Thomas Stuber und Clemens Meyer
Thomas Stuber und Clemens Meyer bei Dreharbeiten auf der Leipziger Rennbahn. Bildrechte: MDR/Departures Film GmbH

Interview Neuer Film von Clemens Meyer und Thomas Stuber bei der Berlinale

Nach "Von Hunden und Pferden" und "Herbert" ist "In den Gängen" die dritte Zusammenarbeit von Schriftsteller Clemens Meyer und Regisseur Thomas Stuber – und läuft als Wettbewerbsfilm auf der Berlinale. Die Geschichte entstammt Meyers Kurzgeschichtenband "Die Nacht, die Lichter" und erzählt von einer Dreiecksbeziehung zwischen Mitarbeitern eines Großmarktes. Mit MDR KULTUR sprechen die beiden über ihre Zusammenarbeit – und verraten, ob wir noch weitere Filme von ihnen erwarten dürfen.

Thomas Stuber und Clemens Meyer
Thomas Stuber und Clemens Meyer bei Dreharbeiten auf der Leipziger Rennbahn. Bildrechte: MDR/Departures Film GmbH

MDR KULTUR: Zunächst erstmal Glückwunsch zur Einladung zum Wettbewerb der Berlinale – sind Sie sehr aufgeregt, sehr geehrt?

Thomas Stuber: Danke erstmal … noch nicht so aufgeregt, aber das kommt so langsam.

Sie sind ja auch schon ein bisschen vorbereitet, denn es gab ja bereits den Deutschen Drehbuchpreis für das Drehbuch zu "In den Gängen" 2015. Und Clemens Meyer, Sie haben ja schon ein bisschen Berlinale-Erfahrung zusammen mit Andreas Dresen und "Als Wir Träumten" gesammelt.

Clemens Meyer: Bei "Als wir träumten" war ich emotional dabei, hatte aber nur die Vorlage geschrieben. Hier habe ich zusammen mit Thomas am Drehbuch geschrieben und wir haben den Film zusammen konzipiert. Allerdings bin ich während der Berlinale nicht da, ich bin im Februar in Amerika, habe einen kleinen Lehrauftrag an der privaten New York-Universität und sehe das im Prinzip gelassen. Die Aufregung - da sind jetzt die andern zuständig. Mein Werk ist getan.

Das ist die dritte Zusammenarbeit Stuber/Meyer. Wann haben Sie gemerkt, dass das zwischen Ihnen beiden gut funktioniert?

Stuber: An dem Tag als wir uns bei den Dreharbeiten zu "Von Hunden und Pferden" kennengelernt haben. Wir hatten noch ein bisschen Zeit, bis die Kamera laufen sollte ... Dann sind wir in die "Alte Waage" (Kneipe und Wettbüro) gegangen, und Clemens wusste schon genau, auf welches Rennen er setzen wollte. So ging das los, so habe ich auch gleich meine erste Wette gemacht … und wir sind ins Gespräch gekommen, haben dann sehr schön gedreht miteinander an dem Tag. Es dauerte dann ein bisschen, bis ich mit dem nächsten Projekt, mit "Herbert", zu Clemens kam, aber in der Zeit hatte sich das schon recht schön verbunden.

Thomas Stuber (Regisseur) und Peter Kurth (Schauspieler) am FIlmset von 'Herbert'.
Thomas Stuber (Regisseur, links) und Peter Kurth (Schauspieler) am Filmset von 'Herbert'. Bildrechte: MDR/Frédéric Batier

"In den Gängen" nach einer Kurzgeschichte aus dem Band "Die Nacht, die Lichter". Sandra Hüller spielt Marion, sie arbeitet in einem Gang im Großmarkt, Franz Rogowski spielt Christian, arbeitet in einem anderen Gang, will Gabelstaplerfahren lernen, beide lernen sich kennen, werden möglicherweise ein Liebespaar. Marion ist mit einem Alkoholiker verheiratet, dazu kommt Bruno, wieder gespielt von Peter Kurth. Was hat Sie an dieser Geschichte gereizt, Thomas Stuber?

Stuber: Mir ist beim ersten Lesen von "Die Nacht, die Lichter" "In den Gängen" aufgefallen, weil sie sich als eine der wenigen Geschichten in dem Buch, nicht nur als Kurzfilm eignet, sondern auch die Länge und die Spielbarkeit von einem Spielfilm hat. Ansonsten hatte sie eine unglaubliche Tiefe und Atmosphäre. Dieser schweigsame Christian, der in diesen Markt kommt, diese ganzen Leute kennenlernt, diese vermeintlich kleinen Gestalten dort, die sich alle in diesem Markt zusammenziehen, zusammenhalten. Und dann insbesondere durch das, was Clemens' Prosa ja sehr auszeichnet: Durch diese Auslassungen, durch Ellipsen, durch das, was nicht erzählt wird, durch das, was nur angedeutet und nicht zu Ende erzählt wird. Dadurch gibt es für den Leser wahnsinnig viel Raum zum Hineinversinken. Und das kann ich als Filmemacher wunderbar übernehmen und in eine Filmsprache übersetzen.

Die Schauspieler Sandra Hüller und und Franz Rogowski posieren in einem Groߟmarkt in Wittenberg beim Dreh des Kinofilmes 'In den Gängen'.
Die Schauspieler Sandra Hüller und und Franz Rogowski posieren in einem Großmarkt in Wittenberg beim Dreh des Kinofilmes 'In den Gängen'. Auch Schriftsteller Clemens Meyer hat einmal in so einem Großmarkt gearbeitet. Bildrechte: dpa

Auf jeden Fall klingt es nach einem poetischen Werk: Nicht nur durch den Kontrast von der Arbeitswelt und den Bach-Kompositionen. Da nennen die Arbeiter ein Becken voller Hummer schlichtweg "das Meer", die Kühlabteilung heißt "Sibirien", das kann sehr anrührend sein.

Meyer: Die sogenannten "einfachen Leute", das sind ja ganz unterschiedliche Leute. Da wäre ich vorsichtig. Eines der größten Kunstwerke der Literaturgeschichte, "Ulysses", handelt zum größten Teil von einfachen Leuten ... Angestellte, Lehrer, Annoncenvertreter, und deren Geschichten werden natürlich aufgeladen mit den großen Geschichten der Welt, des Seins, auch der Literatur. Wir haben die große Welt natürlich auch im kleinen Markt. Es ist eine Liebesgeschichte und es ist aber gleichzeitig eine Geschichte über Liebe und Tod. Ohne da jetzt zu viel verraten zu wollen: Es ist ein existentieller Film.

Wenn man so etwas schreibt, wie präzise ist das Bild, was man da im Kopf hat von der Geschichte? Läuft da schon eine Art Film in Ihrem Kopf ab?

Meyer: Ich komme sehr über das Visuelle beim Schreiben, über Bilder. Ich muss das sehen, was ich schreibe. Dazu muss ich sagen, das ist kein Geheimnis: Ich habe tatsächlich mal während des Studiums drei Jahre in einem Großmarkt gearbeitet. Die hatten mich später mal eingeladen - da kamen die Kollegen von damals, die das Buch gelesen hatten, zu mir und fragten: 'Mensch Clemens, wir zerbrechen uns die ganze Zeit den Kopf, wer die Kollegin war, mit der du eine Affäre gehabt hast.' So ist das. Ich habe natürlich mit niemandem – leider – eine Affäre gehabt … Der Markt, hab ich später gedacht, da kann man doch eine schöne Geschichte reinsetzen. Aber die muss man dann erfinden.

Clemens Meyer
Dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer gelang mit seinem Roman 'Als wir träumten' der Durchbruch. Seit zehn Jahren arbeitet er mit Regisseur Thomas Stuber zusammen. Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Thomas Stuber, wenn der Autor einer Geschichte so präzise Bilder im Kopf hat – ist der dann eine große Hilfe oder eine große Belastung für einen Regisseur?

Stuber: Große Hilfe. Irgendwann gehe ich ja dann ans Set oder arbeite mit dem Kameramann, da ist Clemens ja nicht mehr mit dabei. Da können wir auch noch ein paar Sachen anders machen. Ansonsten ist es eine große Hilfe, auch im zusammen Schreiben, sehr visuell, über das Atmosphärische, über das, was Figuren anhaben, was die sagen. Dialogsätze werden da hin- und hergesprochen. Da widerspricht man sich auch mal, da ist auch nicht das erste Bild, die erste Idee immer das Richtige. Aber es führt einen trotzdem immer weiter in einem Prozess zu etwas. Deshalb ist das in jedem Fall eine Hilfe.

Planen Sie beide denn weitere Filme zusammen?

Stuber: Na auf jeden Fall. Mir ist das auch bei der Arbeit im letzten halben Jahr klargeworden, wo ich "In den Gängen" zuendegebracht habe, dass dieser Weg für mich in keiner Form zuende ist … Ich glaube, dass wir an etwas dran sind, am Verfeinern einer Filmsprache sozusagen. Da kann man schon noch weiter erzählen, und das möchte ich unbedingt.

Meyer: Gut möglich. Es gibt auch konkrete Pläne: "Im Stein" – das kann man sagen, dass man da was draus machen will oder auch zu anderen Geschichten, das hat sich bewährt. Wobei ich sagen muss, Thomas wird sicher einen weiteren Weg gehen. Der wird andere Projekte machen. Ich kann und will da überhaupt nicht bei jedem Schritt dabei sein, das kostet auch immer unheimlich viel Zeit.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial: Berlinale 2018 | 14. Februar 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 00:00 Uhr

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