DOK Leipzig und Filmfest Dresden Filmfestivals in Corona-Zeiten: "Hoffentlich bleibt es eine Ausnahme"

Während der Quarantäne sollte das Filmfest Dresden stattfinden. Wegen der Bestimmungen wurde das Festival vom April in den September verlegt und als Ausgleich einige Filme online gezeigt. Auch das DOK Leipzig, zum ersten Mal unter neuer Leitung, musste sich auf andere Rahmenbedingungen einstellen: Das Festival zeigt die Filme zwar im Kino, will aber gleichzeitig streamen. Was das bedeutet, erklären Anne Gaschütz, stellvertretende Leiterin des Filmfests Dresden, und Christoph Terhechte, neuer Leiter des DOK Leipzig, im Interview.

Anne, eigentlich sollte das 32. Filmfest Dresden vom 21. bis zum 26. April stattfinden. Ziemlich genau einen Monat vorher wurde in Sachsen alles abgesagt. Ihr wurdet also nahezu überrumpelt. Wie habt ihr auf die Situation reagiert.

Anne Gaschütz
Anne Gaschütz vom Filmfest Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anne Gaschütz: Mit viel Spontanität: Wir haben das Festival in den September verschoben und gleichzeitig recherchiert, was online möglich ist. Wir hatten keine Ahnung, wie so etwas funktioniert und sind ins kalte Wasser gesprungen. Das Sofa Screening war dann ein Angebot von uns für die Woche, in der das Festival eigentlich stattgefunden hätte. Das war nicht als Online-Festival gedacht, sondern als Zeichen dafür, was eigentlich gewesen wäre. Wir haben täglich Kurzfilme, Wettbewerbsfilme und Kinderfilme gezeigt. Außerdem haben wir auf der Plattform Instagram Live-Talks für uns entdeckt. Wir wollen auch in Zukunft einmal im Monat solche Insta-Live-Talks stattfinden lassen, weil das auch für das Publikum eine spannende Sache war.

Christoph, vom DOK Leipzig wird etwas Innovatives erwartet und ihr plant inzwischen ein Hybrid-Festival. Was bedeutet das für euch?

Christoph Terhechte: Hybrid heißt, dass das Festival in Leipziger Kinos für das Publikum vor Ort stattfinden soll. Aber zur Kompensation der niedrigeren Zahl von Plätzen bieten wir außerdem deutschlandweit Streams an. Wir hatten mehr Zeit und konnten beobachten, was andere machen. Allerdings gibt es inzwischen eine Online-Festival-Müdigkeit und die Erwartungen werden höher gesteckt. Deswegen können wir nicht mehr das Gleiche machen, wie die ersten Filmfestivals, die online gegangen sind - die konnten noch improvisieren und es war charmant. Wir müssen nun Angebote schaffen, bei denen wir das Kino in Leipzig mit dem Internet so verknüpfen, das es organisch und wie aus einem Guss wirkt. Ich sehe das Internet nicht als ein alternatives Angebot an, sondern eher als eine Erweiterung dessen, was wir im Kino bieten. Wenn Du einen Wettbewerbsfilm sehen willst, dann musst Du zur gleichen Zeit vor dem Bildschirm sitzen, zu dem auch die Zuschauer im Kino sitzen. Ab dem nächsten Tag können die Filme auch abgerufen werden, aber um an den Diskussionen nach den Filmen teilnehmen zu können, musst du live zugeschaltet sein.

Christoph Terhechte, Leiter der Sektion Forum.
Christoph Terhechte vom Dok Leipzig Bildrechte: dpa

Man muss für eine Teilnahme an einer Podiumsdiskussion von vielleicht einer Stunde nicht um die halbe Welt jetten. Das ist wirklich einfacher über das Internet. Die aktuellen Umsetzungen werden uns sicherlich zu einigen Auseinandersetzungen darüber führen, wie wir unsere Programme künftig gestalten sollten. Ich hoffe aber, dass das eine Ausnahme bleiben wird und wir 2021 nicht nur Online-Festivals veranstalten müssen: Ich war in den vergangenen Monaten online bei zwei Festivals dabei und habe festgestellt, dass es wesentlich weniger Spaß macht, als mit einer Jury zusammenzusitzen, im Kino die Leute kennenzulernen und einfach spontaner zu sein, als bei einer Verabredung für eine Videokonferenz.

Was ist denn bei einem Online-Festival möglich, was vorher bei einem Offline-Festival nicht möglich war?

Christoph Terhechte: Man kann zum Beispiel Filmschaffende beim Festival virtuell vor Ort haben, denen man eigentlich nicht so viel anbieten konnte, dass sich der Weg aus Buenos Aires oder Tokio hierher gelohnt hätte. Irgendwie sind diese Einblicke in die Wohnzimmer, wie man sie jetzt gerade bekommt, auch spannend und etwas anderes als diese gelackten Studio-Formate oder immer wieder vor dem gleichen roten Vorhang zu stehen.

Anne Gaschütz: Ich fand das auch sehr spannend, herauszufinden, wie das alles funktionieren kann und wie andere Festivals das umsetzen.

Gibt es denn analoge Traditionen, auf die ihr jetzt wegen der Hygieneregeln verzichten müsst?

Christoph Terhechte: Partys! Die Abendessen oder freudigen Trinkgelage mit Filmschaffenden werden ausfallen. Wir werden in diesem Jahr mehr Schlaf während des Festivals finden.

Anne Gaschütz: Das ist unser Vorteil: Im September können die Leute noch draußen stehen in der Dresdener Neustadt. Aber wir sind auch nicht so ein Party-Festival: Die eine Party nach der Preisverleihung wird wegfallen. Das Buffett für die Preisstifter und die Gewinner werden wir wahrscheinlich auch nicht machen können. Wie das abends aussehen wird, weiß ich noch gar nicht.

Christoph Terhechte: Eigentlich stelle ich mich bei solchen Veranstaltungen draußen gerne zu den Rauchern, obwohl ich Nichtraucher bin. Da kann man so schöne Gespräche führen und Leute kennenlernen. Auf großen Festivals hat man solche Zufallsbegegnungen auch in einer Bar oder im Restaurant. Man sitzt mit anderen Leuten am Tisch, die man vorher noch nie gesehen hat, kommt ins Gespräch und plötzlich hat man Freunde in Venezuela. Diese Sachen sind völlig unersetzlich.

Das Gespräch führte Moderator Markus Kavka für das MDR-Kurzfilmmagazin Unicato.

Film und Festivals

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Unicato | 20. August 2020 | 00:25 Uhr