Musikalischer Jahresrückblick Das sind die besten Pop-Alben 2017

Es war kein schlechtes Pop-Jahr, meint MDR KULTUR-Musikexperte Stefan Maelck und verrät seine persönlichen Album-Charts. Aber es gab auch musikalische Enttäuschungen. Stefan Maelck mit einem "schwer subjektiven" Rundumschlag durch die Musiklandschaft und den schönsten Konzertmomenten 2017.

Die Top 5 Platten des Jahres

The War On Drugs
The War On Drugs hatten 2017 ihr bestes Album bisher. Bildrechte: Warner Music/Shawn Brackbill

Natürlich gab es 2017 gute Platten, und fünf von ihnen haben es unter meine "Fünf Besten" geschafft. Den fünften Platz belegt Adam Granduciel aka The War on Drugs. Denn er legte mit dem neuen Album "A deeper understanding" sein bisher bestes vor. Auch wenn er auf dem Album mitunter verdächtig nach Bryan Adams klingt, es nimmt mich trotzdem mit.

Arcade Fire bewiesen mit "Everything now", dass sie ABBA können, und Depeche Mode zeigten mit "Spirit", dass sie manchmal noch Depeche Mode können. The National demonstrierten mit "Sleep well Beast", dass es noch depressiver und elektronischer geht. Und Father John Misty hat mit seinem dritten Soloalbum "Pure Comedy" gleich mal die Fleet Foxes und Grizzly Bear hinter sich gelassen. Platz Vier geht deshalb an Father John Misty.

Älterwerden im Pop und Rock

Als das beste deutsche Album des Jahres rufe ich "Ich vs. Wir" von Kettcar aus. Erwähnt werden sollten auch die neuen Alben von Casper, Kraftklub, Die Liga der Gewöhnlichen Gentlemen, Wenzel und Maurenbrecher.

Und was gab es sonst so? Da lässt sich noch einmal das Älter-Werden-Thema aufgreifen, denn man möchte fast sagen: "Traue keinem unter 50."

So erfreute 2017 vor allem Neil Young mit zwei Alben, dem verschollenen "Hitchhiker" und einem neuen: "The Visitor". Van Morrison präsentierte auch zwei neue Alben, "Roll With The Punches" und "Versatile", beide sind okay, aber nicht so gut wie "Keep me singing" von 2016.

Lee Renaldo von Sonic Youth veröffentlichte "Electric Trim" mit Texten des amerikanischen Autors Jonathan Lethem. Gelungen waren außerdem Billy Braggs Minialbum "Bridges Not Walls" und "Native Invader" von Tori Amos. Formidable Alben lieferten Michael McDonald, David Crosby, Joe Henry, Howe Gelb, Greg Allman, Paul Brady und Ron Sexsmith. Jeff Tweedy von Wilco produzierte ein weiteres großartiges Mavis Staples-Album.

Und es gab auch jüngere Künstler, die überraschten: Die Australierin Jen Cloher legte mit ihrem selbstbetitelten Album quasi das "Horses" von 2017 vor. "Horses" hieß das das Patti Smith-Debüt von 1975. Platz Drei geht deshalb an Jen Cloher.

Die Allerbesten am Pophimmel

Bei Platz Eins und Zwei konnte ich mich lange nicht entscheiden. Schließlich habe ich Morrissey mit "Low in High School" auf den zweiten Platz verwiesen. Man muss wahrlich nicht bei jeder Aussage von "Mozzer" mitgehen, aber mit seinem neuen Album beweist der Brite abermals, dass er einer der letzten ist, der den Ur-Impuls von Rock'n'Roll noch ernstnimmt, nämlich Rebellion und Provokation. Und seine Selbstoptimierungs-Verweigerungs-Hymne "Spent the Day in Bed" ist der Song des Jahres.

Und jetzt Platz Eins - einfach ganz großartig: Robert Plant, der alte Barde ist jetzt auf Nonesuch Records und hat mit "Carry Fire" sein bestes Album aller Zeiten vorgelegt. Das Material ist sogar besser als das meiste, was er mit Led Zeppelin gemacht hat. Aber, Plant muss sich den ersten Platz teilen mit den Waterboys. Ihr Doppelalbum "Out of all this Blue" hat es in sich. Es ist quasi eine musikalische Reise durch die Geschichte der populären Musik in all seinen Spielarten: Rock, Soul, Folk, Country, Gospel.

Besondere Reunions und Boxen-Glanzstücke

CD-Box - David Bowie: A new career in town
Die CD-Box über David Bowies Berlin-Jahre Bildrechte: Parlophone / Warner Music

In diesem Jahr gab es jede Menge bemerkenswerte Reunions, so The Jesus & Mary Chain mit "Damage and Joy" und The Dream Syndicate mit "How did I find myself here". Hervorzuheben sind auch einige Boxsets: Remasterte Klassiker sowie Live- und Extramaterial aus den Künstlerkellern, manchmal in Superqualität, manchmal auf "Schnürsenkel" aufgenommen.

Ganz klar zu rühmen ist hier Bob Dylan mit "Trouble no more", Teil 13 der Bootleg Series - großartige Liveaufnahmen aus seiner Gospelphase, die erst heute so richtig verstanden wird und wofür diese Box hilfreich ist. Weitere Glanzstücke sind David Bowies Berlin-Jahre auf "A new career in town" sowie R.E.M. mit einer "Automatic for the People"-Box. Ganz vorn jedoch rangiert Wilco mit der Deluxe-Ausgabe ihres zweiten Albums "Being there", das zu Recht als das "Weiße Album" des Country-Rocks gilt.

Konzerthöhepunkte und -enttäuschungen

Nick Cave
Bei Nick Cave waren sich alle einig: grandios! Bildrechte: IMAGO

2017 gab es ein Konzert, dass alle überstrahlte: Nick Cave im Oktober in Berlin. Über die herausragende Qualität dieses Abends scheint sich die Republik einig zu sein. Apropos Republik, Deutschland - das ja seit Wochen unregiert lebt - hatte 2017 für kurze Zeit eine super "Regierung", genauer: Die Regierung - die legendäre Indie-Band von Tilman Rossmy war noch einmal für ein Abschiedsalbum namens "Raus" und eine kurze Tour zurückgekommen. Bei dem Konzert in Leipzig im Werk II erinnerten sich eingeweihte Melancholiker an die Zeit kurz nach dem Mauerfall, als Blumfeld, Flowerpornoes und Die Regierung gemeinsam auf Tour durch die ostdeutschen Clubhäuser die blühenden Landschaften suchten. Die Regierung ist mittlerweile bei "Staatsakt" untergekommen, dem Label der Stunde. Hier ebenfalls unter Vertrag und gut zu hören sind Mesmo und Levin goes lightly.

Patti Smith live auf der Kulturarena Jena 2014
Konzert mit Patti Smith - war 2017 für Stefan Maelck enttäuschend Bildrechte: MDR/Holger John/Viadata

Nicht unerwähnt sollte das phänomenale Konzert von The Slow Show aus Manchester bleiben, eine Veranstaltung im Rahmen der Kulturarena Jena, die sowieso eine verlässliche Adresse für Musikerlebnisse mit Nachhall ist. Ausgesprochen schlecht fand ich Kings of Leon in der Waldbühne Berlin und Patti Smith in der Zitadelle. Im Fall von Smith lag es nur zur Hälfte an der Musikerin, der Rest des Unbehagens war dem chaotischen Veranstaltungsort geschuldet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Dezember 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2017, 03:00 Uhr