TV-Start der Dokumentation "Die Unerwartete" "Merkel hat die Männer nicht so bekämpft, wie sie es gewohnt waren"

Wer ist Angela Merkel? Was treibt sie an? Kurz nach der Bekanntgabe ihrer vierten Kanzlerschaft läuft am Dienstag auf Arte ein Film über Angela Merkel mit dem Titel "Die Unerwartete". Die MDR-Produktion blickt auf die politische Karriere der Bundeskanzlerin zurück. Im Interview erzählt Matthias Schmidt, einer der Regisseure, wie sie so erfolgreich werden konnte.

MDR Kultur: Angela Merkel ist Bundeskanzlerin in ihrer dritten Legislaturperiode. Kann man sie da überhaupt noch "Die Unerwartete" nennen?

Matthias Schmidt: Es gibt viele Momente in ihrer Biografie, die unerwartet sind. Das beginnt damit, dass sie überhaupt Bundeskanzlerin wurde. Dass sie sich durchsetzen konnte gegen all die Männer, die alle damit gerechnet haben, dass sie selbst Helmut Kohl beerben würden. Ein unerwarteter Moment ist aber auch ihre Entscheidung in der Flüchtlingskrise im letzten Jahr.

Darauf wird sie jetzt gerne reduziert. Aber dort hat sie tatsächlich etwas Eigenes gebracht.

Angela Merkel hat mehrfach in ihrer Biografie unerwartete Entscheidungen getroffen. Und sie hat immer wieder – schon beim Demokratischen Aufbruch – ihre Kompetenzen überschritten, zum Beispiel hat sich als Pressesprecherin, die sie nur war, programmatisch für den gesamten Demokratischen Aufbau geäußert. Es gibt immer wieder solche Dinge, bei denen man sehen kann, wer sie vielleicht wirklich ist. Oft sieht man das ja nicht. Oft ist sie die Frau, die die Raute macht und die uns beschützt. Sie strahlt Ruhe aus und ich glaube, das hat sie einigermaßen unantastbar gemacht hat.

Ein Film über Angela Merkel ist ein besonderes Projekt. Immerhin ist sie die Kanzlerin. Wie frei konnten Sie arbeiten?

Matthias Schmidt, Filmemacher von "Merkel - Die Unerwartete"
Filmemacher Matthias Schmidt Bildrechte: Juliane Streich / MDR

Komplett frei. Ich hatte nie den Eindruck, dass wir in irgendeiner Weise beschränkt werden. Sogar das Interview, dass sie uns gewährt hat, ist so gelaufen: Hingehen und Fragen stellen. Also ein sehr freies Arbeiten. Ich hatte zwar nicht damit gerechnet, dass uns jemand rein reden würde, aber ich hatte ein bisschen befürchtet, dass viele Beteiligte das nochmal sehen wollen und wir viele umständliche Gespräche führen müssen – aber überhaupt nicht.

Viele Kollegen sagen ja, Angela Merkel soll spontan und humorvoll sein, was man ihr eigentlich gar nicht zutraut. Wie nah sind Sie ihr im Gespräch gekommen?

Der Film wird, glaube ich, zeigen, dass sie schlagfertiger und humorvoller ist, als wir sie kennen. Wir persönlich haben das aber nicht erlebt. Sie war in dem Interview sehr kontrolliert. Das ist eine ihrer politischen Qualitäten: Dass sie Vorgänge entdramatisiert. Trotzdem war es sehr spannend. Wir haben sie zum Beispiel auf Fragen antworten lassen, die ihr vor 25 Jahren Günter Gaus gestellt hat, in der Sendung "Zur Person". Das ist schön zu sehen, wie diese Frau heute darauf reagiert.

Es ist ein riesengroßes Stück Emanzipation, was Merkel geschafft hat: Eine Ost-Frau in einer West-Männer-Partei. Haben Sie eine Erklärung dafür, wie sie es so weit gebracht hat?

Angela Merkel
Angela Merkel in den Neunzigern Bildrechte: dpa

Darauf gibt es nicht die eine Antwort. Aber wenn man über 90 Minuten den Film schaut, wird man bemerken, dass sie immer andere Strategien gesucht hat. Sie hat diese Männer nicht so bekämpft, wie die es gewohnt waren, bekämpft zu werden. Sie ist zu Regionalkonferenzen gefahren, als sie CDU- Vorsitzende werden wollte und hat mit der Basis gesprochen. Sie hat sich also –  was in der CDU so nicht üblich ist – ihre Mehrheiten basisdemokratisch erarbeitet. Sie hat immer wieder anders reagiert. Sie hat zugehört. Das schildern auch andere Politiker als seltene Qualität in der Politik: Sie kann zuhören.

Das klingt jetzt fast etwas zu positiv.

Uns wurden im Zusammenhang mit dem Erscheinungstermin jetzt Vorwürfe gemacht, dass wir nicht kritisch genug ihre aktuelle Politik beurteilen. Also nicht kritisch genug sind, was die Flüchtlingspolitik angeht. Doch das war nie unser Ziel. Unser Ansatz war genau der, sich einmal ein Stück zurückzunehmen und aus der Distanz zu beobachten: Wie ist diese politische Biografie von statten gegangen? Wie ist sie dahin gekommen? Was sind ihre Eigenschaften, was ihre Werkzeuge?

Und was ist Ihre persönliche Erkenntnis? Hat sich Ihr Eindruck von Angela Merkel verändert?

Schwer zu sagen. Davon ausgehend, dass sich kaum ein ostdeutscher Politiker in Bonn hat durchsetzen können, finde ich dieses unauffällige Sich-durchsetzen-Können über die Jahrzehnte erstaunlich. Tatsächlich ist es eine der wenigen Biografien, die bis ganz an die Spitze geführt haben. Und das zu beleuchten, war für mich etwas Spezielles.

Ausstrahlungstermine "Angela Merkel - Die Unerwartete":
6. Dezember um 20.15 Uhr auf ARTE
12. Dezember um 22.45 Uhr in DAS ERSTE
15. Dezember um 22.35 Uhr im MDR FERNSEHEN

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2016, 17:18 Uhr

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