Sammelband "Das Jahr 1990 freilegen": Ein einzigartiger Blick auf die Wendezeit

Das Jahr 1989 hat sich in das Gedächtnis der deutschen Bevölkerung eingebrannt. Dabei war es das Jahr 1990, in dem alles anders wurde. Davon erzählt der Band "Das Jahr 1990 freilegen" von Jan Wenzel, das den Alltag dieser Zeit in einzigartigen Bildern und Texten wieder auferstehen lässt.

von Nils Kahlefendt, MDR KULTUR

In einer der legendären Leipzig-Dokus von Andreas Voigt ist sie festgehalten, die Nacht, in der die D-Mark kam, und man beim "Titanic-Fest" im Szene-Club Nato tanzte, so lange die Schiffskapelle spielte. In Gänze allerdings lässt sich das verrückte Jahr 1990 schwer erinnern. Ein Umstand, der den Verleger Jan Wenzel zum Geschichts-Archäologen werden ließ.

Wie er erklärt, war die ursprüngliche Idee für seine Recherchen orientiert an den Kollektivfilmen der 70er-Jahre. Zum Beispiel "Deutschland im Herbst". "Eine Anzahl Leute zusammenzurufen, und etwas gemeinsam zu machen, zu dieser Fragestellung: Was war dieses Jahr 1990?", so Wenzel.

Ein eifriger Sammler

Eine Gruppe von Kindern und Erwachsenen stehen auf einem Platz und trinkt Cola.
Der Band bietet Fotos, die nun erstmals zu sehen sind. Bildrechte: Spector Books/ Gerhard Gäbler

Der Plan ging nicht auf. Doch der Verleger merkte, dass das Original-Material für sein Vorhaben produktiver war. Ein Jahr lang hat er gelesen und zusammengetragen, was ihm aus dem und über das Jahr 1990 in die Hände fiel. Ein Buch führte zum nächsten, ein Geflecht aus Wahlverwandtschaften und Gegensätzen. "Performatives Lesen" nennt Wenzel seine Suchbewegung. Ihn habe interessiert, die eigene Lektüre zeigen zu können.

"Das Jahr 1990 freilegen" ist ein Buch aus lauter Büchern. Wir finden Sitzungsprotokolle des Runden Tischs und Interviews, die Günter Gaus mit prominenten Bürgerrechtlern und Politikern geführt hat. Notate von Kurt Biedenkopf oder Kohls Berater Horst Teltschik aus dem Kanzleramt stehen neben Briefen der in der DDR untergetauchten und 1990 inhaftierten RAF-Terroristin Inge Viett aus dem Gefängnis. Daneben traf sich Wenzel mit Fotografinnen und Fotografen, um gemeinsam Kontaktbögen aus der Wende-Zeit zu durchforsten.

Bilder der Wendezeit

Der Autor erklärt, wie die erste Phase für das Buch im Jahr 2017 gewesen sei. Da hatten Anne König und er das Fotofestival "f-stop" in Leipzig kuratiert, bei dem das Jahr 1990 eine zentrale Rolle einnahm. "Einige der Fotografinnen und Fotografen spielten bei dem Festival auch schon eine Rolle, Ute Mahler, Andreas Rost, Christiane Eisler zum Beispiel."

Viele der Bildstrecken, meist in kargem Schwarz-Weiß, sind im Buch erstmals veröffentlicht. Daneben finden sich farbige Magazinseiten, die für Parfüm, Laptops und Mobiltelefone werben – damals noch eine recht schwere und kostspielige Angelegenheit. Alexander Kluge hat 32 Geschichten beigesteuert, die ein Gegengewicht zur Macht der Fakten schaffen, ein phantasievolles "So-könnte-es-auch-gewesen-sein."

Eine bildstarke Reise in die Vergangenheit

Eine Doppelseite aus dem Buch 'Das Jahr 1990 freilegen'
Das Buch ist eine Mischung aus Texten und historischen Bildern der Zeit. Bildrechte: Spector Books

Der konkrete Arbeitsprozess habe so ausgesehen, erzählt Wenzel, dass er jeden Tag mit dem Grafiker Wolfgang Schwärzler per Skype Seiten gebaut habe - indem sie sich gegenseitig ihre Bildschirme spiegelten. "Unser Pensum waren zwei bis sechs Seiten, dann war das ein guter Tag. Und so ging das Tag für Tag ein Stück voran."

Auf fast 600 großformatigen Seiten, von denen keine der anderen gleicht, saugt uns diese suggestive Text-Bild-Montage förmlich mit Haut und Haaren in die Vergangenheit – und ist doch hoch aktuell. In einer Zeit, da die Deutungshoheit über Wende und Wiedervereinigung erbittert umkämpft ist, zeigt "Das Jahr 1990 freilegen", wie sich Geschichte auch erzählen lässt: Als polyphone Montage, in der Aufbruch und Enttäuschung, Emanzipation und neue Demütigung gleichzeitig in den Blick kommen.

Cover des Buches "Das Jahr 1990 freilegen".
Bildrechte: Spector Books

Infos zum Buch "Das Jahr 1990 freilegen"
von Jan Wenzel
Verlag: Spector Books Leipzig
592 Seiten
ISBN: 9783959053198
36 €

Mehr zur Wendezeit

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Februar 2020 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Februar 2020, 04:00 Uhr