Wolfgang Mattheuers Gemälde "Die Flucht des Sisyphos"
Wolfgang Mattheuers Gemälde "Die Flucht des Sisyphos". Bildrechte: Kunstpalast Düsseldorf/Wolfgang Mattheuer

Eine Ausstellung gegen das Ost-West-Schubladendenken DDR-Kunst-Ausstellung "Utopie und Untergang" in Düsseldorf

Es ist die erste umfassende Schau über DDR-Kunst im Westen Deutschlands seit dem Mauerfall. Kurator Steffen Krautzig erklärt im Gespräch, was diese Ausstellung von denen im Osten unterscheidet und wie sie mit dem Ost-West-Schubladendenken brechen möchte.

Wolfgang Mattheuers Gemälde "Die Flucht des Sisyphos"
Wolfgang Mattheuers Gemälde "Die Flucht des Sisyphos". Bildrechte: Kunstpalast Düsseldorf/Wolfgang Mattheuer

MDR KULTUR: Herr Krautzig, was ist denn los? Muss man dem Westen, dem Rheinland, endlich erklären, was DDR-Kunst sei?

Steffen Krautzig: Es sieht ganz so aus. Tatsächlich ist in den letzten 30 Jahren nach dem Mauerfall nicht viel passiert in Sachen Kunst aus der DDR. Wenn man in die Geschichte guckt, vor '89 sah das ganz anders aus. Es gab tatsächlich eine große Reihe mit Ausstellungen mit Kunst aus der DDR im Westen. Aber danach brach es ab. Es war wenig zu sehen – punktuell kleine Übernahmen und Themenausstellungen – aber so was, was wir jetzt machen, hat noch kein anderes westdeutsches Museum gemacht.

Versuchen wir herauszufinden, woran das lag: Peter Ludwig, der große Sammler, war irgendwann verstorben und er hat dann keinen Einfluss mehr gehabt, aber noch gesagt, dass das tolle Künstler in der DDR sind. Oder war es nicht mehr interessant?

"Gliederpuppe" voN Wilhelm Nachnit
Das Werk "Gliederpuppe" von Wilhelm Nachnit. Bildrechte: Kunstpalast Düsseldorf/Wilhelm Lachnit

Wir haben auch überlegt, woran das liegen könnte. Und der Direktor, Felix Krämer, und ich sind dann gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass es generell ein fehlendes Interesse war – der Kunst und Kultur der DDR gegenüber. Das ist jetzt anders. Wir haben auch überlegt, woran das liegt. Auch das riesen Echo auf unsere Ausstellung und dass Herr Steinmeier die Schirmherrschaft übernommen hat.

Es ist einfach viel Zeit vergangen und man hat vielleicht die Zeit gehabt, ein bisschen Abstand zu nehmen. Und was uns hier im Westen in Düsseldorf auffällt, es gibt eine ganze Generation, die noch nie etwas im Original gesehen hat. Jüngere Leute haben vielleicht einmal was von Mattheuer oder Sitte gehört, aber haben noch nie ein Bild im Original gesehen. Das wollen wir jetzt nachholen.  

Die politische Aufmerksamkeit hängt möglicherweise auch mit dem Dresdner DDR-Kunststreit vom vergangenen Jahr zusammen. Dann die erfolgreiche DDR-Kunstausstellung im Potsdamer Museum Barberini und die noch laufende, sehr erfolgreiche, im Leipziger Bildermuseum. Da wird DDR-Kunst sehr neu gesehen und neu bewertet. Was ist ihr Konzept?

"Nach der Schicht im Salzbergwerk" von Willi Sitte
"Nach der Schicht im Salzbergwerk" von Willi Sitte. Bildrechte: Kunstpalast Düsseldorf/Willi Sitte

Unser Konzept ist etwas anderes, weil wir ein anderes Publikum haben. So eine Ausstellung, wie wir sie machen, würde in Potsdam, Berlin oder Leipzig nicht funktionieren, weil die Besucher in den drei Städten oder überhaupt im ganzen Osten, Voraussetzungen haben. Denen muss man nicht erklären, was die Ausbürgerung von Wolf Biermann in der DDR 1976 auslöste. Oder wie es zum Mauerbau kam.

Informationen zur Ausstellung

"Utopie und Untergang - Kunst in der DDR"
vom 5. September 2019 bis 5. Januar 2020

Kunstpalast
Ehrenhof 4-5
40479 Düsseldorf

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag: 11 bis 18 Uhr
Donnerstag: 11 bis 21 Uhr
Montags geschlossen

Aber wir sind tatsächlich soweit, dass man einige historische Hintergründe wirklich erklären muss – und das machen wir auch. Wir lassen die Bilder nicht alleine stehen, sondern geben genug Hintergrundinformationen. Und versuchen auch beide Seiten zu sehen, also nicht nur die großen – als "Staatsmaler" bezeichneten – Künstler zu zeigen, sondern auch Künstler, die Ausstellungsverbot hatten, wie Penck. Oder Cornelia Schleime, die auch nicht ausstellen durfte in der DDR.

 Jetzt diese Ausstellung mit großer Aufmerksamkeit. Sie können ja nicht zufrieden sein – sie präsentieren ja "nur" 13 Künstler. Könnte das ein Anfang sein, Kunst aus der DDR in größerer Vielfalt auch im Westen der Republik zu zeigen?

Elisabeth Voigts Gemälde "Der rote Stier".
Elisabeth Voigts Gemälde "Der rote Stier". Bildrechte: Kunstpalast Düsseldorf/Elisabeth Voigt

Auf jeden Fall. Das ist eigentlich unser Ziel und unsere Hoffnung, dass man quasi jetzt einen Einstieg findet und merkt, dass das mit den alten Schubladen – im Osten immer nur politisch belasteter Realismus, im Westen nur freie Abstraktion – das haut ja so nicht hin.

Dass wir neugierig machen. Vielleicht auch einer neuen Generation von Museumsbesuchern zeigen, dass das mit den Schubladen nicht hinhaut. Und dann einfach hoffen, dass uns andere Museen folgen. Oder dass wir selbst damit selbstverständlicher umgehen und Künstler mit Ostbiografie ganz normal in andere Ausstellungsprojekte miteinbeziehen. Und gar nicht mehr diese Ost-West-Schere aufmachen. Das ist ja eigentlich das Ziel. Dass man gar nicht mehr sagt: 'Der stammt ja aus Leipzig oder der DDR' – egal, es geht ja um die Kunst.

Das Interview führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2019, 04:00 Uhr

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