Premiere in Halle Doku "972 Breakdowns": Künstler aus Halle auf Motorradtrip nach New York

Nach ihrem Studium an der Burg Giebichenstein in Halle wollten drei Studierende raus aus der Blase der Kunstszene. Mehrere Jahre lang sind sie durch Asien über Alaska bis nach New York gereist – ganz bewusst mit alten Motorrädern, um über Pannen mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihre Erlebnisse haben die Künstlerinnen und Künstler in einem Bildband festgehalten und aus 500 Stunden Material den Film "972 Breakdowns" geschnitten. Am 19. August feiert der Film in Halle Premiere und ist ab dem 3. September bundesweit in den Kinos zu sehen. Anne Knödler und Johannes Fötsch, zwei der Abenteurer, im Interview.

Motorräder fahren auf Straße 46 min
Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Wann und wie entsteht der Plan, so eine verrückte Reise zu machen?

Anne Knödler: Die Burg Giebichenstein ist eine Kunsthochschule mit dicken Mauern, in der man sich in einer Blase befindet. Insgesamt funktioniert die Kunstszene wie eine Blase, ähnlich wie in vielen Branchen. Um sich aber einen Pool zu schaffen, aus dem man schöpfen kann, um zu arbeiten, haben wir uns entschieden, rauszugehen und diese Blase zu durchbrechen.

Johannes Fötsch: Wir haben die Uni verlassen und haben uns gedacht: raus, ganz weit weg. Es ging uns eigentlich nie darum, nach New York zu kommen. Es ging darum, gemeinsam ein wahnwitziges Projekt auf die Beine zu stellen. Es war uns wichtig, rauszugehen und möglichst viele Leute kennenzulernen, um sich so ein Themenfeld zu erschließen. So eine Reise geht auch nicht ohne finanzielle Mittel, ohne Konzept, ohne Planung. Das wollten wir lernen: Wie kommuniziere ich eine Idee nach außen, um sie dann am Ende verwirklichen zu können?

Menschen posieren mit Motorrädern für ein Gruppenfoto
Das sind die Motorräder, mit denen die weite reise zurückgelegt wurde. Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Anne Knödler: Wir wollten die Grenzen der Kunst für uns austesten: In welchen Medien wollen wir uns bewegen, was interessiert uns, was möchten wir weitergeben? Das hat mit diesem Projekt sehr gut funktioniert, weil wir auch viele Leute erreichen konnten.

Sie haben die Reise auf einer "Ural 650" bestritten. Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses ungewöhnliche Modell ausgesucht?

Buch
Eine Doppelseite aus dem Buch zur Reise. Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Anne Knödler: Sie wurde uns von einem gemeinsamen Freund ans Herz gelegt. Denn man versteht die Maschine relativ schnell, und sie lässt sich gut reparieren. Dieses Motorrad ist modular aufgebaut, wie ein Lego-Stecksystem. Zudem gibt es Ersatzteile in den ehemaligen Sowjetstaaten, durch die wir hauptsächlich gereist sind. Auch in Nordamerika ist es ein Retro-Trend, sodass es dort ebenfalls Ersatzteile gibt. Der Hauptgrund war dann auch die Panne, für die diese Maschine berüchtigt ist.

Johannes Fötsch: Sie sehen einfach gut aus. Wir hatten die Idee, dass wir unser Studio in Halle zusammenpacken und alles, was wir nun mal mitnehmen würden, in diesen Beiwagen packen, und das ist dann unser Arbeitsbereich. Das war auch ein schöner Akt. Wir sind ja keine Motorradfahrer und haben den Führerschein extra für diese Reise gemacht. Mit mit so einem großen Fahrzeug vollbeladen auf unwegsamem Straßen unterwegs zu sein, war eine Horrorvorstellung. Deswegen kam für uns einfach kein anderes Motorrad in Frage.

Anne Knödler: Dieses Motorrad ist auch sehr dankbar, wenn man irgendwelchen Mist damit anstellen will, zum Beispiel den Seitenwagen runternimmt oder irgendetwas draufschraubt. Wir haben eine eigene Art, mit den Dingen umzugehen oder sie zu sehen. Wir haben das Motorrad umgedreht, haben versucht rückwärts zu fahren und die Perspektive zu wechseln. So sind dann auch viele Bilder entstanden.

Johannes Fötsch: Die "Ural 650" ist gemacht, um damit zu spielen. Kein Mensch in Russland würde ernsthaft versuchen, damit von A nach B zu fahren. Man benutzt es nur aus Spaß. Deswegen heißt es entweder Stalins Rache oder russisches Lego.

Welche Reaktionen gab es denn eigentlich von Ihren Freunden und Kommilitonen, bevor Sie losgefahren sind?

Mann
Johannes Fötsch auf der Reise Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Johannes Fötsch: Ich weiß, dass sie Wetten abgeschlossen haben, wer lebend aus der Nummer rauskommt. Viele Leute, die uns kennen, wussten, dass da etwas Lustiges entstehen wird. Die wenigsten haben wirklich damit gerechnet, dass wir mit diesen Dingern in New York ankommen. Wir haben ja selber nicht damit gerechnet. Aber die Leute haben an uns geglaubt und uns unterstützt.

Der Film heißt übersetzt "972 Pannen". Das klingt nach sehr viel Stress. Wie sind Sie in der Gruppe damit umgegangen?

Person, hat Dreck im Gesicht
Die Künstlerin Anne Knödler Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Anne Knödler: Ich erinnere mich noch, dass mein Motorrad das erste war, das eine gebrochene Kurbelwelle hatte. Ich wusste nicht, wie die anderen reagieren würden, ob wir das Motorrad zurücklassen und das Gepäck verteilen. Wir hatten keine Ahnung, wie man das Ding reparieren sollte. Ich habe mich gefragt: Muss ich nach Hause fahren, nehme ich mir ein Auto, was wird passieren? Aber es war tatsächlich so, dass wir uns entweder Hilfe gesucht oder die Motorräder notdürftig selbst repariert haben. Bei einer Gruppe von fünf Personen hatten auch nie alle gleichzeitig eine Auseinandersetzung, sondern es gab immer einen kleinen Teil, der für Balance gesorgt hat.

Johannes Fötsch: Aber wir wussten, dass die soziale Komponente eine der größten Herausforderungen sein wird. Wir haben von Anfang an sehr behutsam und sensibel darüber nachgedacht, wie wir Konflikte lösen können und haben mit der Streitkultur experimentiert. Man kennt das zum Beispiel von Urlaubstrips, dass sich bei einem Streit jeder in seinen Sessel zurückzieht. So lebt man auf der Reise solange aneinander vorbei, bis es irgendwann zum Eklat kommt und man sich trennt. Um dem entgegenzuwirken, haben wir keine einzelnen Zelte benutzt, sondern in einem Zelt gelebt, sozusagen unter einem Dach ohne Wände. Das heißt, man kann von außen dazukommen und von innen rausgehen, aber am Ende des Tages müssen wir uns alle wieder unter diesem Dach einfinden – egal, was tagsüber gelaufen ist. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum wir heute noch miteinander reden.

Anne Knödler: Wir haben auch gemerkt, dass wir zusammen so weit gekommen sind und soweit kommen konnten. Wir haben das als Gruppe geschafft, wo jeder seine Stärken präsentieren, wo jeder sich selbst weiterentwickeln, wo aber auch jeder die Rückschläge der anderen mittragen konnte – und musste.

Wie lief dann die Kommunikation mit den Menschen vor Ort?

Anne Knödler: Ich hatte in der Schule die Möglichkeit, Russisch zu lernen. Aber es hat sich auch in der Digitalisierung viel getan: In der Mongolei habe ich versucht, mich mit Google Translate zu verständigen. Wenn ich mal ein Signal hatte, was sehr sporadisch war, habe ich die Frage eingetippt und die Übersetzung gezeigt. Die Mongolei war eine Herausforderung, was die Kommunikation betraf.

Motorräder
Über Pannen miteinander ins Gespräch kommen, das war das Ziel der Künstlerinnen und Künstler aus Halle. Bildrechte: leavinghomefunktion GbR

Johannes Fötsch: Da hat selbst die Körpersprache nicht mehr so richtig funktioniert. Aber jeder Reisende wird Ihnen auch erzählen, dass Kommunikation nie ein Problem ist – gerade mit diesen Pannen, die wir hatten. Wir hatten jeden Tag auf der Straße unsere Performance mit einem kaputten Motorrad. Das versteht man überall: Etwas quietscht, man zeigt auf das Teil und die Leute wissen, was gemeint ist. Dafür brauchen wir nicht viele Worte. Wir haben mit diesem Motorrädern Aufmerksamkeit erregt, denn wir hatten in jedem Dorf eine Panne. Wir haben also angehalten und sofort das ganze Dorf kennengelernt. Die wussten dann, wo wir hinwollen, wann wir losgefahren sind und wann wir ungefähr ankommen müssten. Also haben diese Leute im nächsten Dorf angerufen und gefragt, ob wir angekommen sind. Wenn uns jemand gesucht hätte, dann wären es die Leute aus diesen Dörfern gewesen.

Wir hören in den Nachrichten oder im Fernsehen so viel über diese Regionen. Sie waren jetzt lange dort unterwegs. Wie verändert sich der Blick auf die Welt dadurch?

Johannes Fötsch: Wir dachten, dass wir genau solche Fragen klären können, aber es hat noch viel mehr Fragen aufgeworfen. Du versuchst, die persönlichen Geschichten mit deinem Geschichtswissen übereinzubringen, und es wird noch mehr durcheinander geworfen.

Anne Knödler: Man versucht natürlich, mehr zu verstehen, aber man erkennt auch schnell, dass es kein Richtig und kein Falsch gibt und dass ein Unterschied zwischen Politik und Volk besteht. Man trifft sich dann eher auf einer emotionalen Ebene. Die Politik und die Wahrnehmung von den Ländern trifft sich vielmehr auf einer medialen Ebene.

Johannes Fötsch: Wir haben uns auch bewusst gegen politische Diskussionen entschieden, weil die Sprachkenntnisse dafür gar nicht gut genug waren. Was für mich aber prägend war, dass ich mit unserer bloßen Erscheinung, mit meinem Auftreten eine Message vermittle und dadurch eine Art von Kommunikation erzeuge, die wesentlich tiefer geht als jede politische Diskussion. Ich versuche nicht, jemanden von meinen Idealen zu überzeugen, sondern bin dort so, wie ich bin und respektiere dich so, wie du bist. In Russland hat man das Bild von Deutschen, die super ausgerüstet mit dem BMW unterwegs sind und von oben auf Russland herabblicken. Aber wir waren dort als hilflose Leute unterwegs. Das hat vielleicht bei den Leuten dort und bei uns für prägende Erfahrungen gesorgt.

Das Interview führte Film-Redakteur Stefan Petraschewsky für MDR KULTUR.

Vorführtermine

  • 20. August 2020, Dresden, Filmnächte am Elbufer (Open Air), 21 Uhr
  • 21. August 2020, Berlin, Sommerkino am Kulturforum (Open Air), 20:45 Uhr
  • 23. August 2020, Leipzig, Filmnächte Scheibenholz (Open Air), 20:30 Uhr
  • 23. August 2020, Halle (Saale), WUK Theater Quartier (Open Air), Ausverkauft!
  • 23. August 2020, Halle (Saale), Puschkino, 21.30 Uhr
  • 24. August 2020, Chemnitz, Filmnächte (Open Air), 21:00 Uhr
  • 25. August 2020, Berlin, Union Open Air, 20:15 Uhr
  • 6. September 2020, Jena, Schillhof, 16 Uhr & 19 Uhr
  • 7. September 2020, Weimar, Lichthaus, 19 Uhr
  • 8. September 2020, Rudolstadt, Cineplex, 19 Uhr
  • 9. September 2020, Erfurt, Cinestar, 19:30 Uhr
  • 10. September 2020, Gotha, Cineplex, 20 Uhr
  • 12. September 2020, Plauen, Capitol-Kino, 17 Uhr
  • 13. September 2020, Zwickau, Filmpalast, 19:30 Uhr
  • 14. September 2020, Chemnitz, Clubkino, 19 Uhr
  • 15. September 2020, Dresden, Schauburg, 20 Uhr
  • 16. September 2020, Bautzen, Filmpalast, 19:30 Uhr
  • 17. September 2020, Görlitz, Filmpalast, 19:30 Uhr
  • 18. September 2020, Cottbus, Weltspiegel, 19:30 Uhr
  • 19. September 2020, Magdeburg, Moritzhof, 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. August 2020 | 06:15 Uhr