Ortsschild von Freital, 2007.
Ort der Recherche für Dirk Laucke: Freital. Bildrechte: IMAGO

Interview zu "Früher war alles" Theaterstück über Freital: Autor Dirk Laucke über seine Erfahrungen

Freital war 2015 deutschlandweit in den Schlagzeilen – als Beispiel für fremdenfeindliche Übergriffe. Autor Dirk Laucke hat sich in Freital umgehört, mit den Menschen gesprochen und mit "Früher war alles" ein dokumentarisches Stück über die Stadt und die Stimmung vor Ort geschrieben. Nun wird das Theaterstück am Staatsschauspiel Dresden aufgeführt. Im Gespräch mit MDR KULTUR erzählt er, was er in Freital erlebt hat und was seine Intention mit "Früher war alles" war.

Ortsschild von Freital, 2007.
Ort der Recherche für Dirk Laucke: Freital. Bildrechte: IMAGO

2015 machte die sächsische Kreisstadt Freital bundesweit Schlagzeilen. Grund hierfür waren fremdenfeindliche Proteste gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in Freital. Teilweise kam es dabei auch zu körperlichen Übergriffen gegen Asylsuchende und Angriffen auf Politiker.

Autor Dirk Laucke hat daraufhin das dokumentarische Stück "Früher war alles" über Freital geschrieben, das in drei Geschichten einen Bogen von der DDR bis ins Jahr 2015 schlägt. Dafür hat er zahlreiche Interviews vor Ort geführt und versucht, die Geschichten abseits der Nachrichtenschlagzeilen zu finden.

Zur Person von Dirk Laucke

Dirk Laucke wurde 1982 in Schkeuditz geboren und wuchs in Halle (Saale) auf. Er studierte Psychologie und Szenisches Schreiben. Hauptsächlich ist der Autor für Theater-, Film- und Hörspielproduktionen tätig. Sein Debütroman "Mit sozialistischem Grusz" erschien im Jahr 2015.

MDR KULTUR: Was ist Ihnen in Freital hinter den Schlagzeilen begegnet?

Dirk Laucke
Dirk Laucke wurde 1982 in Schkeuditz geboren. Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

Dirk Laucke: Vor allen Dingen engagierte Bürgerinnen und Bürger. Zuerst bin ich erstmal durch die Stadt gelaufen und habe geguckt, mit wem kann ich mich denn zuerst unterhalten. Da war zum Beispiel gleich das Koordinationsbüro für ehrenamtliche Arbeit, an der großen, langen Dresdner Straße – das ist eine Straße, die durchzieht ganz Freital. Da bin ich dann mit Kuchen reingestolpert und habe da Kaffee getrunken mit den Leuten, die da gearbeitet haben oder auch jetzt noch arbeiten. Die haben mich dann aufgeklärt über die ganzen sozialen Akteurinnen und Akteure, die da in Freital unterwegs sind. Die da ehrenamtlich arbeiten oder soziale Arbeit leisten. Und das war erstmal recht aufgeschlossen.

Dann bin ich halt weitergezogen zum Familienzentrum. Da hatte ich Begegnungen mit zwei jungen Müttern. Eine hatte ein Kind mit einem indischen Partner – und dann schlug da schon ein bisschen die Problematik zu. Das war dann aber eher ein Problem auf Behördenseite. Die Familie durfte nicht zusammenziehen, weil der Mann noch in Dresden wohnhaft war –  dann gab es da ein juristisches Kuddelmuddel, wodurch das nicht ging. Dann gab es da noch viele Seniorinnen, die in den Buden und Fabriken dort gearbeitet haben, die sich da getroffen haben, um sich zu erinnern und um Zeit miteinander zu verbringen.

Das war erstmal ganz schön bunt.

Dirk Laucke über seinen ersten Eindruck aus Freital
Dirk Laucke 7 min
Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

"Früher war alles" behandelt auf drei Zeitebenen das Leben in Freital – eine Stadt, die 2015 durch fremdenfeindliche Übergriffe Schlagzeilen machte. Ein Gespräch mit dem Autor des Stücks, Dirk Laucke.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 09.03.2019 10:15Uhr 06:49 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dirk Laucke 7 min
Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

"Früher war alles" behandelt auf drei Zeitebenen das Leben in Freital – eine Stadt, die 2015 durch fremdenfeindliche Übergriffe Schlagzeilen machte. Ein Gespräch mit dem Autor des Stücks, Dirk Laucke.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 09.03.2019 10:15Uhr 06:49 min

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Was würden Sie sagen: Was kann das Theater erzählen, was die Nachrichten nicht berichten können?

Individuelle Geschichten gehen nicht auf die Schnelle, würde ich sagen. In den Nachrichten kann man jetzt bloß kurz ein Statement bekommen über "Wie finden Sie das?" oder "Was ist da und da passiert?" – das ist sehr zeitbegrenzt und da kann man eben nur einen ganz kurzen Eindruck gewinnen. Vielleicht auch einen Eindruck über die Stimmung in der Stadt, wo es zum Beispiel sehr viele rechte Akteurinnen und Akteure gab, die zu dem Zeitpunkt mobil gemacht haben. Aber es gab eben auch Außenseiter, kleinere und nicht so laute Stimmen, die sich halt für die Geflüchteten eingesetzt haben. Wie das dazu kommt, dass die sich eingesetzt haben und wie deren Biografien sind oder welche Brüche da stattgefunden haben, das kann dann Theater schon leisten.

Also dass es zum Beispiel auch früher schon ähnliche Vorfälle gab wie in 2014/15, wenn Jugendliche überfallen wurden von Neonazis – mit Molotowcocktails, in ihrem Laden in der Mozartstraße. Weil sie halt Alternative waren, Gruftis, Punks und Antifaschisten. Das gab es auch schon Anfang der 90er-Jahre schon. Oder wenn wir noch früher zurückgehen, in die 60er/70er-Jahre, da haben wir einen Protagonisten auf der Bühne, der Bluesrocker geworden ist zu DDR-Zeiten – also die Leute, die dann trampen gehen. Hier mal ein Job, da mal ein Job. Schwer an der Grenze zur sogenannten asozialen Lebensweise. Die waren auch Außenseiter und haben natürlich von der Mehrheitsbevölkerung, auf Deutsch gesagt, auf die Mütze gekriegt.

In ihrem Stück spielen die Rollen der Freitaler echte Freitaler. Sind denn auch Demonstranten mit auf der Bühne, die vor drei Jahren gerufen haben: "Linksfaschistenpack, wir wollen euch hängen sehen. Kriminelle Ausländer raus!"?

Nein, eher Leute, die auf der Gegenseite standen. Die Personen, die eher Pegida-nahe sind, die haben sich natürlich nicht gemeldet – wir hatten solche Infotreffen, wo dann Freitalerinnen und Freitaler kommen und sich informieren konnten, ob sie damit auf die Bühne wollen. Dann habe ich auch persönlich Leute gesucht und habe eben nicht diese Seite aufgesucht, sondern tatsächlich eher Leute, die vielleicht von der Gegenseite kommen. Die sozial engagiert sind und sich trotz einer Übermacht nationalistischer, xenophober Stimmung dagegen gewehrt haben. Alle Leute hören immer auf die Rechten und reden über die Rechten – und ich habe gedacht, vielleicht ist es auch mal sinnvoll zu gucken, was die Leute machen, die nicht gerade die Rechten sind. Und das ist auch schon anstrengend.   

Stimmt mein Eindruck, dass Freital durch das Stück eine Geschichte bekommt und die Geschichte bekommt Menschen. Trifft es das im Vergleich zu den Schlagzeilen, die eben Nachrichten schaffen können?

Ja, das könnte man so sagen. Also Freital bekommt eine Geschichte, aber auch nur eine von vielen möglichen Geschichten. Natürlich bin ich mit dem Recherchieren auch gar nicht mehr fertig geworden und hätte noch viel mehr Geschichten schreiben und viel mehr Leute interviewen können. Nicht behandelt haben wir zum Beispiel die Bergwerkstradition in Freital oder es gab einen Jugendwerkhof in Freital. Alle solche Sachen waren eigentlich noch auf meiner Liste, aber irgendwann wird es dann nur noch ein Stück , das versucht, all den Fakten, die es in so einer Stadt gibt, gerecht werden zu wollen. Das kann nicht Ziel der Sache sein.

Ziel der Sache war dann viel eher, meinen Riecher in die Geschichten zu halten, die mir am plausibelsten und vom Herzen her am nächsten waren. Ich glaube, das sind dann ausgewählte Sachen, die vielleicht auch über die Stadt hinausweisen und natürlich was universell Menschliches haben. Also wenn Leute dann doch aus der Reihe tanzen – weil es ihre Neigung ist oder weil sie eben überzeugt sind, dass es humanistisch ist, zum Beispiel Flüchtlinge aufzunehmen.

Das Gespräch führte Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Infos zum Stück "Früher war alles"
am Staatsschauspiel Dresden
Theaterstraße 2
01067 Dresden

Uraufführung:
9. März

Weitere Termine:
13. März
2. April

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. März 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. März 2019, 04:00 Uhr

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