Anhaltisches Theater Dessau Mini-Operette "Ba-ta-clan" - eine schräge Geschichte über eine Pseudo-Diktatur

Um Opern und Operetten Corona-tauglich zu machen, wird meist der Rotstift angesetzt, sowohl bei der Länge als auch bei der Besetzung. Das Anhaltische Theater Dessau ist einen anderen Weg gegangen und hat gleich nach einer originalen Kurzoperette gesucht und einen Einakter von Jacques Offenbach aus der Versenkung geholt: "Ba-ta-clan". Offenbach nannte sein Stück eine musikalische Chinoiserie. Die Operette parodiert eine Art Diktatur. Doch leider geht das Konzept nur bedingt auf, wie MDR KULTUR-Kritiker Matthias Käther findet.

Don Lee als Ko-Ko-Ri-Ko, David Ameln als Fé-Ni-Han
Don Lee als Ko-Ko-Ri-Ko, David Ameln als Fé-Ni-Han - in "Ba-ta-clan" Bildrechte: Claudia Heysel
Don Lee als Ko-Ko-Ri-Ko, Rita Kapfhammer als Fé-An-Nich-Ton, David Ameln als Fé-Ni-Han, Roman Weltzien als Ké-Ki-Ka-Ko 7 min
Bildrechte: Claudia Heysel
Don Lee als Ko-Ko-Ri-Ko, Rita Kapfhammer als Fé-An-Nich-Ton, David Ameln als Fé-Ni-Han, Roman Weltzien als Ké-Ki-Ka-Ko 7 min
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MDR KULTUR: Kurze Werke von Offenbach sieht man eher selten auf unseren Bühnen, warum eigentlich?

Matthias Käther: Weil die längeren gefallen den Leuten einfach besser. Er hat mit solchen witzigen Mini-Opern angefangen, daher stammt auch der Begriff Operette, kleine Oper. Aber er hat sich dann selbst ein Bein gestellt, denn nachdem er erstmal angefangen hatte, abendfüllende Hits zu schreiben, wollte das Publikum in Europa nur noch Kracher wie "Die schöne Helena" und "Pariser Leben" sehen. Die Einakter wurden fast vergessen oder unterschätzt, obwohl sie später im Rundfunk wieder populär wurden. Denn die sind meist gut eine Stunde lang – das ist ein tolles Radioformat.

Und es scheint gut zu Corona zu passen, nach einer Stunde ist alles zu Ende, oder?

Ja, und nicht nur wegen der Länge, die frühen Einakter passen wirklich geradezu perfekt ins Corona-Konzept. Denn Offenbach hatte damals auch strenge Auflagen von der Behörde – nicht wegen einer Epidemie, sondern wegen Lizenzen und Brandschutz: Er durfte nur vier Sänger und ein winziges Orchester aufbieten, und "Ba-ta-clan" war einer der frühesten Einakter unter diesen Auflagen.

War "Ba-ta-clan" damals ein Erfolg?

Es war ein gigantischer Erfolg! Wie erfolgreich merkt man daran, dass der Titel sogar noch 2015 auf tragische Weise in die Schlagzeilen geriet, als man in Paris auf den gleichnamigen Veranstaltungsort einen Terroranschlag verübt hat – der Veranstaltungsort hatte sich im 19. Jahrhundert im ersten "Ba-ta-clan"-Fieber nach Offenbachs Werk benannt.

Worum geht es in "Ba-ta-clan" eigentlich?

David Ameln als Fé-Ni-Han
David Ameln als Fé-Ni-Han Bildrechte: Claudia Heysel

Ja, wie immer bei Offenbach ist das eine Mischung aus gesellschaftlicher Satire, absolutem Nonsense und musikalischen Seitenhieben auch auf befreundete Komponisten wie Meyerbeer und auch Rossini. Wir erleben eine pseudochinesische Diktatur auf einer kleinen Insel. Zunächst wird in einer merkwürdigen Fantasiesprache gesungen, eine Mischung aus pseudo-französisch und -italienisch. Aber allmählich entdecken die Hauptfiguren, dass sie gar keine Chinesen sind, sondern allesamt Franzosen, die auf abenteuerliche Weise dazu verdammt sind, die Rolle von chinesischen Politikerinnen und Politikern zu spielen. Sie beschließen, weil sie Heimweh haben, zu fliehen. Was ihnen auch gelingt, zumal sich selbst der Chef der Untergrundbewegung als Franzose herausstellt.

Klingt ziemlich schräg – war der Abend auch so kurzweilig, wie es klingt?

Nein. Der Abend war verblüffend langweilig, um nicht zu sagen zäh. Das ist erstaunlich, denn einen lustigen Offenbach so zu entseelen, dass während der Dialoge Totenstille herrscht und niemand lacht, das ist schon wieder eine eigene Kunstform.

Woran lag es denn?

Roman Weltzien als Ké-Ki-Ka-Ko, Rita Kapfhammer als Fé-An-Nich-Ton
Roman Weltzien als Ké-Ki-Ka-Ko, Rita Kapfhammer als Fé-An-Nich-Ton Bildrechte: Claudia Heysel

Ich glaube, der große Fehler von Regisseur Jakob Peters-Messer war, dieses schnell abschnurrende Stück zu einer fast abendfüllenden Monstrosität von 80 Minuten aufzublähen: gewundene Dialoge, zu viel ablenkender Schnickschnack von der konzentrierten Handlung – sowohl optisch als auch textlich. Man kam sich vor wie inmitten einer Resteverwertung einer gescheiterten Turandot-Inszenierung, als würden die Kulissen versteigert werden, die da übrig geblieben sind: Ein großes Aquarium mit menschlichen Fischen, grellbunte Krinolinenkostüme, extrem schlecht integrierte Seitenhiebe auf Johnson und Trump, die wie eine Pflichtübung nach dem Motto – muss rein, sonst ist es nicht aktuell – wirkten. Für mich persönlich war die Diskrepanz zwischen dem kleinen fragilen Werk und der überladenen fast pomphaften Inszenierung zu groß – der Abend zündete nicht.

Auch musikalisch nicht?

Wenn ich enttäuscht nach Hause gefahren bin, dann nicht wegen der Musiker. Das kleine bunt zusammengewürfelte Orchester unter Wolfgang Kluge hat ausgezeichnet musiziert. Die Mitglieder der Anhaltischen Philharmonie konnten nichts dafür, dass die Instrumentierung von Andres Reukauf allzu hybrid zwischen Moderne und Klassik hin- und herpendelte. Das hat für mich viele musikalischen Effekte eher zerstört als herausgehoben. Und gar keine Vorwürfe sind den vier Akteuren zu machen, alle vier überzeugende Solisten. Besonders der Bass-Bariton Don Lee hat mir gefallen, und Roman Weltzien hat wieder mal daran erinnert, wieviel Offenbach der singenden Schaupielerzunft zu verdanken hat.

Noch ein Wort zum Corona-Konzept – worauf muss sich der Besucher einrichten?

Wie auch im Kino und anderen Theatern heißt es: Maske aufsetzen beim Reingehen, aber während der Vorstellung kann sie abgenommen werden. Etwas Besonderes hat sich das Haus für diese Inszenierung überlegt: Die Zuschauer sitzen nicht im Saal, sondern auf der Bühne auf einem luftigen Metallgestell mit Blick in den Saal, also quasi eine umgekehrte Situation, fast wie bei Alice im Spiegelland. Diese Perspektive zu erleben, dafür lohnt sich der Besuch dann schon wieder.

Das Gespräch führte Constanze Kittel für MDR KULTUR.

Informationen zur Inszenierung im Anhaltischen Theater Dessau: "Ba-ta-clan"

Musikalische Chinoiserie in einem Akt
Musik von Jacques Offenbach, Text von Ludovic Halévy
Musikalische Fassung von Andres Reukauf
Deutscher Text von Jakob Peters-Messer und Johannes Weigand

Nächste Vorstellungen am 18. Oktober, 15 Uhr und 31. Oktober, 17 Uhr

Don Lee als Ko-Ko-Ri-Ko, Rita Kapfhammer als Fé-An-Nich-Ton, David Ameln als Fé-Ni-Han, Roman Weltzien als Ké-Ki-Ka-Ko
Don Lee als Ko-Ko-Ri-Ko, Rita Kapfhammer als Fé-An-Nich-Ton, David Ameln als Fé-Ni-Han, Roman Weltzien als Ké-Ki-Ka-Ko Bildrechte: Claudia Heysel

Theater in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Oktober 2020 | 12:10 Uhr