Frank Richter, Theologe
Frank Richter, Jahrgang 1960, machte sich in der DDR als Gründer der "Gruppe der 20" einen Namen. Von 2009 bis 2017 war er Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interview Frank Richter fordert mehr Fantasie in der Politik

Richter gilt seit der Friedlichen Revolution als Vermittler zwischen verhärteten Fronten. Als Pegida in Dresden aufschlug, setzte er sich für Gespräche ein. Mit MDR KULTUR spricht er über sein neues Buch "Hört endlich zu!".

Frank Richter, Theologe
Frank Richter, Jahrgang 1960, machte sich in der DDR als Gründer der "Gruppe der 20" einen Namen. Von 2009 bis 2017 war er Leiter der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR: Herr Richter, Sie haben ein Buch geschrieben, das heißt "Hört endlich zu!" – wer hört denn einander nicht zu?

Frank Richter: Alle sind gemeint, alle dürfen sich angesprochen fühlen. Mir fällt es auch manchmal schwer zuzuhören, gerade dann, wenn der andere eine ganz andere Meinung hat als ich – und doch weiß ich, dass es nötig ist. […] Es gibt natürlich Positionen, die sind mit unserer demokratischen Grundordnung nicht vereinbar. Das weiß ich auch – also ich bin nicht naiv, wenn ich Dialog einfordere. Wenn rassistisch argumentiert wird, wenn antisemitisch argumentiert wird, wenn Volksverhetzung subtil oder auch direkt betrieben wird, wenn die Menschenwürde anderer in den Dreck gezogen wird, dann hört das Gespräch natürlich auf. Aber bis dahin, denke ich, sollte es aufrecht erhalten werden, denn Demokratie bedeutet nun einmal die Integration aller.

Nicht jede Kommunikation ist Demokratie, aber Demokratie ohne Kommunikation geht nicht.

Frank Richter

Sie haben 2014 über die Landeszentrale für politische Bildung zahlreiche Gesprächsrunden mit Pegida-Leuten moderiert.

Frank Richter
Frank Richter Bildrechte: MDR/Michael Schöne

Über Frank Richter

Über Frank Richter

Der Theologe war einer der maßgeblichen Akteure der Friedlichen Revolution. Er gilt als Vermittler zwischen verhärteten Fronten. Er setzt sich auch für Gespräche mit der Pegida-Bewegung ein.

Das Team hatte bereits 2012 und 2013 begonnen, Bürgerversammlungen in verschiedenen Städten Sachsens durchzuführen. Als Pegida antrat, wussten wir bereits, was im Lande so ungefähr los ist. […] Deswegen wussten ich und andere Kollegen auch, wie man das macht. Dass man Emotionen abbauen muss, wie man eine Sitzordnung vernünftig aufstellt, wie man Menschen ins Gespräch bringt und die Störer – die gibt es ja, es gibt auch Zerstörungswillige in dieser Demokratie – identifiziert und zur Seite stellt. Als Pegida dann im Spätherbst 2014 ans Tageslicht kam, da sah ich eigentlich nur das Symptom einer Entwicklung, die sich schon lange angebahnt hatte. […] Es gab mindestens 50, 60 Veranstaltungen in der Phase von Spätherbst 2014 bis in den Sommer 2015 hinein. [...] Das heißt, es zeigte sich, es hat sich ein extremer Gesprächs- und Diskussionsbedarf angestaut, und der muss langsam abgearbeitet werden, damit das Ganze nicht eskaliert.

Wie kann Kommunikation funktionieren, wenn Menschen, beispielsweise bei Facebook, in ihrer Filterblase agieren?

Ich sage immer gerne zugespitzt: Jeder Idiot hat das Recht, mit einem Gegenargument konfrontiert zu werden. Deswegen müssen wir ihn rausholen aus seiner Echokammer. Ich sehe das noch nicht so dramatisch, auch die Menschen, die hauptsächlich in ihrer Echokammer agieren, schauen immer mal wieder nach rechts und links, was noch passiert.

Sie haben den Ostdeutschen in Ihrem Buch auch Defizite in ihrer Demokratiefähigkeit unterstellt. Können Sie das bitte begründen?

Jeder von uns, Sie und ich auch, hat ab und zu Defizite in seiner Demokratiefähigkeit. […] Demokratiedefizite sind menschlich, aber sie haben spezielle ostdeutsche Ausprägungen. Das hängt mit der Geschichte der Ostdeutschen zusammen, die zwar eine friedliche Revolution zustande gebracht haben, dann aber in kürzester Zeit ein politisches System, eine Ordnung, eine starke Ökonomie, eigene kulturelle Konnotationen des Westens übernommen haben, und jetzt zunehmend den Eindruck haben, das ist gar nicht unsere Ordnung. [...] Und wenn wir das jetzt offen ausdiskutieren, dann gewinnen wir auch als ostdeutsche Gesellschaft. […] Alles, was uns auf der Seele brennt, muss offen ausgesprochen werden. Die Unterdrückung, die Bagatellisierung, die Ignorierung von Problemlagen, so seltsam sie mir auch vorkommen mögen, die ist demokratieschädlich.

Findet das nicht in den öffentlich-rechtlichen Medien größtenteils statt?

Ja. Die Meinung, die Medien seien die Lügenpresse, und wir hätten eine gelenkte Medienmeinung, die kann ich nicht teilen. Wir haben eine sehr breit, sehr plural aufgestellte Medienlandschaft. Es gibt tendenziöse Berichterstattung in die eine oder andere Richtung, das muss man kritisieren, aber das gleicht sich auch aus. Gerade Menschen, die so wortgewaltig sind, wie etwa Uwe Tellkamp oder Vera Lengsfeld, und sich auch öffentlich äußern können, die sollten doch nicht von unterdrückter Meinungsfreiheit sprechen. Oppositionelle, Bürgerrechtler, Schriftsteller, auch Sympathisanten von Pegida, AfD und Co. können sich in dieser Gesellschaft ausreichend artikulieren und zu Wort melden.

Wie sieht die öffentliche und politische Verständigung derzeit aus?

Der Bundestagswahlkampf 2017, so wie ich ihn wahrgenommen habe, war tatsächlich einer, der im Schlafwagen stattgefunden hat. Elementare politische Themen dieses Landes wurden ausgespart. Ich habe erlebt, dass dieser Satz "Deutschland geht es doch gut" litaneiartig wiederholt worden ist. Und an den wichtigen Fragen, die heftig diskutiert werden müssen, sind viele Politiker vorbeigegangen. Das führt dazu, dass diese Fragen sich andere Orte suchen, und das sind oft die Extreme an den Rändern des politischen Spektrums. Das kann Demokraten nicht gefallen.

Das größte Missverständnis besteht darin, das Gemeinwohl sei die Summe der Einzelinteressen. Die zynische Variante heißt dann, wenn jeder an sich selber denkt, dann ist ja auch an alle gedacht. Und das ist ein grobes Missverständnis.

Frank Richter

In letzter Zeit wird auch häufig von öffentlicher Belehrung gesprochen. Wie bewerten Sie das?

Politische Auseinandersetzung wird allzu oft moralisiert und moralische Urteile haben eine absolute Geltung. Wenn ich etwas als moralisch richtig erkannt habe, dann will ich es auch anderen beibringen. Das geht in der politischen Auseinandersetzung (in der Regel) nicht. Da geht es um Verständigung, um den gemeinsamen Weg, um den Kompromiss. Deswegen sind die hochmoralisierten politischen Auseinandersetzungen oft hilflos und führen nicht zum Ergebnis. Wir brauchen da wechselseitige Abrüstung und etwas Entspannung, etwas mehr Ruhe in der Debatte.

Wie haben Sie die "Gemeinsame Erklärung 2018" wahrgenommen?

Jeder kann in diesem Land erklären, was er will und das ist auch ok so. Ich habe nur den Eindruck, das ist meine Botschaft, das sich wechselseitige Erklären der eigenen Position, manchmal im Grundton der Empörung, führt uns nicht weiter. Wir brauchen Orte der Verständigung und der Bereitschaft, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und nicht dauernd die Unterschiede zu betonen. […] Ich habe eine Sorge: Wir haben eine Neue Rechte in Deutschland und die spricht ziemlich unverblümt aus: Götz Kubitschek beispielsweise – wir müssen den Riss in der Gesellschaft noch viel deutlicher machen. [...] Das finde ich hochgefährlich. Die Demokraten, die diese freiheitlich-demokratische Ordnung verteidigen müssen und wollen, müssen sich etwas Neues einfallen lassen, um mit dieser Attacke zurechtzukommen.

Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?

Ich glaube, es muss darum gehen, dass die Verkrustungen dieser politischen Situation aufgebrochen werden. Die Ordnung ist in Ordnung, aber die Praxis ist verkrustet und die Verfahren sind arg eingespielt. Und viele Bürger wenden sich ab, weil sie den Eindruck haben, das ist doch ein Selbstläufer, die machen doch sowieso, was sie wollen. D.h. wir brauchen Perspektivwechsel, deswegen finde ich auch Tabubrüche nicht schlecht. Ich meine damit nicht die Tabubrüche, die ich bei AfD und mancher Pegida-Demonstration erlebe. Aber es gibt ein paar konstruktive Tabubrüche:

  1. Wie wäre es denn einmal mit einer Minderheitsregierung? Wo wir einfach mal probieren, dass wir auch ohne diese Mehrheitsverhältnisse sachpolitisch argumentieren und dann zu ganz neuen Ergebnissen kommen.
  2. Emmanuel Macron hat neulich einen Tabubruch vorgeschlagen, nämlich übernationale Wählerlisten für die nächste Europawahl. Plötzlich würde Europa nicht mehr nur national gedacht werden, sondern übernational, nämlich so, wie es als Projekt des Friedens, es gedacht zu werden verdient.
  3. Und wie wäre es mit Moderation von Politik? Politik ist oft so eingegraben in parteiliche Interessen, dass sie nicht mehr zueinander findet, und selbst bei Ehekrisen wissen wir, dass es nicht ehrenrührig ist, sich jemanden von außen zu holen, der einen gemeinsamen Konsens entwickelt. Auch das wäre in der Politik denkbar. […] Bei den Jamaikaverhandlungen, wo drei oder vier Parteien beieinander saßen, ich glaube da hätte man einen Moderator sehr gut gebrauchen können, der aus einer distanzierten, neutralen Position heraus ein gemeinsames Konsenspapier erarbeitet. Die Bundeskanzlerin konnte das nicht sein, meiner Meinung nach, sie war ja selbst Partei. […] Also ich glaube, wir können uns viel mehr Fantasie leisten als aktuell unterwegs ist, um die demokratische Politik wieder attraktiv zu machen.

Das Interview führte Dennis Wagner für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch: Frank Richter: "Hört endlich zu! Weil Demokratie Auseinandersetzung bedeutet"
Erschienen bei Ullstein 2018, 96 Seiten, 10 Euro
Gebundene Ausgabe - ISBN: 9783550050572
EBook - ISBN: 9783843717892

Klappentext:
"2017 zog mit der AfD erstmals eine rechtspopulistische Partei in den Bundestag ein. In Sachsen wurde sie zur stärksten politischen Kraft. Die Folgen davon gehen alle an und sind noch nicht absehbar. 
In seiner Streitschrift erklärt Richter das Erstarken der Rechten in den "neuen Bundesländern", indem er eigene Erfahrungen über den Dialog mit den "Wutbürgern" einbringt. Wut kann zur konstruktiven Kraft werden, die von blindem Hass zu unterscheiden ist. Richter zeigt, worauf es ankommt: Konzentriert zuhören. Keine Angst vor Konflikten. Offen für Emotionen. Die Demokratie verteidigen."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 19. April 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 00:00 Uhr

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