Ereignisse in Chemnitz Schriftsteller Jan Kuhlbrodt: In Chemnitz kommt etwas zutage, was immer da war

Der 1966 in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) geborene Schriftsteller Jan Kuhlbrodt kennt Meckerer und Pöbler in der Stadt noch aus seiner Kindheit. Aus seiner Sicht haben sich viele von ihnen nach 1989 mit dem Strand auf Mallorca begnügt, anstatt die Welt kennenzulernen. Auch habe Sachsen an kultureller Bildung gespart. Ein Gespräch über die Gründe für Rassismus in Chemnitz.

Herr Kuhlbrodt, Sie sagten, wenn Sie jetzt in Chemnitz diese Demonstrationen sehen, dann fürchten Sie, dort bekannte Gesichter wieder zu entdecken? Sind das dann die Mitläufer - denn mit echten Nazis haben Sie nichts am Hut?

Ganz gewiss nicht! Obwohl ich natürlich nicht weiß, ob jemand aus meiner Schule von damals vielleicht dazu gehört. Es ist eine Befürchtung, dass Leute, die ich von früher kenne, dass die da plötzlich auf dieser Seite auftauchen. Ich kann mir das vorstellen - wenn ich mich an Gespräche von früher erinnere, welche Schimpfwörter zum Beispiel in der Schule benutzt worden. Da kann ich mir vorstellen, dass sich der eine oder andere auf dieser Seite wiederfindet, vielleicht nicht als kurz geschorener Nazi, sondern als so genannter besorgter Bürger.

Beschreiben Sie das Milieu doch mal, in dem Sie aufgewachsen sind.

In der DDR war ja alles gut durchmischt durch die Wohnungspolitik, da wohnten Ärzte neben Arbeitern in den Neubaugebieten. Aber was damals schon herrschte und zwar quer durch alle Schichten, war ein gewisser Rassismus, zum Beispiel der Umgang mit Vertragsarbeitern, wenn die sich mal in unsere Gegend verirrt hatten. Wie man die auch bezeichnet hat, als "Fidschis" und "Guppis", auch die Abwehr gegen Kubaner, die in der DDR gearbeitet haben - das war präsent und überall.

Dennoch gab es in der DDR den Drang, in die weite Welt zu wollen und diese kennenlernen?

Sie haben es ja nicht gemacht. Viele sind natürlich nach der Wiedervereinigung gereist, aber ganz viele eben nur in solche Enklaven wie Mallorca. Die sind nicht los gefahren, um das Fremde zu entdecken, sondern um am Strand zu liegen. Denen ging es nicht darum, andere Kulturen kennen zu lernen.

Ist das jetzt ein Stereotyp, der für den "gemeinen Chemnitzer" spricht oder ist das eine Erfahrung, die Sie aus dem Milieu heraus ziehen, in dem Sie aufgewachsen sind?

Wenn ich nach Chemnitz kam, dann haben mir doch die meisten erzählt, wie lustig es auf Mallorca war. Sie haben nicht erzählt, welche Museen sie in Spanien oder sonstwo besucht haben, sondern nur, was es zu trinken gab. Ich war im Krisenland an der Küste und da war ein Bratwurststand, das war Anfang der 90er, und an diesem Bratwurststand gaben sich quasi die Deutschen, und ich nehme an, auch viele Ostdeutsche, die Klinke in die Hand, anstelle zwei Meter weiter zu gehen in ein uriges griechisches Lokal. Es ging gar nicht groß darum, etwas kennen zu lernen. Das kann man natürlich nicht pauschalisieren, es gab natürlich auch die, die sich freuten, die Welt entdecken zu können, das sind aber auch die, die jetzt auf der anderen Seite stehen.

Warum blickt man immer so gern nach Sachsen - Vorfälle mit der rechten Szene gibt es doch auch anderswo?

Sachsen ist ein bedeutendes großes Land mit einem großen wirtschaftlichen Aufkommen, Sachsen zieht auch den Blick an aufgrund seiner Stärke. Die Industrie in Chemnitz ist ja sprichwörtlich seit über 100 Jahren, da geht der Blick mehr drauf als nach Mecklenburg-Vorpommern oder in entvölkerte Gebiete Thüringens. Das ist auch ein bisschen unfair, weil es solche Tendenzen natürlich überall gibt, auch in Westdeutschland. Das ist jetzt nicht so, dass dies in irgendeinem sächsischen Gen läge.

Chemnitz hat lange daran gearbeitet, das Image der grauen Industriestadt abzustreifen und sich zu einer weltoffenen Kultur- und Kunststadt zu wandeln. Wie sehr schadet diese Entwicklung jetzt Chemnitz?

Es kommt jetzt was zu Tage, was man vergessen hat, zu bearbeiten. Wenn man sieht, was in Sachsen im Bildungsbereich gekürzt wurde, und viel mehr Wert auf eine technische Bildung gelegt wurde als auf eine kulturelle. Ich denke einfach, dass in Chemnitz jetzt was zu Tage tritt, was immer da war. Es ist nicht repräsentativ für die Stadt, aber für einen bestimmten Teil der Bevölkerung der Stadt, die jetzt gewissermaßen die Oberhand gewinnt, die auch immer schon gemeckert haben, dass zuviel Geld ins Museum fließt und nicht in Fußball.

Das Gespräch führte André Sittner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. September 2018 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. September 2018, 16:54 Uhr

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