Jahresausstellung in Halle Franckesche Stiftungen zeigen Faszination der Geologie

Steine gelten als rätselhafte Relikte vergangener Zeiten, blinken in Schmuck, dienen als Rohstoff, gelten als Glücksbringer und Heiler. Im Themenjahr der Franckeschen Stiftungen unter dem Titel "Berge versetzen" wurde nun eine wie immer thematisch passende Ausstellung eröffnet. "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie" ermöglicht einen Rundgang von der Vorgeschichte der Geologie über die Entstehung der modernen Geowissenschaften im 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Exponat der Ausstellung "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie"
Leblos, aber nicht tot: Die Ausstellung zeigt Steine und ihre Bedeutung für die Wissenschaft Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Es ist eine Ausstellung, die in ihrer Form einmalig ist, sagt der Kustos der Franckeschen Stiftungen und auch Kurator der Ausstellung Claus Veltmann: "Wir haben festgestellt, dass es noch nie eine Ausstellung über die Frühgeschichte der Geologie gegeben hat und dass das auch nicht im Zentrum der Forschung stand und dass wir damit Neuland betreten."

Claus Veltmann, Ausstellungskurator und Kustos der Franckeschen Stiftungen
Claus Veltmann, Ausstellungskurator und Kustos der Franckeschen Stiftungen Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Ein Teil der Ausstellung sei dem Hobbygeologen Christian Keferstein aus Halle gewidmet. Er habe im 19. Jahrhundert intensiv geforscht, zum Beispiel die erste geologische Karte von Deutschland veröffentlicht, zu der Goethe die Farben ausgewählt hat. Christian Kefersteins Schaffen, der sein Archiv, seine Bibliothek, die Kartensammlung und auch seine Gesteinssammlung zunächst den Franckeschen Stiftungen vermachte, die dann später in die hallesche Universität wanderte, werden auch erstmals gezeigt, so erklärt der Kurator: "Besonders macht ihn, dass er geologisches Wissen weitergeben wollte. Er gründete eine Zeitschrift zur Geologie. Sammelte das Wort für 'Stein' in allen möglichen Sprachen und brachte ein Verzeichnis der Schriften zur Geologie heraus. Er war da wirklich Idealist."

Steine, sinnlich inszeniert

Ein Idealist ist auch Kurator Tom Gärtig. Immerhin ist diese Ausstellung sein "Gesellstück", da er derzeit an den Franckeschen Stiftungen als Volontär tätig ist. Ihm ging es bei dem Ausstellungskonzept vor allem darum, das Thema "Stein" nicht so statisch daherkommenden zu lassen. In der Ausstellung laufen Videos, zu den unterschiedlichen Auffassungen über die Erdentstehung. Und betritt man die Ausstellung, werden gleich alle Sinne angesprochen: "Wir werden Klänge zu hören bekommen, die wir gar nicht richtig deuten können. Wir sehen plötzlich Dinge neben uns aufscheinen. Fossilien sind zu sehen und wir fragen uns: Was könnte das sein? Plötzlich beginnt ein Kristall zu wachsen. Das sind alles so Dinge, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Oder auch die Frage: Wie riecht eigentlich ein Vulkanausbruch?"

Exponat der Ausstellung "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie"
"Berge versetzen": Ein Ausstellungsmotto im doppelten Wortsinn Bildrechte: MDR/Anne Sailer

In sieben Zimmern widmet sich die Ausstellung neben Christian Keferstein, geologischen Karten, dem Bergbau, der Kefersteinschen Gesteinssammlung auch Diskussionen, die im 18. und 19. Jahrhundert geführt wurden. So gab es beispielsweise eine Basalt-Diskussion, bei der es darum ging, ob Steine aus Wasser oder Feuer entstanden.

Jubiläumsjahr für die Franckeschen Stiftungen

Das Jahresmotto der Franckeschen Stiftungen "Berge versetzen" findet sich dann auch in der Jahresausstellung und vor allem in dem Begleitprogramm im historischen Waisenhaus wieder. Der Direktor der Stiftungen Thomas Müller-Bahlke erklärt, dass sich "Berge versetzen" auch auf das dreißigste Gründungsjubiläum des Freundeskreises der Stiftung bezieht: "Zum einen begehen wir und werfen noch einmal einen Blick auf den Wiederaufbau der Franckeschen Stiftung, bei dem Menschen vor 30 Jahren angefangen haben, aus diesem vernachlässigten Ensemble wieder einen blühenden Bildungskosmos zu machen."

Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen
Thomas Müller-Bahlke, Direktor der Franckeschen Stiftungen, zeigt ein seltenes Mineral Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Gleichzeitig gelingt es, das Thema aktuell zu betrachten, wenn man der Frage nachgeht: Wie viele Steine können wir Menschen noch versetzen, bevor dieser Planet endgültig zerstört ist? Schließlich leben wir im Anthropozän, das ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche, nämlich des Zeitalters, in dem der Mensche zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.

Exponat der Ausstellung "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie"
Blick in die Ausstellung "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie" Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Thomas Müller-Bahlke erklärt weiter: "Und wenn wir der Frage nachgehen, wie eine wissenschaftliche Disziplin entstanden ist, dann kommen wir eben bei der Geologie zu dem Punkt, wo wir feststellen: Das hat sehr viel mit dem Umgang des Menschen mit seiner Umwelt zu tun. Und nimmt man die Debatten aus der Aufklärung hinzu, wo es ja zunächst um einen ausschließlich theologischen Ansatz ging. Noch bis weit in das 19. Jahrhundert war auch für die überzeugtesten Wissenschaftler klar, dass eine theologische Dimensionen bei all diesen wissenschaftlichen Fragen mitschwingend. Das ging dann erst später verloren."

Exponat der Ausstellung "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie"
Eine Videowand in der Jahresausstellung in den Franckeschen Stiftungen Bildrechte: MDR/Anne Sailer

Heute seien wir an einem Punkt der Rückbesinnung und der Frage, ob die reine wissenschaftliche Befassung mit einem Thema ausreicht oder ob man nicht doch eine spirituelle und eine ethische Dimension mit einziehen muss, die dann wieder den Bogen schlage zur Theologie.

Angaben zur Jahresausstellung der Franckeschen Stiftungen 2020 "Im Steinbruch der Zeit. Erdgeschichten und die Anfänge der Geologie"
20. September 2020 bis 21. März 2021

Franckeplatz 1
Haus 1 - Historisches Waisenhaus
06110 Halle

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, feiertags: 10 bis 17 Uhr

Eintritt:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Kinder bis 18 Jahre frei

Termine:
28. Oktober, 18 Uhr: Gespräch zu Klimaforschung, Geologie und Meinungsbildung
4. und 11. Oktober, 1. und 15. November, 6. und 13. Dezember: Familientag
11. Oktober: Steinsprechstunde
3. November: Vortrag über Wissenschaftspraxis und Pietismus

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. September 2020 | 09:45 Uhr