Filmszene
Filmszene aus "God Exists - Her Name is Petrunija" Bildrechte: Sisters and Brothers Mitevski Production/Sasho N. Alushevski

Film über Frauenrechte Ist Gott eine Frau? – Interview mit der Regisseurin von "God Exists"

Gott heißt Petrunija. Das behauptet der Film "God Exists", der im Berlinale-Wettbewerb lief und mit dem Gilde-Filmpreis und dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Kirche und die Gleichberechtigung von Frauen - wie passt das zusammen? Die Handlung geht so: In Štip, einer Kleinstadt im Osten des Landes, gibt es jedes Jahr am Dreikönigstag ein Kirchenfest. Die Prozession führt auch auf eine Brücke, von der ein Priester ein kleines Holzkreuz in den rauschenden Fluss wirft. Seit Jahrhunderten springen junge Männer hinterher, um es zu fangen. Dem Gewinner winkt ein glückliches Jahr. Doch dieses Mal springt eine Frau ins Wasser und angelt sich das Kreuz. Und damit beginnt der Streit: Tradition und Patriarchat versus universelle Gleichheitsgrundsätze. Wie können Polizei, Staat und Kirche das Problem lösen? MDR KULTUR-Redakteur Stefan Petraschewsky hat mit der Regisseurin des Film, Teona Strugar Mitevska, gesprochen.

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Filmszene aus "God Exists - Her Name is Petrunija" Bildrechte: Sisters and Brothers Mitevski Production/Sasho N. Alushevski

MDR KULTUR: Wie sind Sie auf diese Geschichte gekommen?

Teona Strugar Mitevska: Seit dem Ende des Kommunismus, und auch durch die Balkankriege hat Religion wieder große Bedeutung in der Gesellschaft erlangt. Und auf gewisse Weise ist dieses Dreikönigsfest dadurch so eine Art Show für die Männer der Stadt geworden, in der sie ihre Maskulinität und Stärke ausstellen können. Derjenige, der das Kreuz fängt, bekommt auch einen anderen Status: Er wird zum Star; zur Berühmtheit der Stadt. Das ist die profane Seite dieser Geschichte. Aber es gibt auch einen religiösen Hintergrund. Derjenige, der das Kreuz fängt, ist natürlich auch in irgendwie von Gott auserwählt.

Beruht der Film auf einer wahren Geschichte?

Regisseurin Teona Strugar Mitevska spricht während einer Pressekonferenz.
Regisseurin Teona Strugar Mitevska Bildrechte: dpa

2014 sprang eine Frau in den Fluss und fing das Holzkreuz. Es gab eine riesige Empörungswelle in der Bürgerschaft. Die Kirche erklärte ihr, weil sie eine Frau sei, habe sie kein Recht das Kreuz zu fangen. Es ist ganz ähnlich wie in unserem Film. Es gab viel Druck auf die Kirche von den Einwohnern. Aber die Frau erwiderte: Ich will das Kreuz nicht zurückgeben. Ich habe es legitim erworben. Und ich habe auch ein Recht darauf, glücklich zu sein. Wir hatten diese Geschichte damals entdeckt und dachten: Großartig! Das ist ein guter Ausgangspunkt, um über die essentiellen Dinge in unser Gesellschaft zu sprechen: Über individuelle Freiheit, über die Kirche, den Staat, und über die Macht einer kleinen Frau, die etwas in der Gesellschaft verändert.

Wie ist diese Geschichte von 2014 real ausgegangen?

Was passierte, war schrecklich. Sie wurde quasi gesteinigt. Es wurde ihr unmöglich gemacht, weiter in ihrer Stadt zu leben. Schließlich ist sie nach London gezogen. Die Tragödie ist, dass sie kein gutes Leben mehr in Mazedonien führen kann.

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Filmszene aus "God Exists - Her Name is Petrunija" Bildrechte: Sisters and Brothers Mitevski Production/Sasho N. Alushevski

Ist ihr Film eine Komödie?  Eine Tragödie? Eine Satire?

Ich würde sagen, der Film ist ein Drama mit Elementen von Komik, die ihn leichter machen. Auch eine Satire. Aber vor allem ist er ein Autorenfilm. Wie die Filme von Woody Allen oder Pedro Almodóvar. Das sind nicht unbedingt Komödien. Sie kommentieren auch immer die Gesellschaft.

Auf der Berlinale-Pressekonferenz nach der Vorführung Ihres Films sprachen Sie einen Brief an, den Sie an die Kirche geschickt hatten?

Wir dachten, wenn wir eine gewisse Kooperation mit der Kirche hinbekämen, könnte unser Darsteller des Priesters seine Rolle authentischer gestalten. Und wir schrieben dann einen offiziellen Brief und bekamen einen sehr offiziellen Brief zurück, nämlich: Danke für die Anfrage. Wir billigen Ihren Film nicht, weil Gott existiert. Er ist ein Mann und er ist Jesus. Sein Name ist Jesus Christus. Wir haben den Brief eingerahmt. Und im Haus unser Eltern an die Wand gehängt.

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Filmszene aus "God Exists - Her Name is Petrunija" Bildrechte: Sisters and Brothers Mitevski Production/Sasho N. Alushevski

Wir sehen im Film auf der einen Seite patriarchale Strukturen: in der Arbeitswelt, in der Textilindustrie, in der Petrunija Arbeit sucht, wo ein einziger Mann als Chef in einer riesigen Fabrikhalle in einer Art Glaskasten-Büro die Arbeit der Näherinnen überwacht. Aber es geht auch um die patriarchalen Strukturen, die durch die Kirche auferstehen. Auf der anderen Seite gibt es den Wunsch, der EU beizutreten. Wo befindet sich Nord-Mazedonien auf diesem Weg?

Es liegt in unserer Verantwortung, eine demokratische Gesellschaft zu entwickeln. Und ich denke, daß die Ideale der EU in diese Richtung weisen. Ich kann unsere Zukunft nur als Teil der EU sehen. Und was die Tradition und das Patriarchat betrifft: Das ist ein Teil von uns, der geändert werden muss. Wir müssen die alten Pfade verlassen und hinterfragen. Und das ist der Grund, warum wir als Künstler da sind. Nicht nur Filmemacher, auch Schriftsteller und auch Journalisten. Um gemeinsam gegen Politik und Establishment, gegen religiöses Dogma, gegen Ungerechtigkeit und gegen Korruption anzutreten. Jeder von uns ist Petrunija.

Zu Beginn des Films steht Petrunija in einem blaugestrichenen Freibadbecken, in dem das Wasser abgelassen ist. Warum?

Jesus ging auf dem Wasser. Petrunija geht dieser Sache auf den Grund. So könnte es sein.

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Filmszene aus "God Exists - Her Name is Petrunija" Bildrechte: Sisters and Brothers Mitevski Production/Sasho N. Alushevski

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Februar 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2019, 14:40 Uhr

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