Interview Mario Schröder: Wie Leipzigs Ballettdirektor vor der Stasi auf eine Probe floh

In den vergangenen zehn Jahren hat Mario Schröder das Leipziger Ballett geprägt. Vorher war er hier bereits als Solotänzer engagiert. In der Messestadt demonstrierte er für eine Änderung der DDR und tanzte nach der Wende in einigen bedeutenden Choreografien von Uwe Scholz. Im Gespräch mit MDR KULTUR blickt er auf seine Anfänge zurück und beschreibt, wie er in aktuellen Proben mit den Hygienemaßnahmen umgeht.

"Was mache ich mit meinem Körper? Was fange ich damit an? Wo geht die Reise hin mit mir selbst?" Diese Fragen stellte sich der Tänzer Mario Schröder bei einer Probe für eine Neuinterpretation von "Dornröschen". Zuvor war er auf einer der großen Demos in Leipzig und wurde anschließend von Sicherheitsbeamten in Zivil verfolgt. Doch er rannte einfach ins Leipziger Opernhaus, auch weil er nur noch wenige Minuten bis zur Probe hatte, so erinnert sich der heutige Ballettdirektor an das Jahr 1989.

Erstes Engagement in Leipzig

Zu dieser Zeit war Mario Schröder noch Solo-Tänzer im Leipziger Ballett. Geboren wurde der Choreograf 1965 im brandenburgischen Finsterwalde. Mit zehn Jahren begann seine Ausbildung an der Palucca-Schule in Dresden. 1986 kam er schließlich nach Leipzig, wo er auch die Zeit des Wandels verfolgte. Es war auch eine Zeit der Unsicherheit, erzählt Schröder im Gespräch mit MDR KULTUR. 1991 kam ein neuer Ballettdirektor in die Messestadt: "Mit dem Neustart von Uwe Scholz war ein Statement gesetzt. Es gab eine ganz klare Haltung zum Tanz. Das war gut so", fasst Mario Schröder zusammen. Denn damals begann ein Prozess, in dem viele Theater verschwanden oder Sparten streichen mussten. Das Leipziger Ballett wurde unter Scholz jedoch eine Compagnie, die weit über die Stadt- und Landesgrenzen hinausstrahlten.

Künsterlische Handschrift

Die Zeit unter Scholz prägt Schröders Arbeit bis heute. Der Tänzer wurde selbst Choreograf. Er war kurze Zeit Ballettdirektor in Würzburg, bevor er nach Kiel wechselte wo er zahlreiche eigenen Arbeiten entwickelte. 2010 kam er wieder nach Leipzig zurück, nun als Chefchoreograf. Hier konzentrierte er sich zum einen darauf die Choreografien von Uwe Scholz, der 2004 starb, lebendig zu halten. Dafür kombinierte diese älteren mit eigenen Tanzarbeiten. So stellte er der Wiederaufnahmen der bedeutenden Choreografie "Pax questuosa" 2013 als eine Art Vorspiel "Blühende Landschaften" voran. Schröder schuf auch einige Handlungsballette, die entweder auf das klassische Repertoire oder die Literatur zurückgehen. Immer wieder arbeitet er mit moderner und populärer Musik: Sein Ballett "Chaplin" über die Ikone des Stummfilms wurde sehr erfolgreich, es folgten Abende über Jim Morrisson und Nick Caves "Murder Ballads".

Balletttänzerin und Balletttänzer auf der Bühne in zwei Glaskästen.
Erster Probeneindruck von "Solitude" Bildrechte: Oper Leipzig

Aktuell arbeitet Mario Schröder unter ungewöhnlichen Bedingungen an der Choreografie "Solitude" über Einsamkeit mit Musik von Galina Ustwolskaja, Antonio Vivaldi und J.S. Bach. Dabei lernt der Direktor seine Compagnie ganz neu kennen, denn nur Paare im echten Leben durften Pas de deux tanzen, erzählt Schröder lachend bei MDR KULTUR: "Das war die erste Frage: 'Wer lebt mit wem zusammen?' Das sorgt für Belustigung, weil sich über den Sommer wieder neue Paare ergeben oder Paare auseinander gegangen sind. Ich musste wieder umdenken – es ist eine hohe Flexibilität gefragt." So verändern sich auch immer weider die Regeln: Durften im Juli nur vier Ensemblemitglieder gleichzeitig mit drei Metern Abstand in den Übungssaal. Inzwischen dürfen fünf Tänzerinnen und Tänzer in den Saal und es müssen auch keine drei Meter mehr sein. "Wir kämpfen um jeden Meter", erklärt Schröder. Er ist sich sicher, dass es in dieser Weise immer leichter sein wird, bis irgendwann wieder ein normales Proben möglich sein wird.

Tanz in Leipzig und Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Oktober 2020 | 19:05 Uhr