Landesbühnen Sachsen "Inselzauber" – wenn Komik und Tragik nur eine Insel entfernt sind

Die Landesbühnen Sachsen bringen in einer Doppelinszenierung zwei sehr unterschiedliche Zauberinseln auf die Bühne in Radebeul. Eine Operette von Offenbach und eine Oper von Bernstein? Kann das funktionieren? Es kann, befindet unser Kritiker Boris Gruhl.

Szenenbild Inselzauber
Die Doppelinszenierung "Inselzauber" ist auf den Landesbühnen Sachsen zu sehen Bildrechte: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com

In Zeiten eingeschränkter Reisefreuden erscheint ein Inselbesuch verlockend. Und warum nicht gleich zwei? Die Landesbühnen Sachsen nehmen die Zuschauer mit in einer Doppelinszenierung auf "Die Insel Tulipatan", einer Operette von Jacques Offenbach sowie zu "Trouble in Tahiti", so der Name von Leonard Bernstein Oper. Es ist zugleich eine Zeitreise, denn Bernsteins Tahiti-Oper ist 70 Jahre alt, Offenbachs Operette sogar schon 150 Jahre.

Queerer Inselzauber auf Tulipatan

Boris Gruhl hat die Premiere dieser beiden recht unterschiedlichen Stücke für MDR KULTUR gesehen. Er findet, dass die Werke trotz aller Unterschiedlichkeit gut zusammenkommen. Offenbachs "Tulipatan" glänzt zunächst mit Bravour und Stolperspaß, mit Kalauern, Klamauk, Anzüglichkeit, glitzernden Klischees und auf den Kopf gestellten Konventionen, was einen Riesenspaß macht, so unser Kritiker. Doch was wie ein genrebedingtes Happy End auf einer Märchen-Operettenzauberinsel wirkt, lässt bei genauerem Blick doch ein Blättern des Zauberputzes erkennen.

Szenenbild Inselzauber
Ein Spiel mit den Geschlechtern auf der Insel Tulipatan Bildrechte: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com

Schon vor 150 Jahren geht es bei Offenbach also um Identitäten und Geschlecht. Denn Erbprinz Alexis ist eigentlich ein Mädchen und Hermosa, die ihn in ihn verliebt ist, ein Junge. Doch bei allem Spaß und aller Überdrehtheit, gibt es diese Sensibilität, vor allem in der Inszenierung, in der Gestaltung dieser Rollen, mit der Frage, was hier überspielt werden muss, so Gruhl: "Und wie dann die beiden sich zueinander bekennen, das lässt dann schon, bei allem Krach, auch leise Töne der Wahrheit des Herzens anklingen – im Gegenklang zum quakenden Entenkanon oder einer Witzbarcarole und den Überdrehtheiten tragischer Selbstdarstellungsattacken der Eltern, die hier scheinbar den Ton angeben."

Das ist dieser spezielle Inselzauber des ersten Teils, der ist voll von saftiger, süffisanter Lust des Übermuts am Tausch der Rollen, der Identitäten, der Geschlechter hin in einem Finale.

Boris Gruhl, MDR KULTUR-Kritiker

Kontrastprogramm auf Tahiti

Im zweiten Teil, dem Bernstein-Operneinakter "Trouble in Tahiti" ist es eher tragisch als ausgelassen. Dort droht das Paar Dinah und Sam an der Kälte ihre Einsamkeit zu zweit zu erfrieren, es brechen Emotionen von ungeahntem Maß auf, so Gruhl: "Dann müssten sich diese Menschen nun wegen ihrer Flucht suchen, ihre Wege auf ihre Insel finden. Und das tun sie im flimmernden Zauber des Kinos über Lebenskitsch, Südseeparadies: 'Trouble in Tahiti' heißt der Film mit ebenso falschem Happy End." Und obwohl die beiden auf besondere Art zusammenfinden, findet doch alles unter einer drohend herabschwebenden Paradiesfrucht statt, einer richtigen Ananas-Bombe.

Das Paradies – das ist eine wunderbar berührende Szene – das kann man höchstens im Koffer mit sich tragen. Wie die Einsame deiner am Ende sogar nur im Koffer ihres Kopfes.

Boris Gruhl, MDR KULTUR-Kritiker

Szenenbild Inselzauber
Perspektivwechsel in den Kinosessel Bildrechte: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com

Obwohl im Vorfeld schwer vorstellbar war, wie diese beiden unterschiedlichen Stücke zusammenpassen sollten, funktioniert es, so Gruhl: "Ich habe mir das zunächst auch kaum vorstellen können, wie geht das zusammen? Dann aber hatte ich aber gestern am Ende das ganz starke Gefühl: Hätte ich Bernsteins Drama der Einsamkeit wirklich so tief und so emotional empfunden wie gestern Abend, wenn es, allen Traditionen des Theaters zum Trotz, dieses grelle Satyrspiel zuvor nicht gegeben hätte? "

Diese Inselzauber-Assoziation, die sind für mich dann am Ende gestern Abend wirklich berührend aufgegangen.

Boris Gruhl, MDR KULTUR-Kritiker
Szenenbild Inselzauber 9 min
Bildrechte: Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.com

Angaben zum Stück "Inselzauber"
Doppelabend
1. Die Insel Tulipatan Von Jacques Offenbach
Operette in einem Akt
Libretto von Henri Charles Chivot und Alfred Duru
Fassung für Kammerorchester von Hans-Peter Preu
Deutsch von Emil Pohl

2. Trouble in Tahiti von Leonard Bernstein
Oper in sieben Bildern
Libretto von Leonard Bernstein
Fassung für Kammerorchester von Garth Edwin Sunderland
Deutsche Textfassung von Paul Esterházy

Aufführungen:
- Sa, 17.10.2020, 19:00 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul
- So, 25.10.2020, 19 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul
- Do, 12.11.2020, 19:30 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul
- 13.11.2020, 20 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul
- Mi, 18.11.2020, 15 Uhr, König Albert Theater Bad Elster
- So, 22.11.2020, 19 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul
- Sa, 12.12.2020, 19:30 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul
- Fr, 25.12.2020, 19 Uhr, Landesbühnen Sachsen, Hauptbühne, Radebeul

Oper in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Oktober 2020 | 13:20 Uhr