Studierende, Student*innen Autorin Isabelle Lehn: "Gendergerechte Sprache braucht Zeit"

Sachsens Rechtstexte werden geschlechtsneutral. Dass das manch einer für übertrieben, schlicht unnötig oder gar als ein Entstellen der deutschen Sprache hält, liegt daran, dass wir es einfach noch nicht gewöhnt sind – das zumindest meint Autorin Isabelle Lehn im Gespräch mit MDR KULTUR. Dennoch findet sie es wichtig, dass in Gesetzestexten, die für alle gelten, auch sprachlich keiner ausgeschlossen wird.

Im Europawahlprogramm 2019 der Partei Bündnis90/Die Grünen ist das Gendersternchen bei Bürger*innen zu sehen.
Das sprachliche Pausieren beim Gendersternchen klingt für viele holprig. Bildrechte: dpa

Gendergerechte Sprache braucht etwas Zeit, so wie jeder Wandel. Das sagte die Leipziger Autorin und Rhetorikerin Isabelle Lehn MDR KULTUR: Es sei verständlich, dass manche Begriffe vielleicht zunächst sperrig klingen, aber letztlich sei es eine Frage der Gewöhnung, was wir als schön empfinden.

So habe auch das Sächsische einmal als elegante Sprache gegolten, was heute oft anders beurteilt werde. "Schön finden wir immer das, was wir kennen. Und wenn wir uns daran gewöhnt haben, schaffen wir es sogar, Fantasie mit F zu schreiben, obwohl alle gegen die neue Rechtschreibung gewettert haben."

Wandel hat bereits stattgefunden

Isabelle Lehn
Isabelle Lehn Bildrechte: imago images / Christian Grube

Es habe sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits viel geändert, was wir schon gar nicht mehr als Neuerungen wahrnehmen würden, was ein Blick in historische Texte aus den 60er-Jahren zeige. Schriftstellerinnen wir Christa Wolf oder Brigitte Reimann hätten damals von sich in der männlichen Berufsbezeichnung gesprochen. "Die haben gesagt: 'Ich als Autor mache das so und so.' Da bin ich beim Lesen jedes Mal zusammengezuckt, weil das für uns heute wiederum ganz ungewohnt klingt."

Sie werde heute ganz selbstverständlich als Rhetorikerin, Dozentin und Autorin vorgestellt, so Lehn. Hier habe Wandel bereits stattgefunden. "Wir gehen inzwischen von mehreren Geschlechtern aus, und die sollte man in der Sprache dann eben auch, wenn man Sammelbegriffe verwendet, berücksichtigen."

Isabelle Lehn 7 min
Bildrechte: imago images / Christian Grube
Isabelle Lehn 7 min
Bildrechte: imago images / Christian Grube

Gesetzestexte dürfen niemand ausschließen

Zur aktuellen Debatte, dass Sachsen seine Gesetztestexte genderneutral verfassen will, sagte Lehn, es sei wichtig, dass Gesetzestexte, die für alle gelten, niemanden ausschließen. Sie persönlich fühle sich zum Beispiel auch wenig angesprochen von einer Aufforderung, sich als Vertrauensmann zu bewerben. "Ich bin eine Frau und möchte auch so angesprochen werden." Sich von dem Begriff "Mann" angesprochen fühlen zu müssen,  sei doch sehr viel lächerlicher als eine geschlechtsneutrale Formulierung. Lehn verwies zudem darauf, dass es gesellschaftliche Folgen haben kann, wenn sich die Hälfte der Gesellschaft von behördlichen Texten nicht angesprochen fühlt.

Mehr zum Thema Gleichberechtigung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2020 | 08:40 Uhr