Johannes R Becher in Ahrenshoop 1948
Schriftsteller Johannes R. Becher in Ahrenshoop, 1948 Bildrechte: AdK Berlin

Künstlerische Sommer an der Ostsee Ahrenshoop - Wo die DDR-Elite baden ging

Ahrenshoop ist berühmt für seine Künstlerkolonie, vor allem die Maler, die sich von der Landschaft inspirieren ließen. Scharenweise kamen die berühmten Dichter und Denker aufs Fischland. Um zu debattieren, zu schreiben und - sich zu erholen. Nach dem Krieg (1946) versuchte der Kulturbund, ein "Bad der Intelligenz" aus Ahrenshoop zu machen. Daran erinnert die Sommerausgabe der "Zeitschrift für Ideengeschichte". MDR KULTUR-Literaturkritiker Matthias Schmidt hat sie sich angesehen.

Johannes R Becher in Ahrenshoop 1948
Schriftsteller Johannes R. Becher in Ahrenshoop, 1948 Bildrechte: AdK Berlin

"Das Fischland ist das schönste Land in der Welt". Ein Satz, den viele unterschreiben würden. Er stammt von Uwe Johnson, einem von so vielen Schriftstellern und Künstlern, die gerne nach Ahrenshoop kamen.

Irgendwie waren sie alle hier

Ahrenshoop,Ostsee,Künstler,Intelligenzbad
Das Fischland hat eine magische Anziehungskraft auf Künstler. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Victor Klemperer notierte: "Ruhe und Hübschheit. Auch das Essen im Kurhaus erträglich." Sogar in Badehose posierte der Komponist der DDR-Nationalhymne: Hanns Eisler. Ihr Dichter, Johannes R. Becher war auferstanden aus den Dünen. Schauspielerin Inge Keller machte sich ganz frei. Der Himmel über Christa Wolf war ungeteilt, und auch Franz Fühmann war in Ahrenshoop am Meer. Heiner Müller stand an der Küste und redete mit der Brandung. Und Bertolt Brecht war da. In Arbeitskluft, wie immer, natürlich. Von ihm sagt man allerdings, am Strand sei er nie gesehen worden. Irgendwie, scheint es, waren sie alle hier.

Die Badewanne Berlins

In Berlin war die Sehnsucht nach Ahrenshoop immer gegeben, weil es die Sehnsucht nach der Ostsee war. Ahrenshoop wurde ja von den Berlinern als die Badewanne Berlins bezeichnet.

Sebastian Kleinschmidt, Publizist

Der Publizist Sebastian Kleinschmidt kennt Ahrenshoop seit seiner Kindheit. Sein Vater hat nach dem Krieg den Kulturbund mitbegründet. Dieser Idee ist es letztlich zu verdanken, dass dieses Idyll zwischen Ostsee und Bodden ein Ort der Dichter wurde.

Kulturbund plant "Bad der Intelligenz"

1946, kurz nach dem Krieg, verbringt der Schriftsteller Johannes R. Becher einen Sommer in Ahrenshoop. Er wohnt im "Dünenhaus" und findet, dass dieses Dorf genau der richtige Ort für ihn und den neu gegründeten Kulturbund sei. Sein Plan: Ein "Bad der Intelligenz" soll aus Ahrenshoop werden. Einen Ort des Dialogs für eine neue Zeit. "Der Kulturbund war ja als überparteiliches Gremium gegründet worden und gedacht", so beschreibt es Sebastian Kleinschmidt. "Das ist natürlich dann nach und nach auch in die Krise gekommen, aber am Anfang hat es eine doch anziehende Form von geistiger Freiheit gegeben, auch für Leute, die mit dem Sozialismus wenig Sympathie hatten."

Der Kulturbund übernimmt freistehende Häuser, der russische Kulturoffizier schickt Kartoffeln und Quark, und so treffen sich im Sommer 1947 Autoren und Philosophen aus Ost und West. Der Himmel und das Meer sind weit, die Gedanken noch frei. Kaum zu glauben, wie frei. Sogar Ernst Jünger, für Becher klar "Deutschlandstreiter von rechts", findet zahlreiche Fürsprecher.

Ahrenshoop,Ostsee,Künstler,Intelligenzbad
Sebastian Kleinschmidt in Ahrenshoop Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Man darf ja nicht vergessen, für alle war das Kriegsende ja auch eine Art Katharsis. Nach Jahren so scharfer Polarisierung, und nicht nur einfach Polarisierung, sondern auch gegenseitiger Vernichtung, natürlich ist da der gute Wille da, auch einander zu verstehen. Wenn ich den nicht mitbringe, dann kann ich mich auch nicht verständigen.

Sebastian Kleinschmidt, Essayist

Anfang der 50er-Jahre versucht der FDGB, das Dorf komplett zu übernehmen. Immobilien werden enteignet, Querulanten verhaftet. Der Kulturbund und sein "Bad der Intelligenz" geraten ins Hintertreffen. Weiterhin aber sind es hauptsächlich Kulturschaffende aus Berlin, die nach Ahrenshoop kommen. Das Kurhaus wird im Volksmund "Bonzen-Aquarium" genannt.

Seit der Wende

Nach der Wende kommen die Badetouristen. Und die Makler mit dem Westgeld wittern in der Seeluft gute Geschäfte. Aber: Ahrenshoop versucht, auch weiterhin ein etwas anderer Ostsee-Urlaubsort zu bleiben, erklärt der amtierende Bürgermeister Hans Götze:

Ahrenshoop,Ostsee,Künstler,Intelligenzbad
In Ahrenshoop ist auch ein Künstler Bürgermeister: der Maler und Grafiker Hans Götze. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wir wollen unseren Ort von seinem Charakter her behalten. Es sollte dieser Dreiklang zwischen intakter Natur, dörflicher Ortsstruktur und der Kunst sein. Und das ist eigentlich die Zielstellung, der wir auch heute noch alles unterordnen.

Hans Götze, Maler und Bürgermeister
Ahrenshoop,Ostsee,Künstler,Intelligenzbad
Das Kunstmuseum in Ahrenshoop Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ahrenshoop ist längst kein abgeschiedenes Dorf mehr, wie auch. Aber es hält seine Tradition hoch. Mit dem avantgardistisch wirkenden Kunstmuseum setzt es sich selbst und seiner Künstlerkolonie 2013 ein Denkmal. Man kann, aber man muss übrigens nicht nur wegen der Kunst nach Ahrenshoop kommen.

Man wundert sich ja, wenn die Berliner nach Ahrenshoop fahren und sie alle von morgens bis abends nach der Kultur schreien. Das stimmt ja eigentlich nicht, die wollen eigentlich die Natur haben.

Sebastian Kleinschmidt, Essayist

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Fernsehen:
artour - Das Kulturmagazimn des MDR
26.07.2017 | 22:05 Uhr
27.07.2017 | 03:15 Uhr

Radio:
26.07.2017 | 07:40 Uhr

Zum Weiterlesen

Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2018, 04:00 Uhr

Mehr zu den Künstlern

Das könnte sie auch interessieren