Julianne Moore beim Photocall und der Pressekonferenz zu «After the Wedding» auf dem 54. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary.
Julianne Moore auf einer Pressekonferenz Bildrechte: imago images / Future Image

Interview Julianne Moore: "Gloria ist ein Film über Gleichheit für alle"

Es gibt wohl niemanden, der auf der Berlinale 2013 aus dem chilenischen Wettbewerbsbeitrag "Gloria" von Sebastián Lelio nicht pfeifend und mit einem breiten Grinsen herausgekommen ist. Auf den Lippen das Lied: "Gloria" von Umberto Tozzi. Jetzt hat Regisseur Lelio seinen eigenen Film geremaked, aus Santiago de Chile nach Los Angeles verlegt und seine wunderbare Hauptdarstellerin Paulina Garcia durch Julianne Moore ersetzt. Ein Film über eine Frau in ihren Fünfzigern, die zehn Jahre nach ihrer Scheidung ihr Leben noch einmal genießen will. MDR KULTUR-Filmkritikerin Anna Wollner hat Julianne Moore getroffen und im Interview mit ihr unter anderem über das Älterwerden in der Traumfabrik, Sex und Feminismus gesprochen.

Julianne Moore beim Photocall und der Pressekonferenz zu «After the Wedding» auf dem 54. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary.
Julianne Moore auf einer Pressekonferenz Bildrechte: imago images / Future Image

MDR KULTUR: Frau Moore, wenn die Welt untergeht, will Gloria im Film tanzen. Auch eine Weltuntergangsoption für Sie?

Julianne Moore: Nein, um Gottes Willen. Ich bin keine Tänzerin. Wenn die Welt untergeht, mache ich hoffentlich etwas Anderes.

Sie sollen die treibende Kraft hinter dem Remake gewesen sein. Was hat Sie am Original so begeistert?

Julianne Moore im Film "Gloria"
Julianne Moore im Film "Gloria" Bildrechte: imago images / Prod.DB

Die Art und Weise, wie Regisseur Sebastián Lelio auf die Welt blickt. Er verurteilt seine Figuren nicht, hat viel mehr einen zärtlichen, beobachtenden Blick. Er hat zu seinen Figuren einen sehr empathischen Zugang und großartigen Humor. Er ist nie schonungslos. Das Original trifft genau den Ton, den ich sehen will, wenn ich selbst ins Kino gehe.

Haben Sie mit Gloria etwas gemeinsam?

Erstmal das Offensichtliche. Wir sind beide Frauen im gleichen Alter, haben beide zwei Kinder und einen großen Freundeskreis. Ich finde es bewundernswert, wie offen sie ist, wie sehr sie sich um ihre Umwelt sorgt und sich dabei selbst vergisst. Dadurch wird sie angreifbar und verletzlich.

Auch eine Eigenschaft von Ihnen?

Ich glaube, dass ich mehr auf mich achte, als sie es tut. Ich könnte da fast noch etwas von ihr lernen. Denn sie scheut keinen Konflikt, stellt sich ihren Ängsten. Eine Fähigkeit, die ich gerne hätte.

Was haben Sie von ihr gelernt?

Sehr viel. Sie hat mich inspiriert. Von ihrer Impulsivität hätte ich mir gerne eine Scheibe abgeschnitten. Sie ist furchtlos. Ich dachte oft schon beim Lesen des Drehbuchs: Oh nein, tu das nicht. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie beschützen muss. Aber das ist natürlich Quatsch. Weil sie so ist wie sie ist, ist sie sehr präsent.

Julianne Moore im Film "Gloria"
Julianne Moore spielt im Film "Gloria" eine Frau um die 60, die noch einmal beginnt, ihr Leben anders zu leben als bisher. Bildrechte: imago images / Prod.DB

Sie ist eine Frau kurz vor der Sechzig – und entdeckt ihre Sexualität neu. Eigentlich ein Tabu in Hollywood.

Leider ein sehr wahrer Punkt. Aber in Hollywood hat das gar nichts mit dem Alter zu tun. Sex wird hier in jedem Alter ausgespart.

Woran liegt das?

Ich habe keine Ahnung – aber ich bedauere es zutiefst. Denn darum geht es im Kino doch, um die großen Gefühle. Und da gehört Sex für mich eigentlich dazu. Aber immer, wenn es um die Liebe geht, steht im Kino ein Paar im Vordergrund. Oder gleich eine ganze Familie. Aber nie eine Single-Frau.

Bis "Gloria" kam.

Ja, und das ist ein tolles Geschenk. Wir haben uns hier viel Mühe gegeben, nah an der Wahrheit zu bleiben, an der Lebensrealität einer mittelalten Frau mit Falten. Oder besser gesagt: nah an der Wahrhaftigkeit. Wir wollten nicht nur real sein, sondern in erster Linie menschlich.

Ist es das, was Sie in ihren Rollen suchen? Wahrhaftigkeit?

Ja, irgendwie schon. Selbst, wenn es etwas Theatrales hat. Aber meine Figuren brauchen immer etwas, was ich selbst glauben kann. Wenn ich schon meiner Figur nicht glaube, wie soll der Zuschauer das dann schaffen. Wenn der nicht mitkommt, hat der Film nichts Nachhaltiges.

Ist "Gloria – Das Leben wartet nicht" ein feministischer Film?

Für mich ist die Definition von Feminismus ganz klar: Eine Frau oder ein Mann, die an Gleichberechtigung glauben. Sozial und wirtschaftlich. Insofern ist "Gloria" ein feministischer Film. Weil es eben auch ein humanistischer Film ist. Ein Film über Gleichheit für Alle.

Müssen Sie sich – metaphorisch gesprochen – in ihre Rollen verlieben, um sie spielen zu können?

Nein, ich muss sie nur verstehen. Ich muss sie noch nicht mal zwangsläufig mögen. Ich habe schon viele Charaktere gespielt, die ich selbst nicht mochte. Ich muss nur irgendwie nachvollziehen können, warum sie so handeln wie sie handeln. Das hat also nichts mit Liebe zu tun.

Es gibt den Glauben, dass Schauspielen perfektes Lügen ist. Dabei wirken Sie immer so ehrlich in ihrem Spiel. Wie passt das zusammen?

Schauspielen ist nicht Lügen. Schauspielen ist Vortäuschen. Und zwischen Vortäuschen und Lügen ist für mich ein großer Unterschied. Beim Lügen geht es darum, nicht die Wahrheit zu erzählen. Vortäuschen ist, sich etwas vorzustellen, dass etwas passiert, und dann so zu tun als ob.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie gut im Vortäuschen sind?

Ich habe es selbst nie für möglich gehalten, dass ich eines Tages Schauspielerin werde. Ich habe immer schon gerne gelesen, kam also über den Umweg der Literatur-Liebe zur Schauspielerei, erst an die Schauspielschule, dann ans Theater und zum Fernsehen. Ich hatte nie einen vorbestimmten Weg.

Und heute sind Sie Oscar-prämierte Schauspielerin mit ausgefülltem Terminkalender. Können Sie überhaupt ein normales Leben führen?

Da lege ich sogar sehr viel Wert drauf. Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich würde es nicht genießen, Sie hier in einem schönen Hotel zu treffen, wunderschöne Kleidung gestellt zu bekommen. Aber die gebe ich heute Abend wieder zurück. Ich weiß, dass das alles nicht echt ist.

Was holt Sie zurück auf den Boden der Tatsachen?

Julianne Moore
Julianne Moore auf dem roten Teppich Bildrechte: IMAGO

Meine Familie erdet mich. Ich habe zwei gesunde Kinder – davon habe ich immer geträumt. Ich weiß, dass ich sehr privilegiert bin. Ich kann das machen, was ich will. Für die Schauspielerei muss ich viel reisen, ich freue mich immer, nach Hause zu kommen.

Mein Sohn ist 21, meine Tochter 17. Beide sind in einem Alter, in dem sie sich intensiv damit auseinandersetzen, wo sie im Leben hinwollen. Ich habe sie immer ermutigt, ihre Interessen zu verfolgen. Sie sollen das tun, was sie mögen. Ich bin als junge Frau meiner Passion des Lesens gefolgt und bin über das Erzählen von Geschichten bei der Schauspielerei gelandet. Denn ich lese zwar gerne, aber ich spiele eigentlich gar nicht gerne.

Welches Buch liegt auf ihrem Nachttisch?

"Wie sollten wir sein" von Sheila Heti.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. August 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. August 2019, 04:00 Uhr

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