Interview Lars Eidinger zum Lockdown: "Das ist eigentlich das Todesurteil"

Lars Eidingers Rolle in "Schwesterlein" erinnert an ihn selbst: Sven hat 357 Mal den Hamlet gespielt und ist ein begnadeter Schauspieler. Doch er leidet unter Leukämie. Seine Zwillingsschwester Lisa, eine gefragte Theaterautorin, will sich um ihn kümmern, gibt alles auf, um ihn noch einmal auf der Bühne zu sehen. Hauptdarsteller Lars Eidinger und Nina Hoss haben den Film in Leipzig vorgestellt – kurz bevor die Kinos wieder schließen müssen.

Nina Hoss und Lars Eidinger - Schwesterlein
Lars Eidinger und Nina Hoss in "Schwesterlein" Bildrechte: Vega Film

MDR KULTUR: Ich habe Ihnen in "Schwesterlein" beeindruckt beim Sterben zugesehen. War es schwer zu sterben?

Lars Eidinger: Das war schwer. Im Theater ist es einfacher, weil man sich da auf die Distanz verlassen kann. Da nimmt es einem auch niemand übel, wenn man da liegt und trotzdem noch atmet. Es gibt auch Kollegen, die sich nochmal bequemer hinlegen, weil sie wissen, dass sie da eine Weile liegen müssen. In dem Fall war es auch wirklich Technik – ich rede von dem Sterbemoment und nicht von der Angst vor dem Sterben. Ich halte in dieser Sequenz lange die Luft an und die Verantwortung war groß, weil Nina Hoss währenddessen etwas Anspruchsvolles spielt. Es drohte die Gefahr, dass ich die Szene versaue, wenn ich nach Luft schnappe.

Die beiden Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond gehen mit ihrem Deutungsangebot zu diesem Film sehr weit: Er stirbt und sie, die Schwester, wird sozusagen wiedergeboren und findet zurück zu ihrer alten Kreativität als Theaterautorin, nachdem sie wegen der Krebsdiagnose ihres Bruders aufgehört hatte. Brauchen sie solche starken Deutungen?

Bilder zu Schwesterlein
Sven ist zu Gast bei seiner Familie Bildrechte: Vega Film

Mir ist auf der Kinotour und nach Gesprächen mit dem Publikum klar geworden, dass beim Filmemachen das Faszinierende ist, dass man im Ergebnis doch konfrontiert ist mit einem Porträt des Regisseurs. Mit allem, was ich dazu beisteuern kann, ist es trotzdem wie ein Porträt. Das heißt, der Regisseur zeigt sich in einem Film. "Schwesterlein" ist ein Film von zwei Regisseurinnen, die sich kennen, seit sie zehn Jahre alt sind. Die haben im Grunde so eine Beziehung wie die Zwillingsgeschwister Lisa und Sven im Film. Ich denke, die könnten nicht ohne einander existieren. Die beiden gehen auch eine Symbiose ein, in der sie sich aber nicht auflösen, sondern trotzdem sehr eigenständig bleiben – was ich interessant finde. Die Vorstellung, dass eine von den beiden plötzlich stirbt, finde ich schwer vorstellbar und das, glaube ich, wollten sie thematisieren.

Auch sie und ihre Spielpartnerin Nina Hoss kennen sich gut, nämlich seit dem Studium vor 25 Jahren.

Ich kenne Nina länger, als ich zu Hause gewohnt habe. Das ist doch verrückt.

Dass Sie sich so lange kennen, war in diesem Fall auch wichtig?

Man konnte darauf zurückgreifen, weil es auch etwas Geschwisterliches hat. Ich habe gerade mit meinem Bruder telefoniert, den ich vielleicht einmal im Jahr anrufe. Trotzdem ist es mein Bruder und ich fühle mich ihm nahe. So ist es im Grunde bei mir und Nina auch. Es ist keine Freundschaft, dass wir uns außerhalb von Dreharbeiten treffen, aber wir sind uns sehr nah. Das ist das Verrückte in meinem Beruf, dass man sich teilweise im spielerischen Moment intimer begegnet als im Privatleben.

Im Film spielen sie einen Darsteller, der zum Beispiel die Rolle des Hamlets übernimmt. Sie sind ebenfalls ein Darsteller, der in Berlin im Hamlet von Thomas Ostermeier spielt. Auch Thomas Ostermeier tritt im Film auf, wo er einen Regisseur oder Intendanten verkörpert. Ist es mehr als ein Gag, dass jeder sich auch selbst spielt?

Es ist ein Kunstgriff würde ich sagen. Ich tue mich damit schwer: Ich habe in den letzten Jahren öfters die Rolle Lars Eidinger angeboten bekommen und immer abgesagt, weil ich mich nicht selbst spielen kann. Man sagt immer so leichtfertig: "Den Schauspieler finde ich nicht so interessant, der spielt sich immer selbst." Das geht gar nicht. Die Rolle des Sven Braunschweig hat mit mir nicht mehr oder weniger zu tun, als ein Kai Kortels aus dem Tatort oder einem Hamlet oder einem Richard. Natürlich mache ich mich da als Persönlichkeit geltend und bringe auch meine eigenen Themen da ein, aber ich bin das nicht.

Lars Eidinger - Schwesterlein
Lars Eidinger als Schauspieler Sven Bildrechte: Vega Film

Der Film "Schwesterlein" hatte jetzt Premiere und wir haben nur wenige Tage Zeit, den zu sehen, weil wieder ein Lockdown verhängt wurde. Wie finden Sie das?

Mich schockt das total. Ich bin überrascht, dass so viele wie Thomas Ostermeier, Stéphanie Chuat oder Véronique Reymond so affirmativ oder fast sportlich damit umgehen und sagen: "Das ist halt so." Ich verzweifle daran: Das sind zwei Filmemacherinnen, die arbeiten seit fünf Jahren an einem Film und wenn er in die Kinos kommt, läuft er drei Tage und dann geht es in den Lockdown. Die Kulturschaffenden und Gastronomen haben wahnsinnig viel investiert, damit es auch während der Pandemie möglich ist, öffentliche Orte aufzusuchen. In Theatern wurden Lüftungsanlagen eingebaut, die Abstandsregeln werden penibel eingehalten. Ich habe gerade "Peer Gynt" gespielt, da haben Zuschauer während der ganzen Vorstellung die Masken auf. Danach kommen die Techniker in Spurensicherungsanzügen und reinigen die ganze Bühne. Ich kann es mir nicht anmaßen, ich bin kein Mediziner, aber ich wage zu behaupten, dass das nicht die Ansteckungsherde sind. Die muss man woanders suchen. Und jetzt zu sagen, wie machen für einen Monat wieder alles dicht, ist eigentlich ein Todesurteil.

Man könnte sagen, dann schaut den Film zu Hause.

David Lynch hat schon gesagt, die Summe der Intelligenz in einem Kino ist größer als die Anzahl der Anwesenden. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn man das gemeinsam guckt. Das hat mit einem gewissen Austausch zu tun, der einem jetzt untersagt ist – das ist die große Qualität von Theater- und Kinovorführungen.

Nina Hoss und Lars Eidinger - Schwesterlein 15 min
Bildrechte: Vega Film
Nina Hoss und Lars Eidinger - Schwesterlein 15 min
Bildrechte: Vega Film

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Filme aus Deutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Oktober 2020 | 08:40 Uhr