Silhouette eines Mannes am Fenster
"Gaslighting" heißt der psychologische Begriff für emotionalen Missbrauch, bei dem das Opfer in den Wahnsinn getrieben werden soll. So wie im Roman von Jan Drees. Bildrechte: Colourbox.de

Literatur "Sandbergs Liebe": Roman über die Zerstörungskraft einer manipulativen Liebesbeziehung

Romanheld Kristian Sandberg hat über eine Dating-App die Frau seines Lebens gefunden. Doch diese manipuliert ihn, sodass er seine eigene Wahrnehmung und schließlich den Boden unter seinen Füßen verliert. Der verstörende Roman "Sandbergs Liebe" ist das dritte Buch von Jan Drees, der auch Kritiker und Redakteur beim "Deutschlandfunk Büchermarkt" ist. MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher hat mit ihm über sein Buch und das psychologische Phänomen "Gaslighting" gesprochen.

Silhouette eines Mannes am Fenster
"Gaslighting" heißt der psychologische Begriff für emotionalen Missbrauch, bei dem das Opfer in den Wahnsinn getrieben werden soll. So wie im Roman von Jan Drees. Bildrechte: Colourbox.de
Jan Drees: Sandbergs Liebe 9 min
Bildrechte: Secession Verlag

Kristian hat über eine Dating-App die Frau seines Lebens gefunden. Doch Kalina manipuliert ihn, bis er am Abgrund steht. In "Sandbergs Liebe" erzählt Jan Drees von emotionalem Missbrauch, "Gaslighting" genannt.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 19.01.2019 18:05Uhr 08:31 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jan Drees: Sandbergs Liebe 9 min
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Kristian hat über eine Dating-App die Frau seines Lebens gefunden. Doch Kalina manipuliert ihn, bis er am Abgrund steht. In "Sandbergs Liebe" erzählt Jan Drees von emotionalem Missbrauch, "Gaslighting" genannt.

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MDR KULTUR: In Ihrem Roman tut sich ein perfider Abgrund auf. Doch zunächst, wer ist dieser Sandberg, wer ist seine Liebe?

Jan Drees: Kristian Sandberg ist Anfang 30, als er ein traumhaftes Jobangebot bekommt, in einer Literaturagentur. Das hatte er sich schon immer gewünscht. Er zieht nach Hamburg und schon in den ersten Tagen seines Jobs lernt er über die Datingapp "Once" Kalina kennen, eine umwerfende brünette Frau. Sie ist Zahnärztin, hat eine eigene Wohnung, die sie gerade gekauft hat, sie ist teuer gekleidet und unfassbar charmant - eine Frau, bei der er schnell denken wird: Die möchte ich heiraten.

Doch irgendwann begreifen wir zusammen mit dem Protagonisten: Hier wird manipuliert. Wie macht Kalina das?

Sie macht es mit Tricks, mit Manipulationstricks. Wenn er beispielsweise sagt: "Ich liebe dich" - sagt sie: "Ich liebe dich auch, aber dass du mich liebst, glaube ich dir nicht, bitte beweise es mir." Es gibt Situationen, in denen sie sagt, er habe im Café mit einer anderen Frau geflirtet, die er selbst gar nicht wahrgenommen hat. Und er fängt an, sich zu entschuldigen, mehr und mehr. Er merkt gar nicht, wie er in eine Schuldschleife hinein gerät, die ihn immer schwächer werden lässt. Irgendwann fängt er an zu zittern, und am Ende geht es ihm richtig schlecht.

Ein Zitat aus Ihrem Buch lautet: "Du darfst nie wieder gehen, ab jetzt bist du unverzichtbar" - das ist ja hochgradig vergiftet!

Wenn wir uns mit psychischem Missbrauch in Liebesbeziehungen beschäftigen, dann lesen wir schnell, dass zu den Strategien des Täters gehört, den Partner, die Partnerin, von seinem Umfeld zu isolieren. Weil das Umfeld könnte ja möglicherweise aufmerksam sein und sagen: Pass mal auf, Kristian Sandberg, hier läuft etwas schief. "Du darfst nie wieder gehen" bedeutet: Sei immer an meiner Seite, und irgendwann wird dann die Person, die man liebt, zur einzig echten Bezugsperson. Und dann steht man ziemlich alleine da.

Dieses psychologische Phänomen hat einen Namen: "Gaslighting". Was hat es damit auf sich?

Filmszene aus Das Haus der Lady Alquist, mit Ingrid Bergman
Der Film "Das Haus der Lady Alquist" (Im Original: "Gaslight") von George Cukor aus dem Jahr 1944 basiert auf Patrick Hamiltons Theaterstück. Ingrid Bergman erhielt für ihre Rolle den Oscar als Beste Hauptdarstellerin. Bildrechte: imago/Prod.DB

Gaslighting ist ein psychologischer Begriff, der sich anlehnt an ein Theaterstück aus dem Jahr 1938, in dem ein Ehemann seine Ehefrau in den Wahnsinn treiben will. Er macht das, in dem er ihr die Wahrnehmung abspricht. Sie sagt: "Das Gaslicht flackert", (daher "Gaslighting) - und er sagt: "Nein, das flackert nicht."

Wenn man die Wahrnehmung eines Menschen über einen gewissen Zeitraum hinweg zerstört und ihm sagt: "Das, was du wahrnimmst, was du fühlst, ist nicht real" - dann wird dieser irgendwann sagen: "Vielleicht bin ich verrückt. Möglicherweise irre ich mich". In der schlimmsten Form kann diese Art der Wahrnehmungsabsprechung, der Gefühlsabsprechung - dieses "Du liebst mich ja gar nicht", obwohl man selber ja weiß: "Doch natürlich liebe ich dich" - bis in den Selbstmord führen.

Eine große Rolle spielen die elektronischen Medien mit "Once", dieser Dating-App. Diese Art der Kommunikation scheint die Möglichkeit, ein Gaslight-Syndrom zu entwickeln, enorm zu befördern?

Jan Drees: Sandbergs Liebe
Jan Drees: Sandbergs Liebe Bildrechte: Secession Verlag

Es gibt erste Vermutungen in der Wissenschaft, dass beispielsweise diese Dating-Apps Menschen miteinander verknüpfen, die sich im analogen Leben niemals getroffen hätten. Hinzu kommt, dass beim ersten Kennenlernen unser Bauchgefühl fehlt. Wir treffen im normalen Leben Menschen, und wir sehen sie in Aktion, wir können ihre Stimme hören, doch über diese Dating-App wird vor allem erstmal geschrieben. Man trifft sich wegen eines Bildes, das einem gefällt, und dann schreibt man, und dann fehlen oft soziale Sicherheitschecks, durch Freunde, die uns oft helfen zu verstehen, wie wir zu einer Person stehen. Das wird online durch einen Algorithmus ersetzt, der eine Sicherheit vorgibt, die nicht da ist und nicht davor schützt. Und wir haben die Möglichkeit, z. B. auf Facebook oder Instagram, ein Leben von uns darzustellen, das viel schillernder ist als das reale Leben. Und so haben Narzissten die Möglichkeit, sich eine Bühne zu geben. Narzissmus und Gaslighting hängen oft zusammen.

Das Gespräch führte Katrin Schumacher, Literaturredakteurin von MDR KULTUR. Die ganze Sendung "Unter Büchern" können Sie als Podcast abonnieren:

Angaben zum Buch: Jan Drees: "Sandbergs Liebe"
Erschienen bei Secession
Gebunden ohne Schutzumschlag
190 Seiten, 20 Euro
ISBN: 978-3-906910-49-9
ISBN: 978-3-906910-50-5 (E-Book)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 19. Januar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2019, 04:00 Uhr

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