Warschau um 1912
Straßenbild von Warschau um 1911 Bildrechte: imago/Arkivi

Isaac B. Singer: "Jarmy und Keila" Roman von Literatur-Nobelpreisträger erstmals auf Deutsch

Isaac Bashevis Singer zählt zu den weltbesten Erzählern des 20. Jahrhunderts und erhielt 1978 den Literatur-Nobelpreis. Er gelangte über Nacht zu Ruhm, als Saul Bellow 1953 seine Kurzgeschichte "Gimpel, der Narr" ins Amerikanische übersetzte. Zuvor hatte kaum jemand Notiz von dem aus Polen stammenden Schriftsteller genommen, denn er verfasste seine Bücher auf Jiddisch, der "Sprache des Exils". Singers Roman "Jarmy und Keila" liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung vor.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Warschau um 1912
Straßenbild von Warschau um 1911 Bildrechte: imago/Arkivi

Isaac Bashevis Singers Roman "Jarmy und Keila" führt ins Warschau des Jahres 1911, das einem Hexenkessel ähnelt. Die Atmosphäre wirkt äußerst angespannt, denn es regt sich Widerstand gegen die russische Regierung, die sich Polen nach dem Wiener Kongress von 1815 einverleibt hatte. Überall sind Gesinnungsschnüffler unterwegs, die im Auftrag der Polizei nach Anarchisten oder Aufrührern fahnden, die die staatliche Ordnung unterminieren wollen.

Schwierige Begegnungen

In dieser aufgeheizten Atmosphäre begegnen sich zwei von tausenden Juden, die damals 36 Prozent der Stadtbevölkerung bildeten, nämlich Jeremia Holtzmann, Spitzname "Jarmy", und Leah Kupermintz, die wegen ihrer feuerfarbenen Haare die "rote Keila" genannt wird. Beide kommen aus der Gosse. Jarmy ist wegen Taschendiebstahls und Mädchenhandels vorbestraft. Keila arbeitet als Prostituierte, ihre traurige Karriere begann schon im Alter von zwölf. Die beiden heiraten, doch die Ehe des Paares entwickelt sich zum Shakespeareschen Drama.

I. B. Singer, Jarmy und Keila
Isaac Bashevis Singer: "Jarmy und Keila" Bildrechte: Suhrkamp

Das Elend beginnt mit dem Auftauchen eines Mannes, der "lahmer Max" heißt, weil er trotz seiner jungen Jahre einen Krückstock benutzt. Dieser windige Kerl, der mit dunklen Geschäften in Südamerika viel Geld erwarb, saß ein paar Jahre zuvor mit Jarmy im Gefängnis und verliebte sich dort in ihn. Weil Jarmy gerade auf dem letzten Loch pfeift, erpresst Max ihn und fordert die Wiederaufnahme des alten Techtelmechtels. Da Max bisexuell veranlagt ist, verlangt er zugleich, dass er auch mit Jarmys Frau intim verkehren darf.

Jarmy ist schockiert vom perfiden Plan seines ehemaligen Zellengenossen, doch da er unter extremem finanziellen Druck steht, versucht er seiner Frau die Sache schmackhaft zu machen. Die weigert sich jedoch rigoros und wirft sich verzweifelt in die Arme eines 19-jährigen Rabbinersohnes, der auf den strengen Glauben seiner Eltern pfeift. Nachdem sie ihn in die Geheimnisse der körperliche Liebe eingeweiht hat, flieht sie mit ihm in einer Nacht- und Nebelaktion in die USA, wo sie sich zunächst sicher wähnt, doch bald nimmt die Katastrophe weiter ihren Lauf.

Tabubruch gewagt

Singer idealisiert die Juden nicht und porträtiert sie nicht als Heilige. Nach dem Holocaust betrachtete man es lange als völlig undenkbar, Juden negativ darzustellen. Singer wagte diesen Schritt, denn ihm konnte niemand Antisemitismus vorwerfen, da er Jude war. Er verschweigt nicht, dass es auch unter Juden Ganoven, Zuhälter und Verbrecher gab. Schonungslos schildert er das von Kleinkriminellen beherrschte Milieu in den jüdischen Armenvierteln der polnischen Hauptstadt. Das war ein mutiger Schritt, aber eben auch ein Tabubruch. Großartige Autoren wie Edgar Hilsenrath oder Jakov Lind, die selbst mit knapper Not der Vernichtung entrannen, zogen thematisch mit ihm gleich.

Selbstverwobenheit

Der polnisch-amerikanische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer im August 1989 in New York.
Der polnisch-amerikanische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer im August 1989 Bildrechte: dpa

Man entdeckt viele autobiografische Bezüge in diesem Roman. Das fängt bei einem der Hauptschauplätze des Buches an: der Krochmalna-Straße in Warschau. Dort wohnte Singer lange mit seiner Familie. Seine Eltern mieteten sich gezielt in dieser kärglichen Gegend ein, weil sie aus religiösen Gründen Luxus ablehnten.

Dem jungen Singer missfiel diese Askese und er nabelte sich immer mehr von den Traditionen ab – genauso wie der junge Mann, der mit der "roten Keila" nach Amerika durchbrennt.

In diesem Enthusiasten, der die Thesen des Philosophen Arthur Schopenhauer studiert, sich mit modernen naturwissenschaftlichen Publikationen befasst, aber auch erotischen Obsessionen huldigt, porträtiert sich der Autor ein Stück weit selbst.

Höchste literarische Qualität

Die künstlerische Qualität des Romans ist als außerordentlich hochzuschätzen. Die erzählerische Güte beginnt bei den herrlich sinnlichen Dialogen, in denen Singer häufig eine volkstümliche Bildsprache wählt, die bis zum Äußersten fasziniert. Und sie gipfelt in einem harten Sozialrealismus, der dem von Guy de Maupassant, Honoré de Balzac oder Gustave Flaubert nirgendwo nachsteht.

Wer von einem Buch ständig wachsende Spannung und stilistische Erstklassigkeit erwartet, liegt hier genau richtig. An diesem Buch, das zu Singers Spätwerken gehört und zwischen 1976 und 1977 in Fortsetzungen in der Zeitung "Forverts" erschien, zeigt sich, wie er das Niveau seiner Erzählkunst immer weiter steigerte. Angesichts des ebenso bewegenden wie betörenden Textes mit offenem Ende verwundert es nicht, dass Henry Miller in einer Fernsehdebatte mit Norman Mailer verkündete, sowohl er als auch Mailer seien Singer nicht annähernd gewachsen. Diesem Urteil ist nichts hinzuzufügen.

Isaac Bashevis Singer: "Jarmy und Keila" Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger
464 Seiten, gebunden, 26 Euro
ISBN: 978-3-633-54296-3
Suhrkamp Verlag

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 04. Juni 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR