Jaques Loussier, 1970
Jacques Loussier im Jahr1970. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Verstorbener Pianist Play Bach: Was Jacques Loussier so besonders machte

Am 5. März ist der französische Musiker Jacques Loussier gestorben. Berühmt wurde er mit seinem "Play Bach Trio", das Werke von Johann Sebastian Bach im Jazz interpretierte. Weltweit verkaufte das Trio sieben Millionen Platten. MDR KULTUR-Jazzexperte Bert Noglik erklärt, warum Jacques Loussier ein besonderer Musiker war.

Jaques Loussier, 1970
Jacques Loussier im Jahr1970. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Bach und Jazz? Das gehört auf den ersten Blick nicht zusammen. Doch das "Play Bach Trio" verkaufte damit Millionen von Platten. Wie jetzt bekannt wurde, ist der Erfinder und Gründer des Jazz-Trios, Jacques Loussier, am 5. März in Blois gestorben.

Loussier war dafür berühmt, die Werke von Johann Sebastian Bach experimentell-verjazzt zu interpretieren. 1978 löste sich das Trio jedoch auf und der Pianist versuchte sich als Produzent und Komponist. Währenddessen arbeitete er mit Künstlern wie Elton John, Sting oder Pink Floyd – dessen berühmtes Album "The Wall" im Studio von Jacques Loussier entstanden ist. MDR KULTUR-Jazzexperte Bert Noglik erklärt, was Loussier als Musiker so besonders machte.

MDR KULTUR: Was war das Geheimnis bzw. die Rezeptur, die Jacques Loussier entdeckt und entwickelt hat?

Jaques Loussier, 2011
Gründer des Play Bach Trios: Jacques Loussier. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Bert Noglik: Er hat etwas herausgefunden, was es vorher natürlich auch schon da und dort gegeben hat, aber er hat es zur Perfektion entwickelt. Er hat rausgefunden, dass man die Strukturen der Musik von Bach, nur minimal zu verändern braucht, um sie im jazz-rhythmischen Sinne zum Swingen zu bringen. Dazu braucht man, was bei Bach vorhanden ist, einen durchgehenden Fundamentalrhythmus. Die Vergegenwärtigung und die Klavierstücke von Bach, die haben so etwas Pulsierendes. Und da hat Loussier angeknüpft und hat dann mit Bass und Schlagzeug – also in der klassischen Jazz-Trio-Besetzung – diese Stücke gespielt. Und auf einmal swingten die wie von alleine. Man brauchte nur ein bisschen zu verändern, die Phrasierung, das Tempo und schließlich dann auch die Themen.

Denn die Themen von Bach, gerade in den Klavierwerken, bieten sich geradezu an, darüber zu improvisieren. Bach selbst war ja ein genialer Improvisator – das haben wir nur aus Zeitzeugenberichten übermittelt, wir haben es nicht in der Notenschrift, da diese schon Verfestigung ist. Aber Jacques Loussier hat eben dieses improvisatorische Element zum Vorschein gebracht. Und er hat es mit kammermusikalischem, dezenten Swing in Szene gesetzt. Dazu braucht man auch diesen Fundamentalrhythmus, aber auch das General-Bassspiel, was auch dem ganz ähnlich ist, was auch im Jazz praktiziert wird. Nämlich die Changes, dem Improvisieren über Harmoniegerüste.

Wie hat sich der typische Loussier-Stil entwickelt?

Er hat als Zehnjähriger angefangen, Klavierstunden zu bekommen. Und hat dann tage- und Wochenlang das Notenbüchlein der Anna-Magdalena Bach gespielt. Und irgendwie wurde es ihm dann einmal zu langweilig und er hat dann eigene Noten da hineingeschmuggelt, da ein bisschen drüber improvisiert – hat es also angereichert.

Es genügte ihm nicht, die Vorlagen notengetreu zu spielen, er wollte sie, im besten Sinne des Wortes, aneignen.

Bert Noglik, MDR KULTUR-Jazzexperte

Dann kam er schon mit 16 Jahren nach Paris ans Konservatorium – da gibt es eine Episode, die hat er selber erzählt: Er trat also an bei diesem Wettbewerb am Konservatorium und sollte ein Stück von Bach spielen. Und mittendrin hatte er ein Blackout, also den Faden verloren. Und was tat er? Er improvisierte. Da brach sich das wieder durch, dieses freie Umgehen mit den Themen von Bach. Er hat dann, um sein Studium zu finanzieren, in Clubs gespielt, mit Roma-Kapellen. Er hat Chansonsängerinnen und –sänger begleitet. Er hatte also eine enorme Vielfältigkeit. Und aus diesem spielerischen Antrieb heraus ist dann 1959 dieses berühmte Play-Bach-Trio entstanden. Eine Platte, die einschlug wie eine Sensation. Vier weitere folgten – insgesamt sieben Millionen Mal verkauft.  

Von Jazz-Puristen ist Loussier manchmal nicht so richtig ernst genommen wurden? Und im Bereich der konservativen Klassik-Fans ist er auch belächelt worden. Hat man ihn missverstanden?

Ich glaube, man hat ihn missverstanden. Er wollte nie ein Purist sein. Und wenn ihn Puristen deswegen schief angeschaut haben – na und? Er hat dafür ein Millionenpublikum auch für die Klassik gewonnen – auch wenn in einer etwas leichten Form. Aber er hat es spielerisch behandelt. Und er wollte nie mehr, als das, was genau der Titel seines Trios war. Genial einfach und doch prägnant auf den Punkt: Play Bach – spielerischer Umgang mit der Tradition

Vincent Charbonnier, Jaques Loussier, Andre Arpino, 2011
Das Play Bach Trio bei einem speziellen Auftritt 2011. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Die Fragen für MDR KULTUR stellte Annett Mautner.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. März 2019 | 16:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2019, 19:41 Uhr

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