Ein Junge im Rollstuhl nimmt in der fünften Klasse am Unterricht teil
Ein Junge im Rollstuhl nimmt in der fünften Klasse am Unterricht teil Bildrechte: dpa

Inklusion in Thüringen Gemeinsamer Unterricht statt Förderschulen

Jeder Mensch hat das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – auch in der Schule. Das besagt die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit zehn Jahren in Kraft ist. Und wie steht es heute um die Inklusion? In Thüringen ist gerade einiges in Bewegung, weil bald ein neues Schulgesetz im Landtag verabschiedet werden soll. Neu daran ist unter anderem, dass parallel dazu nicht ein extra Förderschulgesetz entstehen wird, sondern erstmals alle Schulformen in einem Schriftstück vereinigt werden. Soweit die Inklusion auf dem Papier – aber wie siehts in der Realität aus?

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Ein Junge im Rollstuhl nimmt in der fünften Klasse am Unterricht teil
Ein Junge im Rollstuhl nimmt in der fünften Klasse am Unterricht teil Bildrechte: dpa

Bei der Inklusion gibt es in Thüringen seit 15 Jahren einen Grundsatz: Der gemeinsame Unterricht hat Vorrang. Das heißt: Wenn ein Kind mit einer Behinderung in die Schule kommt, ist vorgesehen, dass es in eine Regelschule kommt und nicht in eine Förderschule, erklärt Susanne Rusche, zuständig für Schulaufsicht und Inklusion im Bildungsministerium.

Wenn Räume und Personal fehlen: Förderschule

Allerdings heißt das in der Praxis nicht, dass dies auch immer geschieht. "Die materiellen, sächlichen und personellen Bedingungen müssen vorhanden sein", sagt Rusche, "denn wir können ja Kinder nicht in Situationen bringen, wo die räumlichen Bedingungen und das Personal nicht vorhanden sind."

Das heißt konkret: Wenn ein Kind im Rollstuhl in die Grundschule im Stadtteil soll, diese aber nicht barrierefrei ist, wird vom Schulamt in den umliegenden Grundschulen nach einem Platz gesucht. Sind diese auch nicht geeignet und lassen sich die Bedingungen nicht schnell schaffen, kommt das Kind auf eine Förderschule.

In diesem Schuljahr besucht in Thüringen knapp die Hälfte der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf den gemeinsamen Unterricht. Allerdings hängt die Quote stark von der Art des Förderbedarfs ab, nur etwa 45 Prozent der Schüler mit Lernschwierigkeiten besuchen die Regelschule, bei den Kindern mit Sehbehinderungen sind es 67 Prozent und auch regional gibt es große Unterschiede: In Jena sind es über 90 Prozent, in Suhl nur 26 Prozent.

Neues Schulgesetz geplant

"Das ist traditionell bedingt, das ist historisch bedingt, und das wird auch durch das neue Gesetz gut aufgefangen", sagt Rusche. "Das heißt, wir werden den Weg, den die Region gegangen ist, konstant so weiterführen."

Das neue Gesetz? Rusche spricht vom Schulgesetz, das derzeit in Arbeit ist. In einem der ersten Entwürfe plante die Landesregierung noch, Förderschulen mit bestimmten Schwerpunkten abzuschaffen. Gegen dieses Vorhaben aber gab es schnell Protest. So wurden nun verschiedene Möglichkeiten gefunden, die alle mitnehmen sollen: Förderzentren können künftig auch alle Förderschwerpunkte führen. Sie können sich mit anderen Schulen zu Gemeinschaftsschulen entwickeln. Oder – sie können sich zu Beratungszentren OHNE Schüler entwickeln. Alles kann also, nichts muss.

Kritik: "Total enttäuschend" und "Skandal"

Für Ulrike Gelhausen-Kolbeck, Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen" ist dieser Ansatz nicht praxistauglich. "Das wird auf Dauer – wenn wir auch noch den Lehrermangel in Betracht ziehen – natürlich schon schwierig", glaubt sie. "Wenn ich das qualitätsvoll schaffen will, ist es wohl so, dass die Förderschulen irgendwann auch ihre Daseinsberechtigung verloren haben, dass sie dann auch nicht mehr gebraucht werden in der Form."

Da werden wir irgendwann auch mal die Systemfrage stellen müssen.

Ulrike Gelhausen-Kolbeck, Vorsitzende "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen"

Ulrike Gelhausen-Kolbeck ist selbst Mutter eines Kindes mit Down-Snydrom, das eine inklusive Regelschule besucht hat. Sie bezeichnet das geplante Gesetz als "Skandal" – sie und andere Inklusionsbefürworter hatten sich von der rot-rot-grünen Landesregierung viel mehr erhofft. "Total enttäuschend", sagt sie. "Das Gravierendste ist, dass uns der Ressourcenvorbehalt, der uns bei der Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts manchmal im Wege stand, erhalten bleiben wird und sogar von den Voraussetzungen noch verschärft werden soll."

Inklusion als Abwägungssache

Der Ressourcenvorbehalt – das sind eben die materiellen, sächlichen und personellen Bedingungen. Laut dem geplanten Gesetz soll künftig auch der Schulträger darüber mit entscheiden können, ob diese Bedingungen stimmen, nicht mehr nur das Schulamt. So bleibt Inklusion eine Abwägungssache. Die Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben – gemeinsam lernen" will die Zeit bis zum Sommer nutzen, um Änderungsvorschläge zum Schulgesetz einzubringen.

So stehen also in Thüringen noch einige Debatten an – außer in einem Punkt: Mutter Ulrike Gehlhausen-Kolbeck und Susanne Rusche vom Bildungsministerium sind sich einig, dass die Inklusionsbemühungen aufgrund des akuten Lehrermangels keineswegs auf Eis gelegt werden sollten. "Sie müssen bedenken, dass das Kind ja nur einmal in der Schule ist. Und das ist die Zeit jetzt. Man kann ja nicht sagen: Komm in zwei oder drei Jahren!", sagt Susann Rusche.

Das heißt, das Kind hat einen Anspruch auf eine gute Beschulung. Dem müssen wir uns stellen.

Susann Rusche, Bildungsministerium

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2019, 15:14 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR