Buchkritik Gefühlvolle Emigrantengeschichte: Isabel Allendes "Dieser weite Weg"

Mit dem Epos "Das Geisterhaus" erlangte Isabel Allende 1984 auf einen Schlag Weltruhm. Die Chronik einer südamerikanischen Familie bis in die Zeit der Pinochet-Diktatur erreichte allein in Deutschland eine Auflage von fast drei Millionen Exemplaren und wurde in 27 Sprachen übersetzt. Die Produktivität der inzwischen 77-jährigen Schriftstellerin ist ungebrochen. MDR KULTUR-Literaturkritiker Ulf Heise hat ihr aktuelles Buch "Dieser weite Weg" gelesen und sieht ihn als historischen Roman in der Tradition von Lion Feuchtwanger und Bruno Frank.

Isabel Allende
Bestseller-Autorin Isabel Allende – ihr Roman "Dieser weite Weg" ist im Juli auf Deutsch erschienen. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Isabel Allende beglückt ihre riesige Fangemeinde mit einem facettenreichen Familienroman, ganz ähnlich wie zuvor schon 2014 in "Amandas Suche". Die Autorin erzählt in "Dieser weiter Weg" vom Schicksal der Sippe der "Dalmaus", die seit Generationen in Barcelona ansässig ist. Das Leben des Clans ändert sich rigoros, als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbricht. Der Medizinstudent Victor Dalmau tut an der Front in den Reihen der Republikaner Dienst als Sanitäter. Während dieser Zeit stirbt sein Vater an Herzinfarkt und sein Bruder Guillem fällt auf dem Schlachtfeld.

Rasante, turbulente Handlung

Nach diesem dramatischen Einstieg nehmen die rasanten Zuspitzungen kein Ende: Als sich abzeichnet, dass der von General Franco angezettelte Militärputsch in eine Diktatur mündet, flieht Victor aus Barcelona nach Frankreich. An seiner Seite befindet sich die talentierte Pianistin Roser Bruguera, die von seinem toten Bruder schwanger ist.

Doch jenseits der Pyrenäen empfängt die beiden keiner mit offenen Armen, denn es wälzt sich ein gigantischer Asylantenstrom über die Grenze: "Niemand wollte diese Ausländer haben, diese Roten, diese widerwärtigen, dreckigen Fahnenflüchtigen und Verbrecher, wie sie in der Zeitung genannt wurden, sie würden Seuchen verbreiten, stehlen und vergewaltigen und einen kommunistischen Umsturz anzetteln." Weil dem Paar Antipathie entgegenschlägt, entschließt es sich zur Weiterfahrt nach Südamerika.

Familiensaga und historischer Roman

Buchcover Isabel Allende "Dieser weite Weg"
Isabel Allende "Dieser weite Weg" Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Es handelt sich um eine Emigrantengeschichte in der Tradition von Lion Feuchtwanger und Bruno Frank. Dabei sei Isabel Allende ganz bewusst in die Nähe dieser beiden Autoren gestellt, denn sie waren Könige des historischen Romans, die eine enge intellektuelle Bindung zur spanischen Kultur besaßen. Das bewies Bruno Frank etwa mit seinem Roman "Cervantes", in dem er vom Verfasser des legendären Möchtegernritters Don Quichotte erzählte, der irgendwann gegen Windmühlen kämpfte. Lion Feuchtwanger leistete Ähnliches mit dem Buch "Die Jüdin von Toledo".

Betrachtet man das Schaffen von Isabel Allende, so bilden historische Romane wie "Fortunas Tochter" oder "Porträt in Sepia" einen wichtigen Zweig ihres Gesamtqwerkes. Regelmäßig eroberte sie damit vordere Plätze auf Bestsellerlisten. Fasst man den Begriff "historisch" nicht zu eng und klammert das 20. Jahrhundert mit ein, dann sieht man schnell, das Isabel Allendes jüngster Roman nicht nur eine Familiensaga verkörpert, sondern auch einen historischen Roman.

Auch Pablo Neruda spielt eine Rolle

Die Kapitel, in denen der Dichter Pablo Neruda auftaucht, sind die gelungensten. Er war in den 30er-Jahren Diplomat in Chile und bewog seine Regierung dazu, Flüchtlinge aus Spanien aufzunehmen, denn er schwärmte für die spanischen Revolutionäre, auf die er eine Hymne verfasste. Er reiste persönlich nach Europa und organisierte unter anderem die Visa für Victor und Roser, die mit dem Schiff genau an jenem Tag die Anden-Republik erreichen, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Pablo Neruda
Der chilenische Dichter Pablo Neruda Bildrechte: dpa

An der Universität Santiago erringt Victor sein Arztdiplom, Roser macht Karriere am Klavier. Beide führen eine Vernunftehe, raufen sich im Alltag zusammen. Victor knüpft enge Kontakte zu einem Minister namens Salvador Allende und sitzt regelmäßig mit ihm am Schachbrett, zeichnet aber von dem sozialistischen Politiker ein ambivalentes Bild. Er kritisiert seine "bourgeoise Gewohnheiten, seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunstgegenständen zeigte, mit denen er sich umgab." Isabel Allende versichert in einem Nachsatz, dass Figuren wie Victor und Roser zwar fiktiv sind, aber durchweg auf realen Vorbildern beruhen. Das lässt sich leicht glauben, denn sie wirken allesamt sehr authentisch und frisch.

Sentimental, aber nicht rührseelig

Charakteristisch für den neuen Roman der Autorin ist ein impulsiver Stil, der sich aus ihrem feurigen Temperament speist. Ab und an tendiert sie zwar zu Sentimentalität, doch die häufig verbreitete Behauptung, sie fabriziere Edelkitsch, ist Humbug. Allerdings lässt sie sich gern von ihren Emotionen treiben und frönt ihrem Gefühlsüberschwang. Vor allem aber fabuliert sie kurzweilig und sehr plastisch. Sie steht in enger künstlerischer Verwandtschaft zu Miguel Angel Asturias oder Maria Vargas Llosa, die den Magischen Realismus repräsentieren. Dort befindet sie sich künstlerisch in bester Gesellschaft.

Angaben zum Buch Isabel Allende: "Dieser weite Weg"
Übersetzung von Svenja Becker
Suhrkamp Verlag, 2019
Gebunden, 381 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-518-42880-1

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch aktuell | 25. Juli 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2019, 04:00 Uhr

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