Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse "Die grüne Grenze"- Kleinfamilie im Sperrgebiet

Bei einem Kurzbesuch in Deutschland 1987 sah die Amerikanerin Isabel Fargo Cole zum ersten Mal die Mauer von Westberlin aus. Sie wollte wissen, wie es dahinter war, wie man in der DDR lebte. Mitte der 90er-Jahre studierte sie in Berlin und recherchierte. Ihr Romandebüt "Die Grüne Grenze“ ist nun für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert: Ein DDR-Künstlerehepaar zieht von Berlin ins Sperrgebiet in den Harz. In dieser Versuchsanordnung spiegelt die Autorin die politischen Verhältnisse in der Kleinfamilie.

von Hans-Michael Marten, MDR KULTUR

Sie sind in den Harz gezogen, nach Sorge, ins Sperrgebiet. Das war in den Siebzigern. Editha ist Bildhauerin, hier kann sie in Ruhe arbeiten, und Thomas ist Schriftsteller. Jetzt will sie ihn in Bronze gießen. Er soll mit ihrer Tochter Modell stehen für ein Denkmal. Nicht so wie in Berlin. Anders. Und Thomas ist das ideale Modell. Er selbst wurde als Kind von einem sowjetischen Offizier gerettet. "Einen Versuch wäre es wert. Eine einfache menschliche Darstellung. Also: ohne Schwert! Er mit dem Kind auf dem Arm", schreibt Isabel Fargo Cole.

Es ging mir um dieses Bild, was man ja von Treptow kennt. Der Sowjetsoldat rettet das deutsche Kind, das ist so ein Versöhnungsbild eigentlich. Und der sowjetische Soldat als Vaterfigur.

Isabel Fargo Cole, Schriftstellerin

Fargo Cole beschäftigten dann die Fragen: "Hätte sich das auch so wirklich abspielen können? Hätte der sowjetische Soldat wirklich so eine Vaterfigur für ein deutsches Kind sein können?"

Vom Waisenkind zum Russenkind

Seit seiner Rettung hat das Waisenkind Thomas am 8. Mai Geburtstag. Er wird seinen neuen Vater Lew, den er sehr liebt, verlieren. Vorher lebt er mit ihm in der sowjetischen Kaserne in Wünsdorf. Dass dieser sowjetische Held unter Stalin in Ungnade fällt und in den Gulag kommt, weiß das "Russenkind", wie Thomas später im Kinderheim geschimpft wird, nicht. Später studiert er in Berlin Slawistik und Germanistik. "Er hatte sie nie stärker gespürt als jetzt, im kalten Hauch des Ehrenmals, die Kälte, die den Krieg gewann, der Wind aus Sibirien, wohin die Russen die Russen verbannten", schreibt Fargo Cole.

Gerade in dieser Zeit, im Osten wie im Westen Deutschlands gab es vieles in der Vergangenheit, worüber man nicht reden wollte. Ob das jetzt die NS-Zeit war oder die Stalinzeit – und das war für mich interessant zu schauen – wie die Verdrängungen der Vergangenheit, ob jetzt auf historischer Ebene oder auf persönlicher Ebene, wie sie sich verquicken können.

Isabel Fargo Cole, Schriftstellerin

Alles im Roman ist eine Flucht

Isabel Fargo Cole, Schriftstellerin
Schriftstellerin Isabel Fargo Cole. Bildrechte: Simona Lexau

Thomas flieht vor seiner Vergangenheit aus der eingemauerten DDR ins abgeschottete Sperrgebiet im Harz. Das ist erstmal absurd, wird aber dann logisch. "War Sorge einmal erreicht, führten alle Wege nach Osten zurück.", liest man und erlebt, dass alles Denken, Grübeln, alle inneren Monologe wieder Flucht sind aus dem Niemandsland. Das Kind mit unbekannter Vergangenheit, der Waisenjunge, sucht Orientierung.

Jahrelange Recherche und ganz viel Geschichte

Isabel Fargo Cole studierte neue deutsche Literatur in Berlin und übersetzte DDR-Literatur wie Franz Fühmann oder Wolfgang Hilbig, ins Englische. Ihr Debütroman ist das Ergebnis einer jahrelangen Recherche.

Ich schreibe natürlich mit Außenseiterblick. Ich habe mich sehr lange in diese Geschichte vertieft, also in das Lebensgefühl, soweit das indirekt geht. Konkret musste ich sehr viel wissen zum Leben im Sperrgebiet, wo es mir darum ging: Wie läuft so ein Alltag ab in so einer Ausnahmesituation?

Isabel Fargo Cole, Schriftstellerin

Die Recherche war für die Schriftstellerin nicht immer leicht. Und dann habe sie angefangen, Leute in diesem Ort Sorge zu befragen, so Fargo Cole.

Grenzbeobachtungsturm BT-11 im Grenzmuseum in Sorge am Harzer Grenzweg an der ehemaligen innerdeutschen Grenze
Grenzbeobachtungsturm BT-11 im Grenzmuseum in Sorge am Harzer Grenzweg an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Bildrechte: IMAGO

Sie etabliert in die quasi menschenleere Zone bei Sorge ein "Haus des Buches", in dem Thomas Bücher verleiht, während Editha Hexenfiguren schnitzt, die Kultur in die Einöde bringen sollen. So gelingt der Autorin eine liebevolle Anspielung auf die oft absurde Kulturpolitik der DDR. Dieser Alltag wird gebrochen durch die Erinnerung an Thomas' Kindheit, wie er durch das noch zerstörte Berlin stromert. Erst bauen sie stolz die Stalinallee, dann streiken die Arbeiter am 17. Juni. Vom Harz aus hat er dann doch Sehnsucht nach den Haaren von Angela Davis, die Berlin während der Weltfestspiele besucht.

Vom Gulag bis zu den Weltfestspielen, die Fargo Cole mit dem Halbsatz "Fasching traf auf Woodstock" genial beschreibt, von Honeckers scheinbarer Liberalisierungspolitik bis zur regen Fluchtbewegung in den 80ern, füllt das halbe 20. Jahrhundert den Roman. Das ist viel. Das findet auch Fargo Cole: "Ja, eigentlich ist immer zu viel Geschichte. Heute haben wir auch zu viel Geschichte. Es ist auch zu viel in der Welt los. Aber wenn man Geschichte liest, hat man leicht das Gefühl das ist etwas abgeschlossenes, so ein Narrativ, das steht dann so fest."

Wir blicken zurück und wissen alles besser, wissen, dass die Mauer fällt, wissen, dass sich bestimmte Ängste nicht erfüllt haben oder doch, aber der Held weiß es eben nicht.

Isabel Fargo Cole, Schriftstellerin

Stilistisch pendelt der Roman zwischen hinreißenden Gemüts- und Landschaftsbeschreibungen und hektisch hingeworfenen Stichworten, einer Überfülle an Gefühlen und Informationen. Aber vielleicht passt das ja genau zum dem Land, was so zerrissen war und den Menschen, die die Risse erlebt haben.

Isabel Fargo Cole: Die grüne Grenze
Bildrechte: Edition Nautilus

Informationen zum Buch: Isabel Fargo Cole: "Die grüne Grenze"
Erschienen bei Edition Nautilus
496 Seiten, 26 Euro
ISBN 978-3-96054-049-6

Zum Weiterlesen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 15. Februar 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 03:00 Uhr

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