Porträt der Autorin Juliane Vieregge
Über den Tod wird zu wenig gesprochen, sagt Buchautorin Juliane Vieregge. Bildrechte: Ch. Links Verlag

Interview Juliane Vieregge: "Der Tod ist nicht vorgesehen in unserer Gesellschaft"

Über Sterben, Tod und Trauer wird zu selten gesprochen. Zeitmanagement bestimmt unseren Alltag, da stellt sich der Tod nur als eine Störung im Ablauf dar – das sagt die Autorin Juliane Vieregge. Für ihr Buch "Lass uns über den Tod reden" hat sie Menschen gefragt, wie sie den Tod naher Angehöriger erlebt haben. Darunter sind Prominente wie Monika Ehrhardt-Lakomy und Katrin Sass, aber auch Menschen, die sich beruflich um Trauernde und Sterbende kümmern.

Porträt der Autorin Juliane Vieregge
Über den Tod wird zu wenig gesprochen, sagt Buchautorin Juliane Vieregge. Bildrechte: Ch. Links Verlag

MDR KULTUR: Über den Tod zu sprechen, das ist vielfach noch ein Tabu. War es denn schwer, Ihre Gesprächspartner zu gewinnen und zum Reden zu bringen?

Juliane Vieregge: Es war erstaunlicherweise nicht besonders schwer. Man muss aber dazu sagen: Ich habe auf viele Anfragen überhaupt keine Antworten bekommen. Aber die, die ich dann hatte, sind sehr intensiv und berührend auf das Thema eingegangen. Das hat mich insofern gewundert, als dass man immer die Behauptung hört, der Tod sei ein Tabu und die Trauer sei eine tabuisierte Emotion. Das stimmt natürlich auch – aber ich habe das Gefühl, dass Menschen, wenn man ihnen zuhört, eine große Bereitschaft zeigen, über den Tod zu sprechen.

Kann es vielleicht sein, dass das Fragen nach dem Tod das Tabu ist und nicht das Antworten darauf?

Buchcover "Lass uns über den Tod reden" von Juliane Vieregge
18 Interviews hat Vieregge für ihr Buch geführt. Bildrechte: Ch. Links Verlag

Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, dass man sich einfach nicht die Zeit nimmt, nach dem Tod zu fragen. Und es ist ja nun mal eine Tatsache, dass wir alle weniger Zeit haben, dass uns in Arbeitsverhältnissen immer mehr abverlangt wird. Und der Tod ist etwas, was die Zeit anhält und nicht vorgesehen ist in unserer Gesellschaft. Wenn Menschen trauern, brauchen sie Zeit, um etwas zu verarbeiten oder um Rücksichtnahme zu bitten, um etwas zu verarbeiten, was eigentlich gar nicht zu verarbeiten ist.

Und das ist auch ein Zeitproblem: Menschen trauern zum Teil sehr lange. Und sie bekommen auch erstmal Mitleid und Empathie, aber das hört irgendwann auf. Dann setzt die Phase ein, wo man denkt: Jetzt hat der doch schon so lange getrauert, jetzt könnte er ja mal wieder funktionieren.

Manche Ihrer Gesprächspartner haben ja ihre Angehörigen über einen längeren Zeitraum begleitet. Erstaunlich viele haben dabei erzählt, dass eine gewisse Sprachlosigkeit da war – gerade im Verhältnis von erwachsenen Kindern zu ihren sterbenden Eltern.

Für mich war die Sterbebegleitung meines Vaters der Anlass, dieses Buch zu schreiben. Zwischen uns stand auch diese sehr tiefe, sehr alte Sprachlosigkeit, und die lässt sich dann in der Situation des Sterbens auch nur sehr schwer oder gar nicht aufheben. Diese Erfahrung haben auch andere in meinem Buch gemacht.

Sie schreiben in Ihrem Buch: "Für die Trauer gibt es keine Regeln". Zugleich wünschen Sie sich mehr Rituale für den Umgang mit Sterben und Tod. Wie könnten denn solche Rituale aussehen?

Es ist erstaunlich, dass es so viele Rituale gibt, wie es Sterbefälle gibt. Meine Gesprächspartner haben weniger auf die kirchlichen Rituale zurückgegriffen, sondern haben sich mit sehr viel Phantasie und Kreativität eigene Rituale erschaffen. Zum Beispiel der Trauertherapeut Roland Kachler, dessen Sohn gestorben ist: Er hat Treffpunkte und Orte, an denen er seinem Sohn begegnet. Das ist weniger der Friedhof, was man vielleicht annehmen könnte, sondern das ist zum Beispiel die Stelle, an der der Junge verunglückt ist.

Monika Ehrhardt-Lacomy beispielsweise hat ihrem Mann eine "Himmelfahrtsfeier" in der eigenen Küche beschert. Den Zusammenhang Küche und Tod finden manche vielleicht befremdlich, aber ich finde, das ist eine wunderschöne Idee. Bei Trauerritualen sind der Kreativität ja keine Grenzen gesetzt.

Das Interview führte Michaela Khamis für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. April 2019 | 14:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2019, 04:00 Uhr

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