, fährt einmal in der Woche an verschiedene Oberschulen. "Das ist eine halbe Unterrichtsstunde pro Woche, pro Schüler. Da kann man sich ausrechnen wie oft Sie als Sonderpädagoge diesen Schüler im Jahr sehen", sagt sie. "Abgesehen davon, wie sinnhaft das ist, wegen einer Stunde sonderpädagogischer Begleitung früh nach Oschatz zu fahren, um dann zu erfahren, dass der Schüler krank ist."

Besonders im ländlichen Raum im Erzgebirge und Ostsachsen, wo massiv Förderschullehrer fehlen, droht der zweigleisige Weg Sachsens zu scheitern. Die Sonderpädagogen reisen an die Regelschulen, der Unterricht an den Förderschulen kann oft nur noch durch Seiteneinsteiger oder pädagogische Hilfskräfte abgesichert werden. Nicht nur viele Förderschulen sind am Limit. Die Förderstunden, die den Schülern von Seiten der Regelschule zustehen, fallen oft aus. Lehrermangel und ein hoher Krankenstand in vielen Schulen sorgen dafür. Denn die Schulleiter müssen erst einmal den ganz normalen Unterricht absichern.

"Der Weg ist das Ziel"

Sabine Mehnert hat für die GEW errechnet - beim derzeitigen Stand der Inklusion an den Regelschulen entsprechend der Vorgaben des Kultusministeriums - , dass 154 Stellen für die Inklusion fehlen.

Das zeigt, dass die Rahmenbedingungen vor Ort nicht so sind, dass die Inklusion als Erfolg wahrgenommen werden kann.

Sabine Mehnert, Förderschullehrerin

Es gebe durchaus positive Beispiele, räumt die Gewerkschaftsfrau ein, besonders in den 26 Schulen, die bis zum Sommer am Modellversuch teilgenommen haben. Die hätten die nötigen Ressourcen gehabt und von Kooperationen mit sozialen Einrichtungen und Europäischen Förderprojekten profitiert. Kultusminister Christian Piwarz verteidigt das Vorgehen: "Der Weg ist im Moment das Ziel. Loslaufen, Erfahrungen sammeln, sich vor Augen führen, was hat funktioniert, was hat nicht funktioniert."

Neues Modell: Vermeiden, dass Kinder auffällig werden

Christian Piwarz
Kultusminister Christian Piwarz (CDU) Bildrechte: dpa

Auch Prof. Katrin Liebers, die den Schulversuch wissenschaftlich betreut hat, sieht Sachsen nach anfänglicher Zurückhaltung jetzt auf gutem Weg. Weiterbildungsangebote für Lehrer, die Erstellung von Materialien für den Unterricht, das alles werde sich künftig auszahlen. Die Gründung von sogenannten Kooperationsverbünden von Förder-und Regelschulen werde Kräfte bündeln und regionale Lösungen befördern. In diesem Jahr startet außerdem ein neuer Pilotversuch an Grundschulen. Dafür konnten sich die Schulen bewerben. Es waren relativ wenige, konstatiert Kultusminister Piwarz. "In der Tat wir hätten uns ein paar mehr erhofft, aber gerade an den Schulen, die sich beworben haben, können wir davon ausgehen, dass die Schulleitung, das Lehrerkollegium dahinter stehen und dass auch die Eltern diese Pilotphase begleiten werden."

An 17 Grundschulen soll eine ganz neue Herangehensweise getestet werden. "Das alte Modell ist: Ich muss die Kinder nur genügend auffällig werden lassen, dann bekomme ich die Ressourcen", erläutert Prof. Katrin Liebers. "Das neue Modell sagt: Wir geben vorher ein paar Ressourcen hinein, um zu vermeiden, dass Kinder auffällig werden beim Lernen, beim Verhalten."

Förderschullehrer, die von Anfang an in den Grundschulen ganz selbstverständlich dabei sind, unterstützt auch Sabine Mehnert von der GEW. Ein solches System würde die Zahl der Schüler besonders in Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen und emotional-soziales Verhalten senken. Die wachsen derzeit noch besonders in den Ballungszentren. "Ein Zweitlehrersystem vor Ort würde vieles entschärfen, würde vieles regeln und wäre am Ende preiswerter", glaubt Mehnert.

Beschluss in fünf Jahren

Die Ergebnisse aller Modellprojekte und Versuche sollen gründlich evaluiert werden. Vorgesehen ist, dass der sächsische Landtag auf dieser Grundlage 2022/23 einen Beschluss fasst, wie es mit der Inklusion im sächsischen Schulgesetz weiter geht, so Kultusminister Piwarz: "Ist es ein Fortschreiben des bisherigen Weges, wird noch eine Schippe draufgelegt oder auch möglicherweise wieder ein Stück zurück genommen, weil man sagt, in der Schnelligkeit können wir es im Moment nicht leisten?“

Ein Zweitlehrersystem hat Minister Piwarz jedenfalls schon mal abgelehnt. Das sei finanziell nicht zu leisten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Februar 2019 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 15:10 Uhr

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