Interview Brigitte Reimanns Bruder "Lutz" über seine faszinierende Schwester

DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann starb 1973 mit 39 Jahren früh an den Folgen ihrer Krebserkrankung. Ihr Schaffen wirkt jedoch bis heute. In diesem Jahr wäre die Autorin von "Franziska Linkerhand" 85 Jahre alt geworden. Unter dem Titel "Post vom schwarzen Schaf" sind nun die Briefwechsel mit Reimanns drei Geschwistern erschienen. MDR KULTUR hat mit ihrem Bruder Ludwig gesprochen, der 1960 nach Hamburg gegangen war - und mit dem sie sich in ihren Briefen heftig gestritten hat.

Brigitte Reimann
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MDR KULTUR: Herr Reimann, Sie haben sich 1960 entschieden, die DDR zu verlassen. Sind mit ihrer jungen Frau und ihrem neugeborenen Kind losgefahren und haben sich in Hamburg angesiedelt. Ihre ein Jahr ältere Schwester Brigitte Reimann hat sich ganz bewusst für das Gegenteil entschieden. Ich habe den Eindruck beim Lesen Ihrer Briefe, dass Sie bei allen Streits und Auseinandersetzungen, die sehr heftig geführt wurden und durchaus persönlich wurden, immer eine große Liebe und Nähe zu Ihrer Schwester hatten und Sie auch zu Ihnen. Was hat Sie geeint?

Ludwig Reimann: Es war einfach geschwisterliche Liebe kann ich sagen. Sie war ja nur eineinhalb Jahre älter. Und wir haben in den ersten Jahren unseres Lebens eigentlich alles zusammen gemacht. Zu Beginn haben wir zusammen geglaubt, der Sozialismus wäre das gute Ziel. Die Entscheidung zwischen Kapitalismus und Sozialismus war noch nicht gefallen. Das war noch vor der Gründung der DDR. Und dann hat meine Schwester die deutsch-sowjetische Freundschaft in unserem Gymnasium aufgebaut. Und ich habe ihr dabei geholfen. Aber dann kamen langsam Zweifel. Was wollte man denn? Man wollte die Menschen eigentlich ändern. Und sie reif machen für ein sozialistisches Menschenbild. Aber das bedeutet, dass man überall in das Leben hineingriff. 1960 bin ich gegangen. Für meine Schwester war das keine Alternative.

Brigitte Reimann war ja auch kein ideologischer Betonkopf. Sie war ein sehr kluger, nachdenklicher, reflektierter Mensch. Und sie hat sicher auch gesehen, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen. Was denken Sie war für sie der Grund zu sagen: In den Westen gehen kommt für mich nicht infrage?

Sie war eher emotional strukturiert. Und rationale Argumente waren für sie nicht so richtig greifbar, die passten nicht in ihr Denkschema. Das heißt, sie hat bei allen Dingen immer gemeint, das sind vorübergehende Erscheinungen, ganz gleich welcher Art.

Sie haben Ihre Schwester mehrmals regelrecht gebeten: Komm zu uns in den Westen, komm nach Hamburg. Besuch uns hier, leb mal eine Weile hier. Guck dir das mal alles an. Sie ist nie gekommen. Warum nicht?

Ich hab ihr auch gesagt, du musst dich in der Welt umtun. Guck dir das Leben hier an. Bilde dir dein eigenes Urteil und lasse dich nicht nur von dem leiten, was man dort in der DDR erzählt oder darstellt. Aber sie hatte nicht den Mut. Und zwar aus zweierlei Gründen: Einmal fühlte sie sich auch körperlich nicht so agil [Anm. d. Red: Sie hinkte und war kurzsichtig]. Aber das andere war auch: Sie hatte wohl Angst davor, ihre Illusionen zu verlieren.

Brigitte Reimann
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Dann haben Sie in Ihren Briefen deutlich gemacht, dass Sie die Entscheidung auf keinen Fall bereuen. Da ging ein heftiger Briefwechsel los zwischen Ihnen beiden. Da flogen richtig die Fetzen. Sie schrieben "bei euch wird eh keine richtige Literatur entstehen". Sie haben sie auch sozusagen in ihrem Heiligsten angegriffen.

Was ich ihr vorgeworfen habe, war, dass ich sagte: Guck deine Position an und auch die deiner Kollegen, der Intellektuellen. Was seid ihr denn? Ihr seid Werkzeuge in der Hand der Partei. Und wenn ihr das nicht sein wollt, dann seid ihr tot, dann habt ihr gar nichts. Es war alles im Dienste der Partei. Und die Bücher, die sie geschrieben haben, waren am Ende auch nur etwas, was die Parteimeinung förderte und was sie stützte. Sie waren ein Teil des Überbaus, mit dem man das Land beeinflusste und führen wollte.

Was ich nicht verstanden habe: Sie hat auch all die "zersetzende" Literatur gegen den Sozialismus gelesen. Das war zum Beispiel George Orwells "1984". Wir haben ja in der DDR festgestellt: Guck mal an, genau wie bei Orwell beschrieben – die verändern die Sprache, um uns zu beeinflussen. Es gab viele Beispiele. Es war interessant, das zu erleben. Es gab eine Fülle von aufklärerischen Schriften, die sie auch gelesen hat. Die waren natürlich verboten. Wenn man damit erwischt wurde, ging man ins Gefängnis. Aber das hat sie offenbar nicht weiter beeindruckt. Sie hat das nur als Äußerlichkeiten betrachtet, wenn etwas zu bekritteln war. Aber an den Kern der Dinge kam sie nicht.

Können Sie verstehen, dass Brigitte Reimann aus ihrer damaligen Position gesagt hat: Irrtum, Lutz, ich fühle mich überhaupt nicht als Werkzeug?

Ja, natürlich musste sie sich so verstehen, weil sie sich das anders nicht eingestehen konnten. Sie waren alle korrumpiert, wenn Sie so wollen. Und sie konnten auch gar nicht anders. Denn sonst hätten Sie Maurer werden können oder sowas.

Gibt es etwas, was Sie Brigitte Reimann bis heute übel nehmen?

Es gibt nur einen Punkt: Als die Mauer gebaut worden ist, da hat sie sie offiziell beglückwünscht und verteidigt und als einen Schlag gegen den Kapitalismus gesehen. Da habe ich gedacht: Das kann's nicht sein. Die Mauer, das Unding, und dass da welche gestorben sind, das nahm man so hin. Selbst meine Mutter sagte einmal: 'Die müssen ja nicht fliehen.' Dass Brigitte am Ende für die DDR sozusagen Werkzeug war und geschrieben hat, das habe ich ihr übel genommen. Denn so ein Staat lebt nur von solchen Hilfswilligen.

Aber Brigitte Reimann hat ja keine Propagandaliteratur geschrieben. Hatten Sie mal eine Zeit, in der sie gefürchtet haben, dass sie ihren Draht zu ihrer Schwester Brigitte Reimann verlieren?

Es war eine Zeit lang Stillschweigen. Das war so kurz nach dem Mauerbau. Aber mein Vater hat ja mit seinen Familienrundschreiben die Familienbande erhalten, und man erfuhr auch alles Mögliche, wenn auch nicht auf direktem Weg.

Nicht direkt, aber eine positive Literatur für die DDR. Sie war ein Teil des Überbaus, der rückwirkt auf die Masse der Bevölkerung. Und das waren alle diese Schriftsteller und Theatermacher. Wenn sie das nicht taten, waren sie weg vom Fenster. Was ja auch einige nachher erlebt haben, wie Biermann oder Manfred Krug.

Aber wir sitzen jetzt hier im Jahr 2018. Ihre Bücher werden herausgegeben, die Briefe Ihrer Schwester werden herausgegeben, wir führen ein Interview – das würden wir wohl nicht tun, wenn Brigitte Reimann wirklich üble propagandistisch-sozialistische Literatur geschrieben hätte ...

Das stimmt. Die literarische Qualität kann ich nicht beurteilen, ich weiß nur, dass meine Schwester wirklich schreiben konnte. Und sie war vernarrt in ihren Beruf, und sie wollte unbedingt Schriftstellerin werden, sie wollte etwas schaffen. Sie hat ja auch schon in der Schule – oft hat sie Geschichten geschrieben, die regelmäßig vor dem Lehrerkollegium vorgelesen wurden, weil das toll war, wie sie sich ausdrücken konnte. Sie war jemand, der man zuhören musste. Und wenn sie irgendwo in einen Raum trat, dann füllte sie den Raum. Dann war sie der Mittelpunkt. Sie war unwahrscheinlich charmant, interessant, konnte gut argumentieren. Nicht immer richtig aus meiner Sicht, aber sie war schon eine beeindruckende Persönlichkeit.

Widerspricht sich eigentlich mit dem, wie sie sich selbst gesehen hat: Als total schüchtern.

Nein, das war kein Widerspruch. Hintergrund: 1947 hatten sich die Ereignisse gehäuft - die Ernährungslage war katastrophal, der Großvater gestorben und dann kam unser Vater aus Russland zurück als Skelett. Das kam alles zusammen und dann kam ihre spinale Kinderlähmung. Sie konnte gerade so den Hals bewegen, mehr nicht. Dann kam sie nach Magdeburg in ein Klinikum, da wurde es langsam besser. Sie hat sich sozusagen ins Leben zurückgekämpft und zurückgeblieben blieb die Beschädigung an einem Bein. Sie hinkte deshalb. Unter großen Schmerzen lernte sie wieder, sich zu bewegen. Ich sehe noch heute vor mir, wie sie die Treppe hochgehen sollte, um zu üben. Und dabei liefen die Tränen. Sie hat danach ein Bestreben gehabt, zu leben. Sie wollte. Und deshalb konnte sie auch, wenn sie in Gesellschaft kam, sprühen. Sie war jemand, der alle faszinierte. Sie war eigentlich schüchtern, das stimmt, aber dann fiel das alles von ihr ab.

Brigitte Reimann
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Zu ihrer privaten Seite: Brigitte Reimann hatte eine große Sehnsucht nach einem Partner, nach Liebe und Geborgenheit, nach Familie und Kindern. Ihre drei Ehen sind alle gescheitert. Warum?

Sie war dafür nicht geeignet. Sie war besessen, als Schriftstellerin zu arbeiten, etwas zu bringen. Und hat eigentlich alles an die Seite geschoben, was sie dabei gestört hat. Aber, wenn sie jemanden kennengelernt hat – und sie hat genügend kennengelernt, dann war sie emotional beteiligt. Sie hat diese Menschen dann zu Helden stilisiert. Bis der nächste da war. Ihre Männer konnten ihr nicht gerecht werden, sie war nicht für eine Ehe geeignet. Sie wollte leben, und sie hat nichts stehen lassen. Keinen Vodka und keinen Mann. Sie war gierig nach Leben. Damit hat sie sich beflügelt und auch andere mitgerissen. Das konnte sie: andere mitreißen.

Ab dem Moment, als dann die Krebserkrankung in ihr Leben trat – von dem Moment an trat das Politische, die Diskussion mit Ihnen, in den Hintergrund …

Sie suchte die Nähe zur Familie und den Halt in der Familie. Natürlich hat es sie in ihrem Denken und Handeln beeinflusst als sie gesehen hat, dass ihr Schaffen endlich ist.

Meinen Sie, dass die Krebserkrankung die Versöhnung zwischen Ihnen und Ihrer Schwester bewirkt hat?

Im Wesentlichen ja. Es war nicht mehr bedeutend über solche Äußerlichkeiten wie Politik zu streiten.

Das Interview führte Ulf Kalkreuth für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch Brigitte Reimann: "Post vom schwarzen Schaf. Geschwisterbriefe"
Herausgegeben von Heide Hampel und Angela Drescher
416 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-351-03736-9
Aufbau Verlag

Über Brigitte Reimann:
Die Schriftstellerin Brigitte Reimann kam am 21. Juli 1933 in Burg zur Welt und starb am 20. Februar 1973 in Berlin an Krebs. Reimann war zunächst vom Sozialismus überzeugt, gewann dann aber zunehmend Distanz zum SED-Regime. Sie veröffentlichte zahlreiche Erzählungen sowie den unvollständigen Roman "Franziska Linkerhand". Dieser wurde, genau wie ihre Tagebücher und einige Briefe, posthum veröffentlicht. Ihr bewegtes Leben wurde 2004 mit dem Titel "Hunger auf Leben" verfilmt, in der Hauptrolle Martina Gedeck.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 26. Juli 2018 | 22:05 Uhr

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