Quentin Tarantino auf einer Pressekonferenz des Cannes Film Festivals in Cannes, Frankreich.
"Once Upon A Time In Hollywood" ist Quentin Tarantinos neunter Film. Eigentlich wollte er nach seinem zehnten Film seine Karriere beenden. Wirklich? Bildrechte: dpa

Interview Quentin Tarantino: "Wenn Hollywood nicht weiß, wie es weitergeht, sind sie am kreativsten"

Ein Fernsehschauspieler mit sinkendem Stern und sein Stuntdouble, gespielt von Leonardo DiCaprio und Brad Pitt, treiben durch das Hollywood der späten 60er-Jahre: Kultregisseur Quentin Tarantinos neuer Film "Once Upon A Time In Hollywood" ist wild, verrückt und zärtlich zugleich. Im Interview hat Quentin Tarantino verraten, welche Ära Hollywoods seine liebste ist – und wie es um die Zukunft der Traumfabrik bestellt ist.

Quentin Tarantino auf einer Pressekonferenz des Cannes Film Festivals in Cannes, Frankreich.
"Once Upon A Time In Hollywood" ist Quentin Tarantinos neunter Film. Eigentlich wollte er nach seinem zehnten Film seine Karriere beenden. Wirklich? Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Tarantino, Sie sind bekannt für Ihre harten und brutalen Filme. In "Once Upon A Time In Hollywood" aber werfen Sie einen fast schon zärtlichen, nostalgischen Blick auf das alte Hollywood. Sind sie etwa ein verkappter Romantiker?

Quentin Tarantino: (lacht) Verkappter Romantiker oder aber – ich werde einfach alt. Und damit weicher. Ich lasse das jetzt einfach mal so stehen.

Sie sind Jahrgang 1963, ihr Film spielt 1968/69. Sie sind also selbst in dieser Zeit groß geworden. Was ist ihre erste eigene Erinnerung an Hollywood?

Das Grauman’s Chinese Theatre am Hollywood Boulevard. Als ich sechs war, war ich mit meinen Eltern das erste Mal dort. Wir wohnten damals in East Los Angeles, am anderen Ende der Stadt. 1969 haben meine Mutter und mein Stiefvater mich ins Auto gepackt, wir sind nach Hollywood gefahren und waren im berühmten Grauman’s Chinese Theatre im Kino.

In welchem Film?

Das war "Butch Cassidy and the Sundance Kid". Sie hatten mir vorher schon viel über den Ort und das Kino erzählt. Ich wusste also grob, was mich erwarten wird. Sie hatten mir von den berühmten Fuß- und Handabdrücken erzählt. Von Berühmtheiten wie Roy Rogers oder John Wayne. John Waynes Füße sind vergleichsweise klein, ich konnte meine kleinen Hände in seinen Abdruck legen. Für mich als sechsjähriger Steppke ein Wahnsinnsmoment. Danach waren wir auf dem "Walk of Fame" und im Hollywood Wachsmuseum.

Margot Robbie, Leonardo DiCaprio, Quentin Tarantino und Brad Pitt bei der Deutschlandpremiere von "Once Upon A Time In Hollywood" in Berlin
Margot Robbie, Leonardo DiCaprio, Quentin Tarantino und Brad Pitt bei der Deutschlandpremiere von "Once Upon A Time In Hollywood" in Berlin Bildrechte: dpa

Sie machen hier eine filmische Zeitreise ins Hollywood der 60er-Jahre. Wenn Sie selbst eine Zeitreise machen könnten, in welche Hollywood-Ära?

Filmisch ganz klar in die Siebziger. Aber wenn es darum geht, in einer anderen Ära in Hollywood leben zu wollen, dann würde ich in die Sechziger zurückreisen. 1963 oder 1964, als es Dino’s Lodge noch gab, das Restaurant von Dean Martin. Der Sunset Strip, die ganzen Clubs, das Lebensgefühl. Das wäre meine Zeit gewesen.

Steckt in der Sehnsucht nach dieser Zeit eine gewisse Nostalgie dahinter, die Zeit wieder auferstehen zu lassen, als es noch einen anderen Glamour in Hollywood gab, eine andere Leidenschaft? Kurz danach kam "Der weiße Hai" ins Kino und mit dem New Hollywood verschwand eine Ära des Kinos ...

"New Hollywood" dauerte für mich über 1975 hinaus, eigentlich bis 1981. Klar, da kam "Der Weiße Hai", kurz danach "Star Wars". Aber eben nicht nur. Das Konzept des "Happy Ends" wurde auf den Kopf gestellt. Es war auf einmal in Mode, dass die Hauptfigur eben kein Happy End bekam, sondern manchmal sogar gestorben ist. Am Ende des Films war die Hauptfigur tot, grausam ermordet und hatte nichts erreicht. Wie bei "Easy Rider" zum Beispiel. Es war eine zynische Zeit, aber so war die Welt einfach. Dann kam "Rocky" und brachte das Happy End zurück. Und wir werden es bis heute einfach nicht los.

Ihr Film ist also eine Art Wiedergutmachung?

Jeder Kritiker behauptet, "Once Upon A Time In Hollywood" sei ein Liebesbrief. Ich selbst würde es gar nicht so bezeichnen. Klar gibt es diesen romantischen Aspekt, aber für mich überwiegt der zynische Ansatz. Ich bin da sehr bei der von Leonardo DiCaprio gespielten Figur von Rick Dalton. Aber nicht ganz. Er ist sehr zynisch. Aber anders als er liebe ich Spaghetti-Western.

Was wäre passiert, wenn es die Manson-Morde damals nicht gegeben hätte, wenn die Unschuld der 60er nicht verlorengegangen wäre?

Ich glaube nicht wirklich, dass die Manson-Morde tatsächlich der einzige Auslöser für den Umbruch waren. Klar, sie spielten eine Rolle, aber zur gleichen Zeit, der Zeit der "Love and Peace" Bewegung, wurden Leute in Vietnam hingerichtet, die Cops waren außer Kontrolle, Leute sind für fünf Jahre ins Gefängnis gekommen, nur weil sie einen Joint geraucht haben. So faszinierend die Hippie-Bewegung war, so wenig nachhaltig als soziales Phänomen war sie auch.

Sie sind eine Enzyklopädie für amerikanische Popkultur. Wie viel mussten Sie für den Film recherchieren?

Was den Teil über Hollywood angeht, stecke ich in einer lebenslangen Recherche, die nie enden wird. Was die Morde der Manson-Familie angeht, habe ich sehr viel recherchiert. Allein für die Struktur. Ich wollte verstehen, wie sie auf der "Spahn Ranch" zusammengelebt haben. Und ich habe viel über Roman Polanski und Sharon Tate gelesen, über ihre damalige Lebenssituation.

Zum Glück kenne ich ein paar Leute, die damals mit den beiden befreundet waren. Für eine Szene, die es am Ende gar nicht in den Film geschafft hat, habe ich den Sprachduktus von Charles Manson studiert. Ich bin so in sein Leben eingetaucht, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, ob ich den Film überhaupt machen will. Ich wusste nicht, ob ich selbst bereit bin, so weit zu gehen und seine Gedanken in meinen Kopf zu lassen. Aber dann habe ich mich überwunden und es einfach gemacht.

Sie stehen gerade sehr im Rampenlicht. Jeder hat eine Meinung – Filmkritiker, Historiker. PETA regt sich über Ihren Umgang mit dem Hund auf, Bruce Lees Tochter über die Darstellung ihres Vaters, Ihre Frauenbilder stehen im Zentrum der Diskussion. Sehen Sie diese Aufmerksamkeit als Kompliment oder nervt es?

Ich kann Ihnen sagen, was ich daran nicht mag. Es gab mal die Zeit, da habe ich gerne Interviews gegeben. Die Leute wollten sich wirklich mit mir auseinandersetzen und hatten Interesse, haben Integrität ausgestrahlt. Ich habe mich in den Artikeln wiedergefunden. Denn sie hatten einen Kontext. Heute gebe ich ein Interview, und die Leute nehmen nur ein Zitat daraus, sinnentstellen es und sind nur darauf aus, eine Schlagzeile damit zu generieren. Das eine Zitat steht dann falsch im halben Internet. Egal ob in der "Times of India" oder der "Irish Times" oder "bloodydisgusting.com". Das löst bei mir aus, dass ich keine Interviews mehr geben will. Das nervt.

Und die gute Seite?

Wir haben einen Film gemacht, der eine Diskussion auslöst. Als der Film in den USA rauskam, hatte ich einen Riesenspaß. Am ersten Wochenende habe ich all die Kritiken gelesen, danach kamen dann all die Essays und intellektuellen Auseinandersetzungen mit dem Film. Die Leute haben miteinander diskutiert. Selbst die Leute, die den Film nicht mochten, haben sich weiter mit ihm auseinandergesetzt. Es entstand eine Diskussion. Wir sind von Bedeutung, wir sind Teil der Diskussion. Das ist cool.

"Once Upon A Time In Hollywood" ist Ihr neunter Film. Sie wollten insgesamt nur zehn machen. Ist nach dem nächsten Film also wirklich Schluss?

Ich stecke in einem Dilemma. Ich habe Interesse am nächsten "Star Trek". Das Buch ist gut, ich hätte Lust drauf, aber damit aufzuhören? Ich weiß nicht. Vielleicht drehe ich es so, dass ich mich nach dem zehnten eigenen Drehbuch verabschiede. Dann würde "Star Trek" nicht zählen.

Was werden Sie machen, wenn Sie keine Filme mehr drehen?

Ich bin Schriftsteller. Ich werde schreiben. Filmhistorische Bücher, Romane, Theaterstücke.

Trotz all der Nostalgie – wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Ich habe keine Ahnung. Das macht mir zum Einen ein bisschen Angst – ist zum Anderen aber auch aufregend. Das hat ja auch die 70er so aufregend gemacht. Wenn Hollywood nicht weiß, wie es weitergehen soll, dann sind sie am kreativsten.

Das Interview führte Anna Wollner für MDR KULTUR.

Mehr zum Thema Film

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. August 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren